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Zum 60. Geburtstag der Kanzlerin Ist Merkel nur noch „Mutti auf Abruf“?

Am Donnerstag wird Angela Merkel 60 – das heizt die Debatte um ihre Zukunft erneut an. Kritik perlt an der „Welt-Mutti“ konsequent ab, sie definiert bereits die Linien über 2017 hinaus. Alternativen sind rar.

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Angela Merkel in einem Münchener Bierzelt im Mai 2013: Am Donnerstag feiert die deutsche Bundeskanzlerin ihren 60. Geburtstag. Quelle: Reuters

Berlin Wenn der Konstanzer Historiker Jürgen Osterhammel am 17. Juli im Konrad-Adenauer-Haus ans Pult schreitet, wird er nicht nur einen Vortrag mit dem sperrigen Titel „Vergangenheiten: Über die Zeithorizonte der Geschichte“ halten. Er leistet auch einen wichtigen Beitrag zum gewünschten Image von Angela Merkel. Zum 50. Geburtstag hatte die CDU-Vorsitzende noch einen Hirnforscher reden lassen, weil sich die ostdeutsche Protestantin nicht groß feiern lassen wollte. Zum 60. Geburtstag ist die subtile Botschaft nach außen: Auch nach achteinhalb Jahren Regierungszeit ist Merkel immer noch dieselbe. Andere mögen rauschende Partys geben. Die Physikerin dagegen will, dass sie und ihre Gäste etwas lernen.

Doch der Eindruck reiner Kontinuität und professoraler Biederkeit täuscht. Denn nach einem halben Jahr ihrer dritten Amtszeit als Regierungschefin prägen zwei andere Aspekte das Bild der ersten deutschen Kanzlerin: Zum einen erhält sie auf internationalem Parkett einen unverkennbaren Star-Status. Weil die Innenpolitik derzeit vor allem aus der Umsetzung eines detailliert vereinbarten Koalitionsvertrages besteht, rätseln viele, was sie bis 2017 in Europa und der Welt vorhat.

Zum anderen aber wabert seit der Bundestagswahl eine Nachfolgedebatte durch die Republik. Und die, so räumen auch ihre Mitarbeiter und Parteifreunde ein, dürfte sie nicht mehr loslassen – schon weil niemand weiß, wie lange Merkel eigentlich im Amt bleiben möchte. Dabei gibt es immer mehr Hinweise, dass sie gerade aus der Außenpolitik eine längerfristigere Perspektive ableitet – auch für ihre Kanzlerschaft. Kein Zufall also, dass mit Osterhammel ein Historiker ausgewählt wurde, der ein Spezialist für Weltgeschichte und nicht für bundesrepublikanische oder europäische Nabelschau ist. Der „Spiegel“ nährte die Merkel-Spekulationen am Sonntag mit einem Bericht, wonach die Kanzlerin vor dem nächsten Wahltermin freiwillig zurücktreten könnte.


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    Als das „Luxemburger Wort“ Ende Mai berichtete, Merkel werde bald als UN-Generalsekretärin kandidieren, entfachte dies in Deutschland kaum Aufregung. Das lag nicht nur daran, dass eine Luxemburger Zeitung nicht unbedingt als sicherste Quelle für einen bevorstehenden Wechsel einer deutschen Kanzlerin nach New York angesehen wird. Vielmehr hakten viele Journalisten dies unter dem Stichwort „schon wieder“ ab. Denn verschiedene Medien haben in den vergangenen Monaten fast alle Varianten eines angeblich geplanten Wechsels Merkels auf die internationale Ebene durchgespielt – vom EU-Kommissionspräsidenten über den EU-Ratspräsidenten bis zum UN-Generalsekretär wurde sie für alle möglichen Posten gehandelt.

    Ein Grund dafür ist, dass Merkel bereits nach gut acht Jahren Kanzlerschaft den Nimbus hat, den sich Helmut Kohl nach 16 Jahren Amtszeit und der Wiedervereinigung gesichert hatte – den einer „Weltpolitikerin“. Gerade erst hat das US-Magazin „Forbes“ die 59-Jährige wieder zur mächtigsten Frau der Welt gekürt. Als „the greatest leader in Europe“ hat die frühere US-Außenministerin und mögliche demokratische Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton sie gewürdigt. „Keine Frage, Merkel wird in Washington und Brüssel als echte Weltpolitikerin wahrgenommen - schon weil sie geschickt Machtpolitik betreibt“, sagt Jan Techau, Direktor des Brüsseler Büros der amerikanischen Carnegie-Stiftung.

