Andreas Georgiou Griechenlands Sündenbock für die Statistiktricks

Europa freut sich über ein Wiedererstarken der griechischen Wirtschaft. Doch die Geschichte von Andreas Georgiou zeigt: Ökonomische Fakten werden in Griechenland noch immer anders bewertet als im Rest Europas.

Griechenlands Wirtschaft erstarkt wieder. Quelle: Laif

Andreas Georgiou liebt sein Land noch immer, auch wenn in dieser Beziehung zuletzt einiges schiefgelaufen ist. „Ich glaube, dass es im nationalen Interesse des Landes ist, genaue Statistiken zu produzieren. Das war mein Dienst an Griechenland“, sagt er heute, da feststeht, dass ihm dieser Dienst kaum entgolten wurde. Als der Statistiker im August 2010 von Washington nach Athen zog, um dort die Leitung der Statistikbehörde Elstat zu übernehmen, war er voller Tatendrang. Er kündigte seinen gut bezahlten Job beim Internationalen Währungsfonds und verzichtete nach 21 Dienstjahren auf seine Pensionsansprüche. Seine gerade geborene Tochter nahm er mit.

Heute, sieben Jahre später, lebt Georgiou wieder in den USA. Bis auf eine Gastprofessur an einer Universität ist er arbeitslos. Stattdessen hat er eine Menge Probleme zu lösen: Denn in Griechenland wurde der 57-Jährige wegen insgesamt sechs Vergehen angeklagt. Es geht um 170 Milliarden Euro, lebenslängliche Haft und eine scheinbar unendliche Prozesskette, die im Juli in die nächste Runde geht. Vor allem aber geht es darum, wie der Staat Griechenland noch immer mit der ökonomischen Wahrheit umgeht. Beziehungsweise sie leugnet.

Der vorerst letzte Prozess gegen Georgiou endete gerade. Zuschauer und Demonstranten waren im Gerichtssaal, sie beschimpften ihn als „Verräter“ und „Lügner“. Warum? „Weil ich die Wahrheit gesagt habe“, sagt Georgiou und verweist auf die anerkannten Wirtschaftsstatistiken, die er in Athen eingeführt habe. Weil er das griechische Defizit künstlich hochgerechnet und Griechenland damit in den Abgrund gestürzt hat, sagen seine griechischen Gegner.

Wie Europas Währungen ohne Euro auf- oder abwerten müssten
Das SzenarioDer US-Finanzriese Bank of America Merrill Lynch (BoA) wollte es genauer wissen: Analyst Athanasios Vamvakidis hat den Euro-Währungsraum unter der Maßgabe genauer unter die Lupe genommen, dass die Euro-Zone auseinanderbricht und der Euro abgeschafft wird. Hintergrund sind neben den hohen Staatsschulden einzelner Peripheriestaaten vor allem das absehbare Ende der massiven Anleihekäufe durch die Europäische Zentralbank (EZB), das sogenannte OMT-Programm, und in der Folge wieder steigende Zinsen. Nur die Geldpolitik der EZB hat 2012 eine Eskalation der Staatsschuldenkrise verhindert, in dem die Kreditkosten für die Peripheriestaaten auf ein historisches Tief gedrückt wurden. Was also passiert, wenn das OMT-Programm endet? Quelle: dpa
Schatten-WechselkurseDie BoA-Experten erwarten, dass die EZB das OMT-Programm im kommenden Jahr reduziert und schrittweise auslaufen lässt. Dadurch würden auch die Finanzierungskosten der Staaten wieder ansteigen, obwohl es länger dauern dürfte, die Leitzinsen wieder anzuheben. Insgesamt rechnet die BoA dann mit höheren Schuldenquoten in Italien, Spanien, Portugal und Griechenland als 2012 auf den Höhepunkt der Euro-Schuldenkrise. Ohne einschneidende Reformen steigt somit das Risiko, dass die Euro-Zone auseinanderbricht. Dies vor Augen hat BoA-Analyst Vamvakidis Schattenwechselkurse für die nationalen Nachfolgewährungen gegenüber dem heutigen Euro berechnet. Diese legen Währungsunterschiede zwischen den Euro-Staaten offen, die derzeit durch die Gemeinschaftswährung verborgen sind. Quelle: dpa
GriechenlandGriechenland bleibt das Sorgenkind der Euro-Zone. Trotz spürbarer Fortschritte liegt die Überbewertung Griechenlands zusammen mit der Spaniens an der Spitze. Die griechische Drachme müsste deshalb nach heutigem Stand um 7,5 Prozent abwerten. Immerhin: Vor der Krise lag der Abwertungsbedarf eher bei 30 Prozent, insofern war die Verbesserung deutlich. Nur ein Land der Euro-Zone ist aktuell so stark überbewertet wie Griechenland. Quelle: dpa
SpanienMüsste Spanien zur Peseta zurückkehren, wäre laut BoA eine Abwertung der spanischen Währung um 7,5 Prozent erforderlich. Gegenüber dem Abwertungsbedarf vor der Krise von rund 14 Prozent ist das schon eine Stabilisierung. Allerdings haben sich Spaniens Staatsschulden seit 2008 nahezu verdreifacht. Dank der Geldpolitik der EZB hat sich die Zinsbelastung des Staates jedoch nur um 80 Prozent erhöht. Quelle: Fotolia
FrankreichBräche der Euro heute auseinander, müsste der Franc um fünf Prozent abwerten – und damit deutlich mehr als zu Vorkrisenzeiten. Damals lag die Überbewertung bei nur zwei Prozent. Insgesamt, so Studienautor Vamvakidis, sei die Überbewertung jedoch zu gering, um die Forderungen der Rechtspopulistin Marine Le Pen nach einem Frexit und einer anschließenden Abwertung des Franc zu rechtfertigen. Quelle: dpa
ItalienItalien bleibt etwas überbewertet, so dass die italienische Lire nur um drei Prozent abwerten müsste, um einen angemessenen Wechselkurs zu erreichen. Vor der Krise betrug die Überbewertung noch 7,5 Prozent. Seit 2012 ist die Zinsbelastung des Staates deutlich gesunken. Quelle: dpa
PortugalAuch in Portugal hat sich die wirtschaftliche Lage deutlich gebessert, so dass der Escudo nach heutigen Maßstäben nur noch leicht, nämlich um ein Prozent abwerten müsste, um im Gleichgewicht mit den übrigen Euro-Staaten zu notieren. Quelle: dpa

