Andrzej Duda gewählt Der künftige "Präsident aller Polen" gibt Rätsel auf

Sie haben ihn gewählt, aber vielen Polen gibt Andrzej Duda noch Rätsel auf: Wird er der nette Präsident von nebenan? Oder droht nun ein Konflikt mit der Regierung - gerade auch über Europa?

Die Wahrheit über Polen
"Polen sind fleißiger als Deutsche", sagte Gauck und sorgte mit dieser Aussage für einiges Aufsehen. Statistisch gesehen hat er Recht: Polen arbeiten im Durchschnitt mehr als Deutsche. Die OECD spricht von 1.939 Jahresstunden in Polen und 1.419 Arbeitsstunden pro Jahr in Deutschland. Quelle: dpa
Von einer „polnischen Wirtschaft“ sprachen viele Deutsche früher, wenn sie einen schlecht geführten, unordentlichen Betrieb bezeichneten. Auch wenn man Unordnung schwer quantifizieren kann, so sprechen zumindest die Wachstumserfolge der gegenwärtigen polnischen Volkswirtschaft dafür, dass sie nicht so vollkommen chaotisch sein dürfte. Das Bild zeigt den früheren Präsidenten Lech Walesa an seiner ursprünglichen Wirkungsstätte, der Danziger Werft. Quelle: dpa
Polen ist besonders korrupt, lautet ein anderes Vorurteil. Tatsächlich liegt Polen nach dem Korruptionswahrnehmungsindex von Transparency International in Europa im Mittelfeld. Neun andere EU-Staaten sind korrupter als Polen – allen voran: Griechenland. Quelle: dpa
Für ihren unverrückbaren Katholizismus sind die Polen bekannt. Ein reines Vorurteil war – und ist – das sicher nicht. Der verstorbene Papst Johannes Paul II. – bürgerlich Karol Wojtyla – wird auch postum noch verehrt. Im Vergleich zu anderen europäischen Nationen sind die Polen sehr katholisch (etwa 90 Prozent) – allerdings mit ebenso abnehmender Tendenz wie in anderen westlichen Ländern. Die Zahl der Kirchgänger ist seit 1989 um ein Drittel geschrumpft. Quelle: dpa
Ebenso legendär wie ihr Katholizismus ist die Vaterlandsliebe der Polen. Auch die Aufteilung des alten polnischen Königreichs unter Preußen, Österreich und Russland und die Nichtexistenz eines unabhängigen Staates während fast des gesamten 19. Jahrhunderts änderte nichts am Nationalstolz. Gegen russische und deutsche Besatzer lehnten sich die Polen immer wieder auf, stets wurden sie geschlagen. Besonders brutal schlug im September 1944 die deutsche Besatzungsmacht einen Aufstand in Warschau nieder. Bundeskanzler Gerhard Schröder verneigte sich vor einer Gedenkglocke bei den Gedenkfeiern zum 60. Jahrestag des Warschauer Aufstandes am 1. August 2004. Quelle: AP
Wenn es um Galanterie geht, stehen die Polen traditionell ganz vorne. Einige Polen behaupten, dass der angedeutete Handkuss, mit dem ein Mann eine Dame begrüßt, von polnischen Adligen nach Frankreich exportiert wurde. Quelle: gms
Heilig ist in Polen nicht nur die Kirche und das Vaterland, sondern auch die Gastfreundschaft. In polnischen Familien wird an Weihnachten ein zusätzliches Gedeck aufgetragen, das nicht nur an verstorbene Verwandte erinnern soll, sondern auch einem unangemeldeten Gast zur Verfügung steht. Quelle: dpa

In der Stunde des großen Triumphes blieb Andrzej Duda bescheiden. Sein Lächeln wurde zwar breiter, als er sich am Sonntagabend den Weg durch die jubelnde Menge im Wahlquartier der polnischen Nationalkonservativen bahnte. Aber gleichzeitig suchte der frisch gewählte polnische Präsident den Brückenschlag über Parteigrenzen hinweg: „Ich will, dass man in fünf Jahren sagt, dass Duda der Präsident aller Polen ist“, sagte der 43-jährige Jurist.

Bürgernah gab er sich am Morgen nach der Wahl. An einer Warschauer U-Bahnstation verteilte Duda Kaffee, wollte zeigen, dass er den Weg auch zu denen sucht, die in nicht gewählt haben. In der Hauptstadt dürften das viele sein: Seit Jahren macht seine Partei PiS hier keinen Stich gegen die liberalere Bürgerplattform. Sein Parteibuch will Duda zurückgeben: Als Präsident aller Polen könne er schließlich nicht parteilich sein.

Doch nicht alle glauben an den netten Präsidenten von nebenan. Manche warnen vor einer „Orbanisierung“ Polens, also einem strammen Kurs nach rechts wie in Ungarn unter Victor Orban. Dabei ist Duda auch für viele Polen als Politiker bis zum Präsidentenwahlkampf ein Unbekannter gewesen. Wie wird es künftig weitergehen im Verhältnis zur EU, zu Deutschland oder zu Russland? Eine klare Antwort darauf gibt Duda nicht. Im Wahlkampf hatte er sich auf sozialpolitische Themen konzentriert, auf die Alltagsprobleme der Polen.

Wissenswertes über Polen

Polen müsse seine nationale Identität auch in der EU bewahren, seine nationalen Interessen verfolgen, betonte er. In einer Fernsehdebatte. Das klingt wie ein Zugeständnis an diejenigen Wähler, die von tiefem Misstrauen gegen ein Europa geprägt sind, in dem homosexuelle Paare heiraten können, ein liberales Abtreibungsrecht herrscht und Sexualerziehung an den Schulen selbstverständlich ist.

Es weckt aber auch Erinnerungen an die Zeit, als Polen unter dem nationalkonservativen Präsidenten Lech Kaczynski und seinem Zwillingsbruder Jaroslaw Kaczynski als Regierungschef kaum einen Konflikt mit den Nachbarn ausließ. Damals galten Kompromisse in der EU als Zeichen von Schwäche und die Erinnerung an tragische historische Erfahrungen blockierten den Blick auf die gemeinsame Zukunft in Europa.

Ich bin mir sicher, dass Polen und Deutschland weiterhin enge Partner bleiben werden“, sagt der Polen-Beauftragte der Bundesregierung, Dietmar Woidke (SPD). Er fürchte keine negativen Auswirkungen des Wahlausgangs für die deutsch-polnischen Beziehungen.

So geht es dem polnischen Außenhandel

Abzuwarten bleibt, wie unabhängig Duda von dem machtbewussten PiS-Parteichef Jaroslaw Kaczynski agieren kann. Der fiel in der Wahlnacht durch Abwesenheit und ungewohnte Stille im lauten Parteijubel auf. Viele fragten sich: Wo ist Kaczynski?

Ein Mitarbeiter lüftete am Montag das Geheimnis: Kaczynski habe den Wahlabend auf dem „Hellen Berg“ in Tschenstochau verbracht und dort für die Präsidentschaft Dudas gebetet. Das Kloster, in dem das Bild der „Schwarzen Madonna“ verehrt wird, gilt als Nationalheiligtum Polens. Nirgendwo sonst sind polnischer Katholizismus und Patriotismus so eng verbunden.

Der Legende zufolge hatte die wundertätige Madonna bei der Vertreibung schwedischer Landknechtsheere die Hand im Spiel. Beginnt nun eine neue Legende über die Madonna als Wahlhelferin? Im Herbst wartet schließlich der nächste Wahltermin.

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