    Immer deutlicher wird, wie wohl sich Merkel fühlt, wenn sie mit internationalen Gästen vor der blauen Wand im Ersten Stock des Kanzleramts steht - wo sie sich höchstens wundert, dass die Besucher neben ihr immer jünger werden, wie der 34-jährige estnische Ministerpräsident Taavi Roivas. Die Schuldenkrise mit den endlosen Marathonsitzungen im Brüsseler EU-Rat hat sie erst durch einen diplomatischen Abhärtungskurs geschickt - und ihr dann aber auch gezeigt, welche Gestaltungsmöglichkeiten sie als Kanzlerin Deutschlands hat. „Das hat ihr Ansehen international zementiert“, sagt Techau. Die Rettung der Eurozone habe sie erst nach einigem Zögern als ihre Aufgabe angenommen, dann aber als Aufgabe zur Neuaufstellung Europas in der Globalisierung begriffen.


    Eine Taktikerin, aber keine Strategin

    Jetzt rücken zunehmend internationale Themen auf ihre Agenda: Die Spionageaktivitäten der Amerikaner und die Pläne für das angestrebte EU-US-Wirtschaftssabkommen zwingen die erklärte Transatlantikerin plötzlich zu einer Neujustierung der Beziehungen zu Washington. Die Ukraine-Krise sorgt dafür, das Verhältnis zu Russland neu zu definieren. Im Süden sieht Merkel die große Herausforderung, aus reinem Eigeninteresse der EU zu versuchen, Afrika zu stabilisieren. Und schon seit Jahren bastelt sie mit mittlerweile bereits sieben Besuchen daran, das Verhältnis Deutschlands mit der kommenden Supermacht China auf eine dauerhafte Basis zu stellen. Wie die Kanzler vor ihr genießt Merkel es sichtlich, auf dem Feld der Außenpolitik selbstständiger und ohne die täglichen aufreibenden Auseinandersetzungen mit einem Koalitionspartner agieren zu können. Und die normalerweise zurückhaltende Politikerin wird öffentlich kritischer, bezieht Positionen: In der Ukraine-Krise gegenüber Wladimir Putin, in der Spionageaffäre jetzt gegenüber den USA.

    Die Frage ist aber, wo sie eigentlich hin will. „Das ist die Frage, die bei Deutschland immer gestellt wird“, sagt auch Carnegie-Experte Techau. Merkel sei eine begnadete Taktikerin, aber keine wirkliche Strategin. Immerhin häufen sich in ihren letzten Reden auffällig die Hinweise auf die Bedeutung von Forschung und Entwicklung. Bereits auf Hannover Messe 2013 hatte Merkel die technologische Aufholjagd in der IT-Branche gegenüber den USA ausgerufen - und dies ähnlich wie die Rettung des Euro zur Schicksalsfrage für das Bestehen als Industrienation und der künftigen Bedeutung der EU gemacht. Zumindest soll die Mittelmacht Deutschland fest als Mitspieler im Orchester nicht unbedingt der Großen, aber der weltweit Erfolgreichen verankert werden, so ein Vertrauter. Also will Merkel in den Debatten zunehmend den Blick der Deutschen der Europäer über die EU-Grenzen hinaus lenken - denn da sitzen die wirtschaftlichen Konkurrenten, mit denen sich die europäischen Firmen messen müssen.

    Um dies zu erreichen, wendet Merkel - notgedrungen - dieselbe Strategie an wie in der Innenpolitik: Als Regierungschefin einer Mittelmacht setzt sie auf Kontakte. Seit achteinhalb Jahren bastelt Merkel systematisch an einem globalen Netzwerk. Dabei knüpft sie Kontakte frühzeitig und strategisch. Das verbindet, weil es Loyalitäten mit Politikern schafft, die Machtpositionen erst noch erobern. Bestes Beispiel ist der italienische Shooting-Star Matteo Renzi, den Merkel bereits ins Kanzleramt eingeladen und damit gebauchpinselt hatte, als er noch Bürgermeister von Florenz war. Das half seiner Karriere in Italien - und sichert ihr nun bei allen Meinungsverschiedenheiten persönliche Loyalität. Vehement hat der sozialdemokratische Ministerpräsident die Kanzlerin nun schon mehrfach gegen Angriffe von inneritalienischen Kritikern verteidigt. Eine weitere Strategie Merkels ist es, regelmäßig bei Auslandsreisen an Top-Universitäten zu sprechen und mit den Studenten zu diskutieren. Denn hier hat sie schließlich die Elite von morgen vor sich.


