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Zuwanderung und Bildung Das Märchen von den bildungsfernen Migranten

Aufstieg durch Bildung ist ein bestimmendes Leitmotiv von Migranten in Deutschland, zeigt eine neue Studie.

Schüler mit dunklen Haaren Quelle: dpa

Zuhal ist Mutter zweier Töchter. Jeden Abend liest die Kölnerin ihren Kindern ein Buch vor, und zwar, so sagt sie, „egal wie müde ich bin“. Deutsche Bücher müssen es sein, wegen der Sprache. Zuhal ist in Deutschland geboren, als Kind eines türkischen Einwanderers, der 1968 seine Heimat verließ. Sie selbst besuchte die Realschule und machte danach eine Ausbildung zur Friseurin. Nichts würde sie sich mehr wünschen, als dass ihre Töchter noch weiter kämen als sie. Abitur, vielleicht ein Studium.

Ihr Berufswunsch für die beiden ist Lehrerin – und dafür tut Zuhal einiges: Als ihre ältere Tochter – vorher schon Klassenzweitbeste mit einem Notenschnitt von 1,3 – eine Englisch-Klausur mit der Note 2,7 nach Hause brachte, riefen sie und ihr Mann prompt eine Nachhilfelehrerin an. Die, lacht sie, fände derart viel Sensibilität für die Schule ein wenig „lustig“.

Zuhal wird in einer neuen Studie der Universität Düsseldorf porträtiert, die von der Vodafone- und Mercator-Stiftung gefördert wurde. Denn mit ihrer Einstellung und ihrem Ehrgeiz ist sie repräsentativ für die Ergebnisse der Untersuchung: Eltern mit Migrationshintergrund definieren für ihre Sprösslinge ambitionierte Bildungsziele und wollen ihren Kindern zudem ein sehr großes Maß an Unterstützung zukommen lassen. Das „pauschale Urteil über das vermeintlich fehlende Bildungsinteresse in Migrantenfamilien“, wie es in der Studie heißt, ist deshalb nicht nur pauschal: es ist auch falsch.

Vor diesen Problemen stehen die Zuwanderer
Teilnehmer eines Kurses "Deutsch als Fremdsprache" Quelle: dpa
Eine Asylbewerberin wartet in der Zentralen Aufnahmeeinrichtung in Berlin Quelle: dpa
Eine Frau sitzt in einem Flüchtlingsheim in einem Zimmer Quelle: dpa
Ein Flüchtling sitzt vor einer Gemeinschaftsunterkunft der Asylbewerber Quelle: dpa
Verschiedene Lebensmittel liegen in der Asylunterkunft in Böbrach (Bayern) in Körben Quelle: dpa

Mangelnde Chancengerechtigkeit

Das bedeutet allerdings ebenfalls: Die mangelnde Chancengerechtigkeit des deutschen Bildungssystems, die häufig auch Migrantenkinder beim Aufstieg benachteiligt, hat ihre Ursachen selten in den Familien – sondern vielmehr im System selbst.

So gut wie alle für die Studie befragten Eltern (96 Prozent) halten Bildung für den wichtigsten Schlüssel eines gelungenen Lebens. Mehr als zwei Drittel sehen niemanden außer sich selbst in der Hauptverantwortung für den Schulerfolg ihrer Kinder – und nicht etwa Lehrer.

Mehr als zwei Drittel der Eltern verbringen deshalb mehr als eine halbe Stunde täglich mit der Hilfe in allen Schulbelangen. Sogar ganze 72 Prozent unterstützen ihre Kinder „immer oder häufig“ bei Hausaufgaben. „Über alle Milieus hinweg“, schreiben die Autoren, „wird der Wunsch geäußert, dass die Kinder es einmal besser haben sollen.“ Die „Erwartung einer hohen Bildungsrendite“ sei sehr stark.

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Einkommen und Informationen fehlen

Allerdings, so der weitere Befund, fühlen sich viele Eltern bei der Erfüllung dieses Wunschs nicht ausreichend unterstützt. Je angespannter der soziale und finanzielle Status der Familie, desto schwieriger empfinden es Mütter und Väter, ihre Ambitionen auch umzusetzen. Ihnen fehlen häufig entweder Einkommen oder die nötigen Informationen zum Bildungssystem, bisweilen ist auch die eigene mangelnde Ausbildung ein Problem. Hier sind Schule und Ämter gefragt.

Beunruhigend ist zudem ein weiteres Umfrage-Ergebnis: Obwohl sich eine große Mehrheit der Befragten eine Kultur der Wertschätzung für Vielfalt an den Schulen wünscht (88 Prozent), so sehen weniger (66 Prozent) diese Kultur auch bereits verwirklicht.

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