Anthony Glees "Diese Wahl ändert alles"

Großbritannien wählt ein neues Parlament. Für den britischen Politikwissenschaftler Anthony Glees ist es die spannendste Wahl unserer Zeit. Auf dem Spiel stehe Englands Zukunft. Zu Hause und in der Welt.

Diese Frauen und Männer wollen an die Macht
 David Cameron Quelle: REUTERS
 Ed Miliband Quelle: REUTERS
Nick Clegg Quelle: dpa
Nigel Farage Quelle: dpa
Natalie Bennett Quelle: dpa
Leanne Wood Quelle: REUTERS
Nicola Sturgeon Quelle: REUTERS

WirtschaftsWoche Online: Herr Glees, Sie nennen die England-Wahl den spannendsten Urnengang seit 40 Jahren. Warum die Übertreibung?

Anthony Glees: Ich übertreibe nicht. Diese Wahl kann Großbritannien und Europa verändern. Und zwar massiv. Es ist gut möglich, dass der 7. Mai 2015 zu einem historischen Datum wird. Denn: Diese Wahl könnte zu einem weltpolitischen Ereignis werden.

Zur Person

In Deutschland blickt man gelassen gen London. Hier ist es zweitrangig, ob künftig David Cameron oder Ed Miliband das Land regieren wird.

Das ist auch nicht die entscheidende Frage. Es geht nicht primär darum, ob die Konservativen („Tories“) von David Cameron gemeinsam mit den Liberaldemokraten an der Macht bleiben – oder die „Labour Party“ (Arbeiterpartei) übernimmt. Das ist eine spannende Frage, der Ausgang ist völlig offen. Daneben aber stellen sich die viel größeren Fragen: Ob das Vereinigte Königreich vereint bleibt oder sich aufspaltet, ob Großbritannien eine Weltmacht bleibt – und ob die Europäische Union eine zentrale Rolle in der Welt spielt.

Sie spielen auf die Volksbefragung über den Verbleib Großbritanniens in der Europäischen Union ab.

Auch, ja. Wenn David Cameron eine Mehrheit zum Regieren bekommt und die Koalition fortsetzen kann, werden wir 2017 ein Referendum über die weitere EU-Mitgliedschaft erleben. Ohne Großbritannien verlöre die Europäische Union dramatisch an Gewicht. Das ist aber noch nicht alles. Ein britisches Referendum würde eine Kettenreaktion auslösen. Schottland nämlich würde ein eigenes Referendum verlangen.

Politikwissenschaftler Anthony Glees im Interview mit WirtschaftsWoche Online. Quelle: Presse

Weil Sie in der EU bleiben wollen.

Sie wollen natürlich und aus guten Gründen Mitglied der Europäischen Union bleiben beziehungsweise dann – wenn England austritt – werden. Sie bekommen Geld aus Brüssel. Und ihre Stimme hat mehr Gewicht. Der Grundgedanke der EU ist ja, dass Staaten verschiedener Größe auf Augenhöhe miteinander sprechen können. Schottland hat null Interesse, aus der EU auszutreten. Das könnte Großbritannien zersplittern lassen.

Was ist Großbritannien ohne Schottland – und eventuell auch ohne Wales und Nordirland – wert?

Tja, das ist eine gute Frage. Schottland stellt ein Drittel der Landfläche Großbritanniens und jeden zwölften Bürger. Können wir ohne die Schotten noch ein Heer von 100.000 Mann rechtfertigen und stemmen? Zudem stellt sich die Frage: Was passiert mit den Atom-U-Booten, die in Schottland stationiert sind? Und: Kann Großbritannien auf die Einnahmen durch den Verkauf von schottischem Öl verzichten? Wir könnten zehn Prozent unseres BIPs vergessen. Das hätte sicherlich auch Folgen für die Schuldenaufnahme. Ich fürchte: Großbritannien verliert ohne Schottland seinen Status als Weltmacht – aus ökonomischen wie militärischen Gründen. Ein Sitz im UN-Sicherheitsrat wäre dann kaum noch zu rechtfertigen.