    Heute ist Merkel „Mutti der Welt“

    Das System funktioniert selbst bei der kommenden Supermacht China, wo sie bereits jetzt die Früchte frühen Netzwerkens erntet. Merkel kennt sowohl Präsident Xi Jinping als auch Ministerpräsident Li Keqiang schon aus Zeiten, bevor beide die Top-Ämter in Peking einnahmen. Deshalb öffnet Li für sie schon mal den eigentlich seit vielen Jahren geschlossenen Himmelstempel in Peking, in dem früher chinesische Kaiser für gute Ernten beteten. Und der mächtige Präsident Xi bittet die Kanzlerin zum Abendessen mit seiner Frau, obwohl er als Staatsoberhaupt protokollarisch auf einer anderen Ebene steht.

    Früher bezeichnete der FDP-Chef Philipp Rösler Merkel als „Mutti des Kabinetts“. Heute erscheint sie zunehmend als „Mutti der Welt“. Denn die Physikerin hat nicht nur die männlichen CDU-Granden in ihrer Partei politisch überlebt - sondern auch fast alle Staats- und Regierungschefs in der EU und unter den großen Ländern weltweit. Früher holte sich Merkel noch Rat von weisen Männern wie dem mittlerweile aus dem Amt geschiedenen indischen Präsidenten Manmohan Singh oder dem 2013 abgetretenen chinesischen Ministerpräsidenten Wen Jiabao. Heute ist oft sie es, die um Rat gefragt wird, weil sie länger im Amt ist als ihre Gesprächspartner.

    Das ist auch deshalb der Fall, weil die Ostdeutsche im stärker werdenden Systemkampf zwischen Demokratien und autoritären Regierungen die „richtige“ Biographie hat. Schon unter US-Präsident George Bush wurde sie zur Freiheits-Ikone für die Amerikaner, weil sie in einem kommunistischen Regime groß wurde, um dann in einem kapitalistischen System an die Spitze zu gelangen. Das funktioniert aber auch bei US-Präsident Barack Obama, der sie mit der „Medal of Freedom“ auszeichnete, weil die ehemalige DDR-Bürgerin eine weltweite „Stimme für Menschenrechte und Würde“ geworden sei.

    In der EU-Debatte beanspruchte sie als Ostdeutsche, das Bindeglied zwischen Ost und West, Nord und Süd zu sein: Mal betonte Merkel während der Schuldenkrise bei Besuchen in den südlichen Euro-Staaten, dass sie aus Nach-DDR-Zeiten ganz genau wisse, wie schwierig der Strukturwandel sei und welche Opfer dieser erfordere. Als sie jetzt in Schweden mit den Regierungschefs von Großbritannien, Schweden und den Niederlanden zusammentraf, trat sie dagegen als Vertreterin eines reformfreudigen Nordeuropas auf. Und in China hatte sie mit dem jetzigen Staatspräsident Xi schon über Kommunismus parliert, als der noch Chef der KP-Parteischule war.


    Eine politische Überlebenskünstlerin

    Auch gegenüber chinesischen Elite-Studenten betont sie bewusst die biographische Brücke, um die Saat eines demokratischen Wandels auszustreuen: „Nur eine Gesellschaft, die offen, pluralistisch ist, die jedem seine Freiräume gibt, (ist) in der Lage, die Zukunft erfolgreich zu gestalten“, mahnte sie den Studenten an der Tsinghua-Universität in Peking. Das wirkt glaubwürdig, wenn es von jemandem kommt, der beide Systeme kennengelernt hat. Immer wieder hämmert sie Zuhörern dabei eine Botschaft ein: Wachstum und Demokratie sind kein Widerspruch.

