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Allianz-Chefvolkswirt Heise "Die EZB muss die Märkte auf den Ausstieg vorbereiten"

Allianz-Chefvolkswirt Michael Heise erklärt, warum die Europäische Zentralbank (EZB) zwar zügig den Ausstieg aus der lockeren Geldpolitik einleiten muss, aber dennoch weiter viel Geld in die Märkte pumpen sollte.

Prof. Dr. Michael Heise, Chefvolkswirt der Allianz SE, im Interview mit WirtschaftsWoche. Quelle: Oliver Rüther für WirtschaftsWoche

WirtschaftsWoche Online: Herr Heise, in der kommenden Woche berät die Europäische Zentralbank (EZB) wieder über ihren Leitzins. Vor allem die niedrige Inflationsrate von 0,7 Prozent ist im Moment Anlass zur Sorge. Was erwarten Sie von den Währungshütern?

Michael Heise: Ich bin ziemlich sicher, dass die EZB die Zinsen nicht erneut absenken wird. Es ist aber gut möglich, dass sie neue Instrumente ankündigt, um Banken weiterhin umfangreiche Liquidität zur Verfügung zu stellen. Unkonventionelle Maßnahmen aus der Vergangenheit laufen in der nächsten Zeit aus und sollten von der Zentralbank zumindest teilweise ersetzt werden. Das betrifft die beiden Langfristtender, mit denen sich Europas Banken Ende 2011 und Anfang 2012 Geld zu äußerst günstigen Konditionen bei der EZB leihen konnten und deren Restlaufzeit nun schon unterjährig ist.

Die zehn größten Euro-Lügen 2013
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Jean-Claude Juncker Quelle: dpa

Im Volksmund sind die Tender, bei denen sich Banken unbegrenzt und billig Geld bei der EZB leihen konnten, als „Dicke Bertha“ bekannt geworden. In Deutschland waren sie höchst umstritten. Trotzdem sollen sie fortgesetzt werden?

Es ist nach wie vor sehr wichtig, dass ausreichend Liquidität für die Banken verfügbar ist. Das Problem sind weniger die niedrigen Inflationsraten. Vielmehr sind weiterhin Probleme am Interbankenmarkt gegeben, an dem sich Banken untereinander Geld leihen. Das Vertrauen ist hier noch nicht vollständig wieder hergestellt. Banken aus den Krisenländern sind weiterhin auf die EZB angewiesen. Würde alles wieder funktionieren, hätten wir nicht mehr die hohen Target2-Salden im System, die entstehen, wenn sich Notenbanken untereinander Geld leihen. Die EZB ist daher gefordert, den Märkten die Sicherheit zu geben, dass Liquiditätsengpässe verhindert werden.

Aber nicht alle Banken Europas sind auf das Geld der EZB angewiesen. Birgt eine zweite „Dicke Bertha“ nicht enorme Inflationsrisiken, gerade für starke Euro-Länder wie Deutschland?

Nein, die Inflationsrisiken sind zurzeit gering. Im Übrigen gibt es keinen Grund, warum Banken das Geld nahezu kostenfrei erhalten sollen, so wie es bei den normalen Tendergeschäften der Fall ist. Das Geldangebot sollte ausreichend sein, aber nicht zum Nulltarif kommen. Die EZB sollte ihre bisherigen Ankündigungen, die Zinsen für eine längere Zeit niedrig zu halten, modifizieren.

Der Instrumentenkasten der EZB

Die Zentralbank soll also ihre Ankündigung, die Zinsen über einen längeren Zeitraum niedrig zu lassen, verändern?

Ich denke die Forward Guidance ist gar nicht mehr erforderlich, vielleicht ist sie sogar destruktiv. Stattdessen müssen die Märkte wissen, dass die Phase von Nullzinsen eine endliche Zeit ist. Das wäre für die generelle Risikobereitschaft an den Finanzmärkten ein positives Signal. Auch die Banken am Geldmarkt müssten ihre Bonität dann mit mehr Nachdruck verbessern. Die EZB muss anfangen, die Märkte auf den Ausstieg aus der lockeren Geldpolitik vorzubereiten.

Sie plädieren also dafür, die Banken weiterhin mit viel Geld zu versorgen. Gleichzeitig lehnen Sie eine weitere Senkung der Zinsen ab. Wie passt das zusammen?

Niedrigere Zinsen bringen überhaupt gar nichts mehr. Sie würden weder die konjunkturelle Entwicklung beeinflussen noch das Preisniveau nach oben treiben. Stattdessen könnte die Risikobereitschaft an den Finanzmärkten noch stärker ansteigen und die Jagd nach Rendite noch riskanter werden. Die gefährlichen Nebenwirkungen einer Zinssenkung würden die Vorteile also um ein Vielfaches übersteigen.

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