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Anders gesagt
Rund um den UN-Klimagipfel in New Yor hat das unwürdige Theater um Greta Thunberg hat einen bizarren Höhepunkt erreicht, meint WiWo-Kolumnist Ferdinand Knauß. Quelle: REUTERS

Die Opfer der Greta-Show: ein Kind und der Naturschutz

Ferdinand Knauß Quelle: Frank Beer für WirtschaftsWoche
Ferdinand Knauß Reporter, Redakteur Politik WirtschaftsWoche Online Zur Kolumnen-Übersicht: Anders gesagt

Das unwürdige Theater um Greta Thunberg hat einen bizarren Höhepunkt erreicht. Die Lehre: Kinder und berechtigte Ängste nicht für andere Zwecke missbrauchen.

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Spätestens die jüngsten Auftritte des 16-jährigen Mädchens Greta Thunberg in New York müssten eigentlich jedem erwachsenen Menschen mit Verstand und Herz klargemacht haben, dass da etwas völlig aus dem Ruder läuft. Ihr Auftritt war zum Erbarmen. Sie hatte Tränen in den Augen, ihr Körper und ihre Stimme bebten. Diese Verzweiflung, dieser Zorn („How dare you!“). Man habe ihr ihre Kindheit gestohlen, warf sie den Mächtigen der Welt vor und nannte sie „böse“.

Später wird man sich vielleicht einmal fragen: Warum haben diese mächtigen Erwachsenen, die in New York neben und vor Greta saßen, dazu genickt und geklatscht und warum hat niemand diese gespenstische Szene verhindert, in der deutlich wurde, dass sich eine 16-Jährige vor den Augen der Welt in einen Wahn hineingesteigert hat? Wann schützt endlich jemand dieses Kind vor den Folgen des Theaters, das eine perfide PR-Maschinerie mit ihr aufgezogen hat? Wo soll das alles für das Mädchen enden?

Stattdessen klatschten ihr die Mächtigen entweder Beifall und suhlten sich geradezu in den verbalen Peitschenschlägen, die Greta beziehungsweise ihre Redenschreiber ihnen verabreichte. Eine seltsame Spielart des Masochismus scheint da zu wirken. Aber das Gegenteil, auf die Spitze getrieben durch Donald Trumps Häme, ist kein bisschen besser. Welch ein Tiefpunkt der politischen Kultur, wenn ein US-Präsident ein 16-jähriges Mädchen verspottet!

Vernünftigerweise kann die Lehre aus diesem Auftritt – auch aus der späteren Pressekonferenz, als Greta ohne Manuskript völlig hilflos war – nur sein: Haltet Kinder aus der Politik heraus!

Verheerend wäre es aber, wenn das unwürdige Schauspiel nun bei den Kritikern zu einer maßlosen Gegenreaktion führte. Reaktanz gegen den Greta-Wahn, Skepsis gegen die wuchernde NGO-Szene der selbsterklärten Weltretter, eine sachliche, faktenbasierte Kritik an den Verheerungen der Energiewende-Politik (nicht zuletzt den ökologischen!) und den maßlosen Forderungen der Grünen – das ist unbedingt notwendig als politisches Korrektiv. Aber die Kritiker sollten sich nicht zur Blindheit gegen die Wirklichkeit der ökologischen Krisen hinreißen lassen.

Zu kritisieren ist vernünftigerweise nicht generell eine zu große Aufmerksamkeit der Politik und Öffentlichkeit für die Ökologie. Die ist angebracht angesichts der unübersehbaren menschengemachten Zerstörungen an der Natur. Wenn wir (die Deutschen, die Europäer, der Rest der Menschheit) weiter so wirtschaften, entziehen wir unseren Nachfahren tatsächlich die natürlichen Lebensgrundlagen. Gretas wahnhafter Zorn hat einen realen Grund. Wobei der Klimawandel meiner Ansicht nach nicht einmal die größte Bedrohung ist. Das ist der Flächen- und Ressourcenverbrauch und letztlich schlicht die Überbevölkerung in der dritten Welt. Wirtschaftswachstum, da hat Greta völlig recht, kann in einer begrenzten Welt keine unendliche Geschichte sein.

Das eigentliche politische Problem der Gegenwart und die Ursache der gefährlichen Verhärtung und Radikalisierung der politischen Kultur ist aber, dass ausgerechnet diejenigen von den berechtigten Ängsten profitieren, die die abstrakte „(Um)Welt“ (alias das „(Welt)Klima“) zu retten versprechen, während die konkrete „Natur“ vor Ort ihnen relativ wurscht zu sein scheint. Sonst würden sie nicht bedenkenlos mit Windrädern und Solaranlagen die letzten freien Flecken unseres Landes zubauen – und schweigen angesichts der Bevölkerungsexplosion in Afrika und der offensichtlichen Konflikte, die eine daraus resultierende Massenmigration mit sich bringt.

Die Fokussierung der Ökologie auf den Klimaschutz, so mein Verdacht, ist vielen Politikern und politisch einflussreichen Akteuren eher ein Mittel als Selbstzweck. Für manche gläubige Ideologen ist Klimaschutz ein Mittel, um das absolute Primat des Universalismus gegen die Verteidiger der Souveränität der Nationalstaaten durchzusetzen. Und für viele Regierende, nicht zuletzt in Berlin, bietet die „Great Transformation“, konkret das staatliche Gigantenprojekt Energiewende, die Möglichkeit, ihre staatlichen Machtinstitutionen mit noch mehr Geldmitteln zu versorgen und so ihre eigene Position finanziell und moralisch abzustützen. Die ungemein wichtige ökologische Sache wird vermutlich aber nicht gestärkt, sondern eher geschwächt durch diese unselige Koppelung der Ökologie an einerseits einen maßlos gewordenen Universalismus und andererseits einen maßlos gewordenen Umverteilungsstaat.

PS: Dies war meine letzte Kolumne in der WirtschaftsWoche. Ich bedanke mich bei allen Lesern für die Treue und vor allem für die vielen anregenden Leserbriefe.

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