    Ironischerweise ist die politische Überlebenskünstlerin in ihrer dritten Amtszeit gerade für autoritäre Regierungen sogar der lebende Beweis dafür, dass liberale Demokratien und freie Wahlen nicht immer mit einem schnellen Machtverlust verbunden sind. „Der Eindruck, anders als Obama, Francois Hollande oder David Cameron die innenpolitischen Lager anscheinend unter Kontrolle zu haben, wird überall bewundert“, sagt Carnegie-Experte Techau. Deshalb glaubt er auch nicht, dass die Rolle eines UN-Generalsekretärs neben den Mächtigen der Welt für Merkel überhaupt interessant sein könnte - obwohl ihr meist nicht-polarisierendes Auftreten in dem Job helfen würde.

    Ganz konflikt- und risikolos ist die internationale Rolle für Merkel aber nicht. Die fehlenden Erfolge im Ukraine-Russland-Konflikt werden zwar nicht ihr angelastet. Aber zuletzt hatten die Wirrungen um die Nominierung von Jean-Claude Juncker als EU-Kommissionspräsident plötzlich Kratzer am Nimbus der scheinbar immer souveränen Merkel hinterlassen. Zeitweise hinterließ sie den Eindruck, als werde sie von den Entwicklungen schlicht überrollt. Das bescherte ihr wenig schmeichelhafte Kommentare ihres Koalitionspartners und politischen Gegners SPD sowie selbst von Unions-Europaabgeordneten. Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter warf ihr gar vor, Juncker von hinten „weggrätschen“ zu wollen und sprach von „undemokratischen Machtspielchen“. Am Ende half Merkel, dass andere Politiker wie der britische Premierminister Cameron noch stärker als Verlierer dastanden.


    Die geliehene Macht

    Letztlich hat die demonstrative internationale Wertschätzung für Merkel ohnehin nicht nur etwas mit ihrer Person, sondern auch mit der wirtschaftlichen Stärke Deutschlands zu tun - das hat auch die Kanzlerin mehrfach eingeräumt. Denn die Bundesrepublik wird seit der Schuldenkrise als mit Abstand wichtigster Spieler in der EU angesehen - und als Partner, der von Geld, Berufsbildung, Rechtsstaat bis Technologie etwas zu bieten hat. "Nur das sichert der Bundesregierung doch die Bedeutung etwa bei der chinesischen Führung", sagt Sebastian Heilmann, Chef der China-Denkfabrik Merics in Berlin. Und schließlich trägt auch der Auftritt der Fußball-Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft in Brasilien positiv zum Image bei.

    Techau verweist auf eine Einschätzung des früheren amerikanischen Botschafters John Kornblum, dass Deutschland trotz der „nur“ 80 Millionen Einwohnern nach den USA und China in Wahrheit das weltweit drittwichtigste Land sei - den Deutschen dieser Einfluss aber eher unangenehm sei. „Die entscheidendes Frage ist deshalb: Kann und will Merkel die Kluft zwischen Anspruch an Deutschland und tatsächlichem Verhalten schließen? Das wäre ihre außenpolitisches Meisterstück.“ Sicher ist das nicht, weil es wohl eine Menge unangenehmer, unpopulärer Entscheidungen bedeuten würde - nicht nur größere politische Anstrengungen wie im Fall Ukraine, sondern wohl auch besser ausgerüstete eigene Geheimdienste und ein stärkeres Militär.

    Immerhin spielt Merkel die Bedeutung Deutschland manchmal sehr wohl aus: Als einzige EU-Regierungschefin kann sie Chinas Führung überhaupt Pressekonferenzen mit Fragen abpressen - obwohl die Kanzlerin jedes Mal die Missachtung der Meinungsfreiheit in China anspricht.

    Jedenfalls ist die Zeit für eine noch stärkere internationale Profilierung für die dann 60-Jährige besonders günstig: Denn 2015 übernimmt Deutschland die G7-Präsidentschaft. Das sichert der Kanzlerin die medienwirksame Gastgeberrolle für die Mächtigen der Welt. Und sie hat bereits Vorhaben abgesteckt: Deutschland will sowohl helfen, neue Entwicklungshilfe-Ziele zu vereinbaren als auch ein verbindliches weltweites Klimaschutzabkommen durchzusetzen. 2015 soll also die frühere „Klimaschutz“-Kanzlerin zurückkehren - was parteiintern als Grundlage für etwaige schwarz-grüne Koalitionsüberlegungen nach der nächsten Bundestagswahl begrüßt wird. Als sie an der Tsinghua-Universität in Peking ein Plädoyer für eine nachhaltige Politik abgab, war der mitreisende Grünen-Chef Cem Özdemir jedenfalls sehr angetan.


