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Analyse Italien ist noch längst nicht über den Berg

Für Ministerpräsident Mario Monti ist ein Ende der Schuldenkrise in Sicht. Wahr ist: Der Berlusconi-Nachfolger hat wichtige Reformen auf den Weg gebracht. Doch gerettet ist Italien noch längst nicht.

Was Sie über Italien wissen sollten
Griechen, Römer, katholische Kirche und die Renaissance: Italien ist das Land mit den meisten Denkmälern, die unter dem  Schutz der Unesco stehen. 47 nationale Monumente listet die Unesco derzeit auf. Mit dabei: der griechische Juno-Tempel von Agrigent, Sizilien. Quelle: AP
Italien hat mehrere aktive Vulkane. Der Ätna (im Bild), der Vesuv und der Stromboli sind in den vergangenen 100 Jahren mehrmals ausgebrochen. Das Naturschauspiel wandelt sich schnell zur Naturkatastrophe - Erdbeben und Vulkane fordern stets zahlreiche Menschenleben. Quelle: dapd
Italien - ein Land mit den Gebirgsketten Alpen und Apenninen und 60 Millionen Einwohnern. Da bleibt nicht viel übrig für die Landwirtschaft. Lediglich ein Drittel der Landesfläche kann dafür genutzt werden. Trotzdem gehört das Mittelmeerland zu einem der weltweit größten Exporteure für Kiwifrüchte. Außerdem baut das Land erfolgreich Wein und Olivenöl an - weitere Exportschlager.
"Liebe geht durch den Magen." Wenn das stimmt, dann kann man Italien einfach nur lieben. Olivenöl und Rotwein bilden die Basis der mediterranen Küche. In Neapel wurde im 18. Jahrhundert die Pizza populär. Und die Liebe zur Pasta ist keine Erfindung der Werbebranche: Pasta verspeisen Italiener in rauen Mengen - bis zu 25 Kilogramm pro Jahr und Kopf. Weil die Italiener ihr Essen lieben, mögen sie es gar nicht, wenn ihre kulinarischen Errungenschaften verhunzt werden. Hähnchen und Barbacue-Sauce auf der Pizza oder sogar die Variante Hawaii gelten in Italien als "deutsche Unsitte".
Der Hang, hierzulande italienische Dinge zu übernehmen, hat Tradition. 1861 wurde Italien als Nationalstaat gegründet, Deutschland unternahm den gleichen Schritt zehn Jahre später 1871. Die Faschisten marschierten unter Mussolini 1922 auf Rom, 1933 kamen die Nazis in Berlin an die Macht. Anfang der 1990er Jahre schaffte sich die bis dann am längsten regierende Partei Democrazia Cristiana ab. Ein Vorzeichen für die Union? Quelle: dpa
Auch das Marschieren hat Tradition. Als Rom noch eine Weltmacht war: Die Legionen aus der iberischen Stiefelhalbinsel marschierten auf der Höhe des römischen Imperiums im Jahr 117 von Portugal bis nach Syrien. 120 Millionen Menschen lebten in den Grenzen des Imperiums.
Italien hat einige bedeutende Entdecker und Abenteurer hervorgebracht. Marco Polo ging zu Fuß nach China und brachte Gewürze zurück. Im Dienste der spanischen Krone überquerte Christoph Kolumbus mit drei kleinen Karavellen den Atlantik - und entdeckte Amerika und die Neue Welt. Im Bild: Touristen betrachten Christoph Kolumbus' Grabmahl, in dem sich die sterblichen Überreste des Abenteurers befinden sollen, in Kathedrale von Sevilla, Spanien. Quelle: AP

Neun Monate nach seiner Regierungsübernahme sieht Ministerpräsident Mario Monti Italien bei der Überwindung der Schuldenkrise auf einem guten Kurs. Im vorigen Jahr sei die wirtschaftliche Lage schlechter gewesen, erklärte Monti vor Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Gewerkschaften in Rimini. Der Moment rücke näher, in dem das Land das Tief hinter sich lasse.

Italien gehe es dank des Reformkurses besser, so Monti weiter. Das Land habe „mehr Respekt, Glaubwürdigkeit und sogar Einfluss“ in Europa erlangt. Dass das Parlament die Umbaumaßnahmen verabschiedete, bezeichnete er als Wunder einer Zusammenarbeit von Mitte-links- und Mitte-rechts-Parteien. „Ich arbeite täglich, um die Krise in den Griff zu bekommen“, sagte Monti. „Doch sind wir wirklich in einer Krise? Vor einem Jahr waren wir weniger dieser Ansicht, obwohl wir es vielleicht mehr waren.“

Wissenswertes über Italien

Hat Monti Recht? Ist Italien nicht nur auf dem Weg der Besserung, sondern kurz davor, die Krise hinter sich zu lassen? Nein, so einfach ist es nicht.

Wahr ist: Italien hat in den vergangenen Monaten eine Reihe von wichtigen Reformen verabschiedet. So hat die Monti-Regierung die Rente mit 67 eingeführt und die Frühverrentung eingeschränkt. Zudem ist die Inflationsanpassung bei den Renten weggefallen. Zudem hat Italien ein Sparprogramm verabschiedet: 26 Milliarden Euro sollen in den kommenden drei Jahren eingespart werden. Gleichzeitig wurden die Steuern erhöht.

Die Folge: Italien baut kontinuierlich seine Haushaltsdefizite ab. So betrug das Minus im Staatshaushalt in den Jahren 2009 und 2010 noch 6,4 bzw. 4,9 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Doch in diesem Jahr soll das Haushaltsdefizit erstmals unter den Maastricht-Grenzwert von 3,0 Prozent fallen, nämlich auf 2,0 Prozent. 2013 will sich das Land weiter Richtung ausgeglichenen Haushalt bewegen. Die EU-Kommission prognostiziert ein Haushaltsloch von 1,1 Prozent im nächsten Jahr.

Trotz des positiven Trends: Die Staatsschulden steigen weiter. Ende 2012 sollen Italiens Gesamtschulden bei 123,5 Prozent des BIPs liegen. Das ist der zweithöchste Wert in der Eurozone und dramatisch über den Maastricht-Grenzwert, der nur eine Staatsverschuldung von 60 Prozent des BIPs vorsieht.

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