Zehnjähriges Kanzlerjubiläum „Merkel wird nicht geliebt, sondern respektiert“

Vor zehn Jahren wurde Angela Merkel zur Bundeskanzlerin gewählt. Im Interview erklärt Politikberater Michael Spreng, wie Merkel zur überzeugten Europäerin wurde und warum sich ihr Schicksal im Frühjahr entscheiden wird.

Angela Merkel feiert zehn-jähriges Jubiläum als Kanzlerin: Eine Bilanz. Quelle: Bloomberg

Noch vor wenigen Monaten schien Angela Merkel als Kanzlerin und CDU-Chefin unangreifbar. Jetzt steht sie wegen ihrer Flüchtlingspolitik mächtig in der Kritik. Hat das Ende der Merkel-Ära begonnen?
Merkel ist in Gefahr. Ob sie ihr Amt im Zuge der Flüchtlingskrise verliert, ist aber noch nicht entschieden. Über den Winter muss es Frau Merkel zusammen mit den europäischen Partnern gelingen, die Außengrenzen zu sichern und mit der Türkei eine Vereinbarung zu erzielen, um den Flüchtlingszustrom zu drosseln. Sollten im Frühjahr dann wieder Hunderttausende in wenigen Monaten kommen, könnte das Ende der Ära Merkel beginnen.

Zur Person

Hat Merkel ihren Zenit überschritten?
Ob sie ihren Zenit überschritten hat, entscheiden im Frühjahr die Wähler in Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt.

Die Landtagswahlen entscheiden über die Zukunft der Kanzlerin?
Ja, insbesondere wenn es in Baden-Württemberg sehr schlecht für die CDU läuft, hat Merkel ein Problem. Die Kanzlerin wird von der CDU nicht geliebt, sondern respektiert. Dieser Respekt kommt daher, dass sie der CDU die Macht garantiert. Wenn die Mehrheit daran zweifelt, wird es eng.

In den letzten Wochen wurde immer wieder über einen Aufstand gegen Merkel spekuliert. Dafür bräuchte es aber einen Anführer. Wer könnte das sein?
Wenn überhaupt, wäre Wolfgang Schäuble die Schlüsselfigur. Alle anderen sind zu schwach. Schäuble ist ein starker, erfahrener Politiker und hat großen Rückhalt in der Partei. Wenn er sich deutlich von Merkel absetzen würde, könnte es für sie gefährlich werden.

In der Bevölkerung genießt Merkel weiterhin hohes Ansehen.
Ja, deshalb sagen viele in der CDU: Wir wollen Merkel im Prinzip behalten, sie ist prima. Nur in der Flüchtlingsfrage muss sie zur Vernunft kommen. Die Frage ist nur, ob sie – im Sinne der Partei – zur Vernunft kommen möchte. Denn sie kann ja ihre Prinzipien und ihre Haltung, die sie im Sommer formulierte, nicht über Bord verwerfen. Dann würde sie ihr größtes Kapital verlieren – ihre Glaubwürdigkeit.

In den vergangenen zehn Jahren hat sich Angela Merkel einige Male neu erfunden. Welche Wandlung hat Sie am meisten überrascht?
Die derzeitige. Frau Merkel war immer eine sachorientierte und abwägende Politikerin, die wartet, bis sich alle sich geäußert haben und sich dann festgelegt. In der Flüchtlingskrise ist es umgekehrt gewesen. Sie hat sich festgelegt und verlangt von der Partei, dass sie ihr folgt. Das ist neu.

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