    Wahlen werden nur zu Hause gewonnen

    Dennoch wiegelt man im Merkel-Lager ab: Die Kanzlerin werde auf keinen Fall auf internationaler Ebene abheben. „Denn Wahlen werden innenpolitisch gewonnen“, heißt es mahnend auch in der CDU. Im Kanzleramt ist noch gut in Erinnerung, dass die SPD Merkel mit einigem Erfolg in der ersten Koalition vorgeworfen hatte, sie selbst betreibe eine „Politik der roten Teppiche“ in der Welt und sonne sich auf Deck des Regierungsdampfers, während die Sozialdemokraten sich im Maschinenraum abrackerten.

    Also sitzt Merkel am Tag nach der China-Reise im Roten Rathaus in Berlin mit den ostdeutschen Ministerpräsidenten zusammen. Nun geht es nicht mehr um die großen strategischen Fragen, sondern um Details wie die Bahnverbindungen nach Polen oder Rentenansprüche für DDR-Professoren. So wie die SPD-Kabinettskollegen lobt auch Thüringens Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht dabei ihre Detailkenntnis. Aber ganz einfach fällt Merkel der Wechsel von der großen auf die kleine Bühne dann doch nicht: In China hat sie gerade erneut das rasante Tempo einer aufstrebenden Weltmacht mit strategischer Weitsicht zu spüren bekommen. In Berlin dagegen kann sie sich wohl auch deshalb ein spöttisches Lächeln nicht verkneifen, als Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit wieder einmal nach der Endlosgeschichte des Berliner Flughafens gefragt wird.

    Die „Mission Bodenhaftung“ ist aber längst ausgerufen. Schon 2012 startete Merkel einen umfassenden Bürgerdialog, um ein Gefühl für Stimmung und Themen deutscher Wähler zu bekommen. 2015 ist die nächste Phase des Dialogs geplant. Und um die Waage zwischen dem Koalitionspartner SPD und dem Unions-Wirtschaftsflügel zu halten, muss die CDU-Vorsitzende ständig und überall vermitteln. Denn die Stimmung in der Koalition ist trotz einer großen Mehrheit im Bundestag eher fragil. In der SPD stellt man sich zunehmend die Frage, was die große Koalition bringt, wenn man trotz der Umsetzung eigener Leib- und Magenthemen bei niedrigen Umfragewerten verharrt.

    Das hat die Frage aufgeworfen, wie „alternativlos“ eigentlich Merkel selbst ist. Ausgerechnet der von ihr ausgewählte neue CDU-Generalsekretär Peter Tauber hat die Debatte mit befeuert, als er sagte, dass man auch in der CDU über eine Urwahl eines Kanzlerkandidaten nachdenken könne. Damit war zwar kein Votum über Merkel gemeint, falls sie 2017 ein viertes Mal antreten will. Aber plötzlich ist der Gedanke an die „Endlichkeit“ der Merkel-Herrschaft offiziell. „Es war doch klar, dass wir diese Debatte in der dritten Amtszeit kriegen würden - die werden wir auch nicht mehr los“, räumt ein CDU-Präsidiumsmitglied ein.

    Der 60. Geburtstag wird deshalb die Frage erneut aufwerfen, wie lange Merkel III. ihren Job eigentlich noch ausüben will. Immerhin wurde vor Jahren kolportiert, dass sie Ministerpräsidenten angesichts der Herausforderungen der modernen Mediendemokratie nach zehn Jahren für „verbraucht“ hält. Sie selbst regiert aber in dem noch viel anstrengenderen Job als Kanzlerin schon achteinhalb Jahre. Ihr Mann Joachim Sauer, der eigentlich in diesem Jahr seinen Professoren-Posten an der Berliner Humboldt-Uni aus Altersgründen räumen könnte, hat zwar selbst erst einmal verlängert. Aber Merkel hatte früher auch den Anspruch formuliert, selbst über ihren Absprung von der politischen Spitze entscheiden zu wollen - und nicht wie ihr einstiger Mentor Kohl bis zum bitteren Ende am Amt zu kleben. Kohl unterlag 1998 gegen seinen SPD-Herausforderer Gerhard Schröder, weil die Wähler nach 16 Jahren genug von dem Dauerkanzler hatten und er selbst seinen potenziellen Nachfolger Wolfgang Schäuble weggebissen hatte.


