Anschläge in Paris Wie Deutschlands Wirtschaft auf den Terror reagiert

Nach den Attentaten von Paris wächst die Sorge bei deutschen Unternehmen vor Attacken. Viele warnen davor, in Aktionismus zu verfallen, erhöhen jedoch die Aufmerksamkeit.

Quelle: Getty Images

Die Attentate von Paris halten Frankreich und Europa in Atem. Die acht Verdächtigen, die am Mittwoch bei einer Razzia festgenommen wurden, sollen einen weiteren Anschlag unter anderem im Geschäftsviertel La Défense geplant haben.

Dort, wenige Kilometer nordwestlich von Paris, stehen zahlreiche Bürohochhäuser, unter anderem der Luftfahrt- und Rüstungskonzern Thales hat hier seinen Sitz. Der vereitelte Plan macht deutlich, dass Unternehmen in Europa fürchten müssen,  ins Visier von Attentätern zu geraten. „Terror ist eine reale Gefahr. Natürlich sind auch die Unternehmen sehr besorgt“, sagt Matthias Wachter, für Sicherheit zuständiger Abteilungsleiter beim Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI).In Aktionismus verfällt aber niemand.

Das bedeuten die Anschläge in Paris für Deutschland

„Bislang gibt es keine deutlichen Verschärfungen der Sicherheitsmaßnahmen bei deutschen Unternehmen“, sagt Wachter. Unternehmen müssen vor allem lernen, mit dem Risiko zu leben. Kritische Industrien wie der Energiesektor, die Wasserversorgung oder die Telekommunikation sind sich der Bedrohung seit Jahren bewusst und haben ihre Schutzstandards erhöht.

Obwohl es beim abgesagten Fußball-Länderspiel Deutschland gegen die Niederlande am Dienstagabend auch eine Anschlagswarnung für Deutschland gab, herrscht in den meisten Unternehmen angespannte Ruhe. „Es gibt derzeit keine Warnungen, dass konkrete Industrieanlagen besonders im Fokus von Terroristen stünden“, sagt BDI-Experte Wachter. Eine Einschätzung, die die Allianz für Sicherheit in der Wirtschaft (ASW) bestätigt. Der in Berlin ansässige Dachverband der Sicherheitschefs in den Unternehmen hält engen Kontakt zum Krisenstab im Auswärtigen Amt.

Sorgen bei Betreibern von Hallen und Vergnügungsstätten

Bisher musste der ASW-Bundesverband keine „verschärfte Gefährdungslage“ an seine Mitglieder melden. „Das Lagebild für Deutschland hat sich grundsätzlich nicht verändert“, sagt ASW-Geschäftsführer Jan Wolter. Allerdings habe sich der Kreis der potenziell betroffenen Unternehmen erweitert. Die Betreiber von Konzerthallen und Vergnügungsstätten müssten ihre Sicherheitskonzepte im Lichte der Anschläge gegebenenfalls neu bewerten, sagt Wolter.

Für die großen, weltweit präsenten Dax-Unternehmen gehört die Abschätzung von Terrorrisiken zum täglichen Geschäft. Die Sicherheitsabteilungen erstellen quasi täglich Lagebilder von Risikoländern – ganz gleich, ob es um den Krieg in Syrien oder die Auseinandersetzungen von Drogenbossen in Mexiko geht. Sobald ein Topmanager ins Ausland reist, wird für jeden Aufenthaltsort eine genaue Sicherheitsanalyse erstellt. Das gleiche gilt für alle Niederlassungen im Ausland.

Das schreiben die französischen Zeitungen zu den Anschlägen

Vielen Sicherheitschef haben die Terrorakte von Paris allerdings die Augen geöffnet, dass sie die Sicherheit von Gebäuden und Personen, traditionell Aufgabe des Werksschutzes, nicht vernachlässigen dürfen. In den vergangenen zwei Jahren verstärkten viele Unternehmen ihre Abwehr von Cyberangriffen, um die Computersysteme besser vor Sabotage und Spionage  zu schützen.  

Sicherheitsanforderungen steigen kontinuierlich

Unter den besonders gefährdeten Unternehmen wird immer wieder die Chemiebranche genannt. Anschläge, bei denen giftige Chemikalien freigesetzt werden, könnten besonders großen Schaden anrichten. Doch auch hier ändern die Anschläge von Paris erst einmal wenig. „Uns ist nicht bekannt, dass die Behörden für Chemieanlagen jetzt  von einer höheren Bedrohungslage ausgehen“,  heißt es beim Chemiepark-Betreiber Currenta in Leverkusen. Das Gemeinschaftsunternehmen von Bayer und Lanxess steuert drei große nordrhein-westfälische Chemie-Standorte (Leverkusen, Dormagen, Krefeld-Uerdingen).

Mit höheren Sicherheitskosten nach dem Terrorangriff auf Paris rechnet die Branche ebenfalls nicht. Ein Manager eines großen Chemiekonzerns, der namentlich nicht genannt werden möchte, sagt: „Sicherheit ist eine Daueraufgabe. Die Anforderungen steigen kontinuierlich, die schlimmen Anschläge von Paris sorgen erstmal für keinen weiteren Kostenschub.“

Laut der im April dieses Jahres veröffentlichten „Sicherheits-Enquete 2014/15“ der Fachzeitschrift WIK in Zusammenarbeit mit dem Bundesverband der Sicherheitswirtschaft (BDSW) sehen Unternehmen Terrorismus nicht als größtes Problem an. Die Enquete basiert auf der Befragung von Sicherheitsbeauftragten in Unternehmen – und die sind erstaunlich gelassen.

Terrorismus und Auswirkung von Kriegen oder Bürgerkriegen hatten einen geringeren Stellenwert als alle anderen Sicherheitsrisiken, am meisten fürchten sie sich vor Angriffen auf ihre IT und Spionage.

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