Alternative zur Währungsunion Die Lehren aus der Vorgeschichte des Euro

Das europäische Währungssystem vor 1999 hat seinen Zweck erfüllt. Die historische Analyse zeigt, dass ökonomische Rationalität allein weder die Einführung des Euro begründen kann, noch seine Verteidigung um jeden Preis.

Die größten Pleitestaaten der Welt
Norwegische Insel Quelle: dpa
Reichstag Quelle: dpa
Gracht in Amsterdam Quelle: AP
Akropolis Quelle: AP
Brunnen am österreichischen Parlamentsgebäude Quelle: dpa
Schweizer Flagge Quelle: dpa
Big Ben und Westminster Abbey Quelle: REUTERS
Eiffelturm und Feuerwerk Quelle: dpa
Vancouver Lake Quelle: AP
Platz 6: ItalienItaliens Schulden sind mit 2,75 Billionen Euro immens hoch. Schließlich ist das mehr, als die italienische Volkswirtschaft in einem Jahr erwirtschaftet. Die Schulden im Verhältnis zum BIP liegen bei 139,5 Prozent. Die 60,8 Millionen Italiener sind im Durchschnitt pro Kopf mit 46,757 US-Dollar (rund 45.000 Euro) verschuldet. Quelle: dpa
Platz 5: BelgienNoch höher sind die Schulden pro Einwohner allerdings in Belgien. Hier beträgt die Pro Kopf-Verschuldung 47.749 US-Dollar (44,338 Euro). Die absoluten Staatsschulden belaufen sich auf 375 Milliarden Euro. Das entspricht ziemlich genau der Wirtschaftsleistung des Landes. Quelle: dpa
Platz 4: SingapurDas asiatische Land gilt als wirtschaftlicher Vorreiter in der Region. Allerdings ist die Schuldenlast des 5,5-Millionen-Einwohner-Staates hoch: Die Pro-Kopf-Verschuldung liegt bei 56.980 US-Dollar (52,910 Euro). Insgesamt liegen die Staatsschulden bei 106,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Quelle: dpa
Platz 3: USAMehr als eine Billion Dollar Defizit stand in den Haushaltsbüchern der USA, als Obama Präsident wurde. Noch im letzten Jahr schoben die Vereinigten Staaten von Amerika einen gigantischen Schuldenberg in Höhe von 18,195 Billionen US-Dollar vor sich her - das waren 58,604 US-Dollar (54,418 Euro) pro Kopf. Mittlerweile hat sich das Haushaltsloch verringert. Wegen höherer Einnahmen und geringerer Ausgaben werde nun nur noch mit einem Defizit von 455 Milliarden Dollar (413 Milliarden Euro) gerechnet. Im kommenden Haushaltsjahr soll das Loch dann bei 429 Milliarden Dollar und damit bei 2,3 Prozent der Wirtschaftsleistung liegen. Quelle: dpa
Platz 2: IrlandGetoppt wird die Pro-Kopf-Verschuldung nur noch von Irland und einem weiteren Land. Das Euro-Land hat infolge der Finanzkrise eine Pro-Kopf-Verschuldung von über 60,000 US-Dollar aufgebaut. Die Gesamtschulden betragen 121 Prozent des irischen BIP. Zahlen, über die der Spitzenreiten nur lachen kann... Quelle: dapd
Platz 1: JapanJapans Verschuldung beträgt inzwischen über zehn Billionen US-Dollar. Das sind 199 Prozent des BIP - oder 79,525 US-Dollar (73,844 Euro) pro Einwohner. Quelle: dpa

Auf offizieller, politischer Ebene wird darüber nicht diskutiert, zumindest nicht öffentlich. Die Währungsunion soll auf jeden Fall Bestand haben und zwar mit allen Mitgliedsstaaten, so wünschen es die Regierenden in Europas Hauptstädten und erst Recht die Meister des Geldes in der Europäischen Zentralbank. Mario Draghis Worte aus jener denkwürdigen Rede in London am 26. Juli 2012 hallen noch immer nach: „whatever it takes“.

Doch unter Wirtschaftswissenschaftlern häufen sich die Stimmen, die die Vorteile einer Rückführung der Europäischen Währungsunion in ein System verschiedener Währungen betonen. Angesichts der Verzerrungen innerhalb der Währungsunion durch die angehäuften realen Über- und Unterbewertungen liegt es zumindest für Nicht-Politiker und Ökonomen außerhalb der EZB nahe, über Alternativen nachzudenken.

Alternativen zu einer Politik, die es nun einmal nicht vermag, die notwendige Entzerrung durch mehr Inflation im Norden und mehr Deflation im Süden oder andere Angleichungsmaßnahmen durchzusetzen, und sich in Ermangelung dessen mit dauerhaften transnationalen Hilfen in Nord-Süd-Richtung abzufinden scheint.

Eine "atmende Währungsunion"

An die radikale und ersatzlose Auflösung der Währungsunion mit völlig frei flotierenden Nationalwährungen innerhalb Europas denkt kaum jemand ernsthaft. Die daraus resultierende Kalkulationsunsicherheit würde nicht nur die Auflösung der Währungs- sondern wohl auch der Wirtschaftsunion und des gemeinsamen Marktes bedeuten. Das kann kein verantwortungsvoller Mensch wollen. Die nächstliegende Alternative wäre ein Rückgriff auf das Modell des Europäischen Währungssystems, wie es in der Europäischen Gemeinschaft von 1979 bis zur Fixierung der Wechselkurse zum Jahreswechsel 1998/99 praktiziert wurde.

Mehrere namhafte Autoren – zum Beispiel Hans-Werner Sinn, Werner Abelshauser, Martin Feldstein, Fritz Scharpf – haben eine Verkleinerung der Eurozone um bestimmte „Krisenländer“ vorgeschlagen, deren wieder eingeführte Landeswährungen dem Euro dann über ein flexibles aber reglementiertes Wechselkurssystem verbunden wären. Der Austritt würde den betreffenden Ländern zunächst eine Abwertung erlauben, um die Wettbewerbsfähigkeit der eigenen Wirtschaft zu stützen. Zu dem Zweck könnte der noch existierende „Wechselkursmechanismus II“ aus der Vor-Euro-Zeit und den Beitrittsprozeduren reanimiert werden. Derzeit praktiziert man diesen nur mit der dänischen Krone. In diesem Mechanismus sind die teilnehmenden Notenbanken verpflichtet, die Kursschwankungen mit Interventionen innerhalb einer festgelegten Bandbreite zu halten.

Neun Klischees über die EU – und die Wahrheit dahinter

Ein solches Regime wäre flexibel: Die festgelegten Bandbreiten könnten bei innereuropäischen Verzerrungen neu verhandelt werden und das System könnte sowohl einen großen Euro-Block mit nur sehr wenigen neuen Nationalwährungen als auch eine - womöglich nur auf Zeit - aufgelöste Währungsunion umfassen. Sinn, der sich so etwas wünscht, spricht von einer „atmenden Währungsunion“.

Dass das funktionieren könnte, legt die historische Erfahrung nahe: Zwischen 1979 und 1998 hat die Europäische Gemeinschaft mit dem „Europäischen Währungssystem“ (EWS) und der künstlichen „European Currency Unit“ (ECU) ihre Landeswährungen gebändigt. Martin Höpner und Alexander Spielau vom Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln haben analysiert, ob dieses „Diskretionäre Wechselkursregime“ in jenen zwei Jahrzehnten funktionierte, also die nominalen Wechselkurse weitgehend stabilisieren konnte.

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