    Merkel ist weiter das Zugpferd der Union

    Um die Debatte über ein mögliches vorzeitiges Ende auszutreten, hat Merkel zumindest betont, auf jeden Fall bis zum Ende der Legislaturperiode im Amt bleiben zu wollen. Beendet hat dies die Diskussion über die Nach-Merkel-Ära aber nicht. Ausgerechnet auf dem Höhepunkt ihres internationalen Ansehens spekulierte das Magazin „Cicero“, dass die saarländische Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer nun Merkels Kronprinzessin sei - nachdem zuvor Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen medial als wahrscheinlichste Nachfolgerin gehandelt worden war.

    Nur die Demoskopen bremsen. „Das ist eine reine Mediendebatte. Merkel ist weiter das klare Zugpferd für die Union, was eine ernstzunehmende Nachfolgedebatte in der Union unwahrscheinlich macht“, sagt etwa TNS-Emnid-Geschäftsführer Oliver Krieg. Die CDU brauche sie zum Siegen. „In der Bevölkerung ist von einer Wechselstimmung oder irgendeinem Merkel-Abnutzungseffekt nichts zu spüren.“ Nach mehr als acht Jahren Regierungszeit sei genau dies das Verblüffende. Gerade erst meldete der ARD-Deutschlandtrend, dass 71 Prozent der Deutschen mit Merkel sehr zufrieden oder zufrieden seien. Ganz ähnlich ist das Ergebnis im ZDF-Politbarometer.

    „Deshalb ist die Lage nicht mit der Endphase Kohl vergleichbar“, sagt TNS Emnid-Chef Krieg. Forsa-Chef Manfred Güllner verweist auf die Diskrepanz in der Einschätzung von Journalisten und Wählern. Gerade Merkels viel kritisiertes „Auf-Sicht-Fahren“ und ihre oft abwartende Haltung kämen in der Bevölkerung gut an. Die Protestantin vermittele den Eindruck, sie rackere sich ohne Unterlass ab. „Offenbar haben die Wähler derzeit das Gefühl, das Land sei bei ihr in guten Händen - auch wenn sie nicht genau wissen, wie das Leipziger CDU-Reformprogramm und die nun beschlossenen Renten- und Mindestlohnreformen eigentlich zusammenpassen“, sagt Güllner. Bisher scheint jedenfalls alle Kritik der Medien, der Opposition und aus den eigenen Reihen an der „Teflon-Kanzlerin“ abzuprallen - egal, ob es um ihren mangelnden Kompass geht, angeblich oder tatsächlich fehlende Überzeugungen oder den „Verrat der Werte der CDU“.

    Bleibt die offene Frage, wie lange Merkel weitermachen will. „Dafür brauchen wir einen langen Atem“ ist jedenfalls eine Redewendung, die sie auffallend häufig verwendet, etwa am 2. Mai vor der American Chamber of Commerce mit Blick auf die Ukraine. Gebraucht hat Merkel ähnliche Hinweise auf die Größe von Herausforderungen auch im Zusammenhang mit der technologischen Aufholjagd im IT-Bereich, dem Klimaschutz, der Entwicklungspolitik oder der zukunftssichernden Aufstellung der Euro-Zone und der EU. Zumindest semantisch hat sie damit die Grundlage für eine wesentlich längere Kanzlerschaft gelegt.

    CDU-Parteivize Armin Laschet hatte schon im Dezember gesagt, er halte es für gut möglich, das Merkel 2017 ein viertes Mal antreten werde. Sehr ironisch und mit Anspielung auf Helmut Kohl hatte die „tageszeitung“ damals zur dritte Kanzlerwahl Merkels den Titel „Halbzeit“ gewählt. In der CDU wird allerdings augenzwinkernd dementiert, dass man sich schon Gedanken mache, welcher Wissenschaftler zum 70. Geburtstag reden solle.

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