Das sind die wichtigsten Europakritiker
Nigel Farage Quelle: dpa
Frankreich Front National (FN) (70.000 Mitglieder) Marine Le Pen hat die 1972 gegründete Partei 2011 von ihrem Vater übernommen. Stark ist der FN in Südfrankreich, im Elsass sowie in den Regionen Lothringen und Nord-Pas-de-Calais. Er stellt mehrere Bürgermeister und ist mit rund 120 Abgeordneten in zwölf Regionalparlamenten vertreten. Wichtigste Forderung: Raus aus dem Euro und Neugründung Europas als Bündnis souveräner Nationalstaaten. Prognose für die Europawahl: Mit ca. 24 Prozent stärkste Kraft Quelle: REUTERS
Deutschland Alternative für Deutschland (AfD) (17.000 Mitglieder)Bernd Lucke gründete die Partei der Euro-Kritiker im Februar 2013. Der Einzug in den Bundestag wurde im Herbst 2013 nur knapp verpasst. Zuletzt präsentierte sich die ursprüngliche Professorenpartei stark zerstritten. Prognose für die Europawahl: 4 bis 7 Prozent Quelle: AP
Niederlande Partei für die Freiheit (PVV) (1 Mitglied)Geert Wilders ist Kopf und offiziell einziges Mitglied der niederländischen Rechtspartei. Nach der Schlappe bei den Parlamentswahlen 2012 (nur 10,1 Prozent) will er bei den Europawahlen durchstarten. Die Demoskopen halten einen Erfolg für wahrscheinlich. Die PVV weist derzeit die meisten Anhänger auf, die tatsächlich wählen gehen wollen. Prognose für die Europawahl: Stärkste Kraft mit 17 Prozent Quelle: AP
Italien Bewegung 5 Sterne (250.000 Mitglieder)Die Bewegung des Komikers Beppe Grillo mag zerstritten sein. Europa bietet seiner Anti-Establishment-Plattform aber reichlich Angriffsfläche. Grillo kann daher mit 16 Sitzen im Europäischen Parlament rechnen. Im italienischen Parlament stellt seine Fraktion 109 von 630 Abgeordneten. Prognose für die Europawahl: Mehr als 20 Prozent Quelle: REUTERS
Griechenland Syriza (ca. 40.000 Mitglieder)Spitzenmann Alexis Tsipras hofft auf eine Wiederholung von 2009: Das schlechte Abschneiden der konservativen Nea Dimokratia (ND) bei der Europawahl erzwang damals Neuwahlen, die zu einem Regierungswechsel führten. Premierminister Antonis Samaras will Neuwahlen um jeden Preis vermeiden. Im nationalen Parlament stellt Syriza aktuell 71 von 300 Abgeordneten. Prognose für die Europawahl: Stärkste Kraft mit 31,5 Prozent Quelle: AP
Finnland Die wahren Finnen (10 000 Mitglieder)Timo Soini, Chef der 1995 gegründeten Partei, ist vom Einzug seiner Partei ins Europaparlament überzeugt. Die Partei bezeichnet sich als patriotisch und EU-skeptisch. Seit 2011 ist sie mit 39 von 200 Abgeordneten im nationalen Parlament vertreten. Prognose für die Europawahl: Drittstärkste Kraft mit 17,5 Prozent Quelle: dpa Picture-Alliance

So weit muss es nicht kommen. Es ist längst nicht ausgemacht, dass David Cameron wiedergewählt wird – und auf diesem Szenario beruhen ja Ihre Annahmen.

Es wird ein sehr enges Rennen. Der Wahlausgang ist völlig offen. Es ist gut möglich, dass wir in der Nacht von Donnerstag auf Freitag einen eindeutigen Sieger – etwa David Cameron –  haben. Denkbar ist aber auch, dass wir kein klares Ergebnis und eine Phase der Unsicherheit erleben werden. So oder so: Es ist völlig egal, wie die Wahl ausgeht. Alle denkbaren Szenarien können Großbritannien in eine Staatskrise erster Klasse führen.

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