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Anleihekaufprogramm und Euro Wenn ein EZB-Mann beim Dinner zu viel redet

Gestern spielten die Märkte verrückt, weil die Europäische Zentralbank ihr Anleihekaufprogramm vorzieht. Einige Großanleger konnten sich darauf vorbereiten. Ein EZB-Direktor informierte sie auf einem Dinner vorab.

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Benoît Coeuré Quelle: dpa

An den Devisenmärkten kracht es derzeit gewaltig. Seit Anfang der Woche verlor der Euro im Vergleich zum Dollar fast vier Cent. Heute fiel die Gemeinschaftswährung zeitweise unter die Marke von 1,10 US-Dollar. Das Ende der zwischenzeitigen Erholung der Gemeinschaftswährung kommt nicht ohne Grund.

Am Dienstagmorgen erklärte der EZB-Direktor Benoît Coeuré der Öffentlichkeit, dass die Zentralbank wegen geringer Handelsaktivitäten in den Sommermonaten einen Teil der milliardenschweren Wertpapierkäufe der EZB vorziehen wird. In den Monaten von Mitte Juli bis August fällt der Handel meist schwächer aus. Daher werde ein Teil der Käufe bereits im Mai und Juni erfolgen, sagte Coeuré. Das durchschnittliche Kaufvolumen von 60 Milliarden Euro je Monat werde so sichergestellt.

Fragen zum EZB-Anleihekaufprogramm

Der Blick auf die Finanzmärkte zeigt: Nach der Nachricht ging der Kurs des Euro in den Keller. Was viele Marktteilnehmer ärgert: Bereits am Montagabend erklärte EZB- Direktoriumsmitglied Benoît Coeuré nach Angaben der Nachrichtenagentur Bloomberg vor einer ausgewählten Gruppe Banker und Hedgefondsmanager in London, dass die Notenbank ihre Käufe von Euroraum-Anleihen bereits im Mai und Juni ausweiten werde. „Wir sind uns auch der saisonalen Muster der Aktivität an den Märkten für Festverzinsliche im Zusammenhang mit der traditionellen Urlaubszeit von Mitte Juli bis August bewusst, die durch erheblich niedrigere Marktliquidität gekennzeichnet ist“, sagte Coeuré laut Redetext.

Erst am nächsten Tag erfuhr der Rest des Marktes von den Aussagen des Zentralbankers. Investoren zwischen Frankfurt und Edinburgh, die zunächst im Dunkeln tappten, verärgerte das. Sie konnten sich nicht darauf vorbereiten, dass der Euro an Wert verlor und es bei Aktien und Anleihen zu einer Rally kam.

Devisenmarkt in Bewegeung – Dax kann wieder zulegen

Die Rede von Coeuré am Montag im Berkeley Hotel erfolgte am Ende einer Konferenz, zu der nur geladene Gäste zugelassen waren und an der führende Vertreter von mindestens fünf Zentralbanken teilnahmen. Organisiert wurde sie von Forschungsgruppen. Eine davon wird finanziert von Brevan Howard Asset Management. Der Hedgefonds war 2002 von Alan Howard und vier anderen Ex-Händlern der Credit Suisse Group gegründet worden.

Zwar ermöglichen solche Veranstaltungen es der EZB, einen Dialog mit der Investmentbranche zu führen. Allerdings bringen sie auch die Herausforderung mit sich, faire Voraussetzungen für alle einzuhalten. Die Reaktion am Dienstag machte deutlich, dass viele Marktteilnehmer von wichtigen operativen Aspekten des EZB-Programms keine Ahnung hatten.


„Es gibt definitiv ein Problem mit der Kommunikation hier“

„Sollten einige Teile des Marktes zu einer anderen Zeit als andere informiert worden sein, dann erscheint das unüberlegt“, sagt Frances Hudson, ein Stratege bei Standard Life Investments in Edinburgh. Das Unternehmen verwaltet unterm Strich etwa 383 Milliarden Dollar. „Es wäre besser, Ankündigungen zu synchronisieren - sodass jeder im Markt das Stück Information zur gleichen Zeit erhält.“ Nach Angaben der EZB war geplant, dass Coeurés Aussagen noch am Montag während seiner Rede veröffentlicht werden. Allerdings habe ein Prozess-Fehler diesen Schritt bis zum Dienstagmorgen hinausgezögert.

Coeurés Rede erfolgte nach einem Tag voller Diskussionen, die rund 125 Teilnehmern offenstanden - darunter Vertreter von Zentralbanken, Geschäftsbanken und Vermögensverwaltern sowie Wissenschaftler. Seine Aussagen bezogen sich auf das Programm der EZB, in dessen Rahmen pro Monat Anleihen im Volumen von 60 Milliarden Euro aufgekauft werden sollen. Dahinter steht das Ziel, die Inflation in der Eurozone anzutreiben.

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„Gegebenenfalls könnte das Vorziehen der Käufe durch gewisse Reduzierungen im September ergänzt werden, wenn die Marktliquidität sich wieder verbessern dürfte. Das etwas höhere Kaufvolumen, das Marktanalysten in den kommenden Wochen beobachten dürften, steht also nicht im Zusammenhang mit der jüngsten Episode von Marktvolatilität“, sagte Coeuré bei der Veranstaltung weiter. „Es gibt definitiv ein Problem mit der Kommunikation hier“, sagt auch Christoph Kind, der Chef für Asset-Allocation bei Frankfurt Trust. Die Firma verwaltet rund 20 Milliarden Dollar. „Die Reaktion des Marktes ist sehr stark ausgefallen. Also könnte man sagen, dass dies nicht der beste Weg ist, um diese Art von Information zu kommunizieren.“

Vorbehalte kommen ebenfalls von Jesus Dominguez, einem Vermögensverwalter bei MoraBanc in Andorra la Vella: „Dies ist eine Marktpraxis, die ganz verboten werden sollte. Das gilt umso mehr, wenn es von einer Organisation wie der EZB kommt. Transparenz ist eine der Säulen des Marktes“.

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