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Anschläge in Paris Wie Deutschlands Wirtschaft auf den Terror reagiert

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Mehr Sicherheit hat auch negative Seiten

Bei allem Schock über die Anschläge in Paris ist nach Meinung von Experten aber  Augenmaß gefragt, um  unerwünschte Folgen zu vermeiden. Dauerhaft verschärfte Grenzkontrollen etwa wären für Thilo Brodtmann ein Graus. Der Hauptgeschäftsführer des Verbands der deutschen Maschinen- und Anlagebauer sagt: „Dauerhafte Grenzkontrollen würden dem gemeinsamen Binnenmarkt widersprechen und sind deshalb abzulehnen.“ Eine getaktete lagerlose Fertigung (Just-in-Time) etwa funktioniert nur, wenn die Zulieferer mit ihren Waren genau zum richtigen Zeitpunkt vorfahren.

Lange Wartezeiten an den Grenzkontrollen würden fein austarierte Produktions- und Logistikketten stören. Maschinenbauer Brodtmann sagt aber auch: „Die deutschen Maschinen- und Anlagenbauer sehen derzeit keine Auswirkungen für ihre Produktion und den Warenverkehr durch die Terroranschläge in Paris. Auch vorübergehende Grenzkontrollen würde die Industrie nicht über die Maßen beeinträchtigen.“

Frankreich und der Terror

Für clevere Ideen bietet eine angespannte Sicherheitslage sogar Chancen. „Israel hat etliche High-Tech-Unternehmen, viel mehr als unsere Nachbarländer“, sagt David Gal, Aufsichtsratschef und Miteigentümer von Scanmaster in Kfar Saba nahe Tel Aviv. Sein Unternehmen stellt unter anderem Scanner für die Kontrolle von Gepäckstücken her. „Israel exportiert Sicherheitstechnik in alle Welt. Auf die exportorientierte Industrie hat die Bedrohung überhaupt keinen Einfluss, höchstens auf lokale business cyles.“ Unternehmen stünden zudem in Israel nicht im Fokus von Attentätern.

Vor allem Frankreich selbst, das Hauptziel der Terroristen, sollte der Versuchung widerstehen, über das Ziel hinaus zu schießen. „Der Anschlag trifft Frankreich in einem Moment, in dem es so aussah, als käme die Wirtschaft wieder nach oben“, sagt Lutz Hartmann, Rechtsanwalt in Frankfurt und Paris sowie Außenhandelsberater der französischen Regierung. „Zahlreiche französische Unternehmen hatten uns zuletzt von guten Hoffnungen für 2016 berichtet.“ Darüber gibt es nun jedoch wieder mehr Fragezeichen. Die Kosten für den Terrorismus würden zunächst die öffentlichen Kassen treffen, allerdings sind die französischen Unternehmen traditionell stärker als in anderen Ländern von öffentlichen Aufträgen abhängig. Die wiederum könnten sinken, wenn die Staatskasse leer ist. Präsident François Hollande hat schon mitgeteilt, dass Frankreich die Defizitziele verfehlen wird.

Warnung vor Staatsdirigismus

Frankreichs Regierung habe einige Fehler wie die Reichensteuer gerade korrigiert. „Sollten mehr Auflagen, mehr Verwaltungsaufwand auf die Unternehmen zukommen, wäre das auf jeden Fall negativ für die wirtschaftliche Erholung“, sagt Hartmann. „Bei allem Verständnis für mehr Sicherheitsmaßnahmen sollte Frankreich darauf achten, jetzt nicht in Staatsdirigismus zu verfallen, sondern die unternehmerische Freiheit weiter im Fokus zu halten.“ BDI-Mann Wachter setzt darauf, dass Sicherheitsbehörden und Industrie gemeinsam Lösungen finden. „Wir brauchen eine noch engere Verzahnung“, sagt der Sicherheits-Abteilungsleiter des Industrieverbands. Nach den jüngsten Attacken werde es Überprüfungen der Sicherheitskonzepte in Unternehmen geben.

Europa



„Die Art der Angriffe wird zu analysieren sein und dann muss man sehen, wie die Sicherheitsmaßnahmen nachjustiert werden können.“ Die Ergebnisse dürften auch in die nationale Wirtschaftsschutz-Strategie einfließen, die der BDI derzeit gemeinsam mit dem Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) erarbeitet. „Viele Unternehmen wissen gar nicht, an wen sie sich wenden sollen, weil so viele Behörden zuständig sind – das Bundesamt für Verfassungsschutz, die Landesämter für Verfassungsschutz, das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik, die Polizei, das Bundeskriminalamt, die Landeskriminalämter“, sagt Wachter.

Bis Ende des Jahres soll ein Handbuch erstellt sein und im kommenden Jahr von DIHK, BDI und Bundesinnenministerium vorgestellt werden. Es wird auch ein zentrales Internetportal geben, um schnell Ansprechpartner zu finden. Wachter: „Dabei geht es nicht nur um Terrorismus, sondern auch um Cyberangriffe oder Wirtschaftsspionage.“ 

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