Gerade vergangene Woche vermeldeten die griechische Regierung, die Euro-Staaten und der Internationale Währungsfonds eine Einigung über ein weiteres Rettungspaket für den quasi bankrotten Staat. Man gewährte eine neue Schuldentranche, Griechenland verpflichtete sich zu Reformen, und der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble war zufrieden. Der CDU-Politiker verwies darauf, dass Griechenland wegen der verordneten Reformen wieder wachse und deswegen nun alles besser werde. Verfolgt man aber die Verfahren gegen den Exchefstatistiker Georgiou, kommen einem Zweifel an diesen Wachstumszahlen: Kann ein Land, das seinen ehemals obersten Datenhüter wegen zu großer Nähe zur Wahrheit juristisch verfolgt, wirklich heute korrekte Zahlen an die internationale Gemeinschaft melden?

Die Statistikbehörde Elstat liegt an einer Schnellstraße Richtung Piräus, zwischen Billigmöbelläden und Werkstätten. Im Büro des Direktors steht ein Tresor, der aussieht wie aus einem Donald-Duck-Comic: hüfthoch, aus Metall und mit einem Rad an der Tür. „Das ist ein Erbe meines Vorgängers“, sagt Athanasious Thanopolous, der seit Februar 2016 Georgious Nachfolger ist. „Ich bin hier sehr behutsam vorgegangen. Ich wollte bewusst nicht viel verändern.“ Aus diesem Grund habe er auch den Eisenschrank hier stehen lassen. Denn leider habe ihm sein Vorgänger sonst nichts überlassen. Es habe keine Übergabe, kein Memorandum, kein Briefing gegeben. Nur dieser Tresor, in dem Georgiou Dokumente aufbewahrte, weil er niemandem mehr traute.

Die ganze Misere geht auf den Oktober 2009 zurück. Wenige Tage nach einer gewonnenen Parlamentswahl meldet da die neue sozialdemokratische Regierung nach Brüssel: Statt wie bisher gemeldet unter drei Prozent läge das griechische Haushaltsdefizit bei 12,5 Prozent. EU-Kommission und Europäischer Zentralbank wird in dem Moment klar: Die Griechen fälschen ihre Statistiken. Die neue Regierung handelt: Mit der Neugründung der Statistikbehörde will man ein Zeichen setzen. Im August 2010 übernimmt Georgiou den Vorsitz.

„Ich arbeitete 15 Stunden am Tag“, sagt Georgiou. „Dieses Arbeitspensum behielt ich die folgenden fünf Jahre bei.“ Er reformiert die Arbeitsweise der Behörde, er führt geltende EU-Standards ein. Georgiou tut nichts, was für europäische Ohren revolutionär klingt, und doch schafft er sich so nach und nach eine beachtliche Schar an Feinden.

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