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Arbeitskräftemangel in Spanien Die schwierige Suche nach geeigneten Arbeitskräften

Wie deutsche Firmen auf der Iberischen Halbinsel Auszubildende finden, bei der Suche nach Ingenieuren aber vielfach an eigenen Unzulänglichkeiten scheitern. Ein Praxisreport.

Juan Garcia (26): Der arbeitslose junge Mann aus Madrid macht seit dem 19. August eine Ausbildung zum Elektroniker beim Bau- und Dienstleistungskonzern Bilfinger. Quelle: Ofelia de Pablo für WirtschaftsWoche

Als er zum ersten Mal in Deutschland war, im April, da konnte Juan Garcia nicht einschlafen. Der 26-Jährige aus der 200.000-Einwohner-Stadt Alcalá de Henares im Osten von Madrid, wo auch der spanische Dichter Miguel de Cervantes ("Don Quichote") herstammt, starrte an die fremde weiße Zimmerdecke. Er spürte die ungewohnt lockere Bettdecke, unter der nicht wie daheim ein Laken haftete, das fest um die Matratze gewickelt ist. Und er fragte sich: "Was zum Teufel mache ich hier eigentlich?"

Garcia, breitschultrig und von hünenhafter Gestalt, weiß inzwischen die Antwort. Er ist einer von 44 spanischen Jugendlichen, die von der Handwerkskammer Frankfurt-Rhein-Main als Lehrlinge nach Deutschland vermittelt wurden. Im April absolvierte er ein zweiwöchiges Schnupper-Praktikum bei einer kleinen Sanitärfirma in Frankfurt. "Die arbeiten extrem sauber, wir haben drei Stunden damit zugebracht alles zuzudecken und abzukleben, bevor wir überhaupt mit der Arbeit begonnen haben", erinnert er sich. "In Spanien wäre das höchstens eine halbe Stunde."

Spaniens Baustellen
Spanien hat wie die anderen südeuropäischen Euro-Länder von den niedrigen Zinsen in der Währungsunion profitiert und einen kräftigen wirtschaftlichen Aufschwung erlebt. Ähnlich wie in Irland bildete sich eine Immobilienblase, die mit einem lauten Knall platzte: Der Bausektor fiel in sich zusammen, die Arbeitslosigkeit stieg rasant. Quelle: REUTERS
Seit 2008 stieg die Arbeitslosenquote von knapp über zehn auf fast 25 Prozent. Bei den Jugendlichen ist fast jeder Zweite arbeitslos. Hatten bislang vor allem ungelernte Arbeitskräfte in der Bauwirtschaft und im Servicebereich ihren Job verloren, trifft es jetzt auch qualifizierte Kräfte. Nach einem schwachen Wachstum in der ersten Jahreshälfte 2011 befindet sich Spaniens Wirtschaft jetzt wieder in der Rezession. In diesem Jahr wird das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 1,7 Prozent schrumpfen. Quelle: dpa
Das Hauptproblem: Fortbildungsprogramme und Arbeitsvermittlung wurden bislang vernachlässigt, Teilzeitverträge existierten bislang fast gar nicht. Auf Seiten der Arbeitnehmer haben sich zu viele Angestellte in komfortablen Bedingungen eingenistet. Flexibilität und Mobilität bei Stellensuchenden sind so gut wie gar nicht ausgeprägt. Quelle: REUTERS
Ausgerechnet die Hochqualifizierten bewegen sich nun – mit fatalen Folgen für Spanien. Weil Jobs und Perspektiven für Akademiker fehlen, schauen sich junge Iberer zunehmend im Ausland nach Jobs um. In Deutschland könnte sie fündig werden. Die Bundesregierung warb im vergangenen Herbst um spanische Ingenieure. Mit Erfolg. Bis zum Jahresende 2011 bewarben sich mehr als 14.000 junge Iberer um einen Job zwischen Hamburg und München. Spanien droht nun der „brain drain“. Quelle: dpa
Ein weiteres Problem: Spaniens Regierungschef legt ein hohes Reformtempo vor – doch die Kommunal- und Regionalregierungen zeigen keinerlei Sparbereitschaft. Während die Zentraladministration seit 2001 ihr Personal um 22 Prozent reduziert habe, sei die Belegschaft der autonomen Gemeinschaften um 44 Prozent und die der Gemeinden um 39 Prozent gestiegen, rechnete Antonio Beteta vor, der Staatssekretär für öffentliche Verwaltungen. Quelle: REUTERS
Höhere Sozialausgaben und sinkende Steuereinnahmen aufgrund der Rezession und der Abwanderung von Hochqualifizierende führen zwangsläufig zu einem Anstieg der Verschuldung. Die Gesamtverschuldung liegt derzeit mit knapp 70 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zwar unter dem Schnitt der Eurozone, aber diese Zahl dürfte bis 2014 rasant wachsen. Die Ratingagentur Moody’s geht davon aus, dass die Verschuldung bis Jahresende bei rund 80 Prozent des BIPs liegen wird. Quelle: dpa
Auch die Finanzmärkte sind skeptisch. Zwar haben die großzügigen Geldausleihen der Europäischen Zentralbank (EZB), bei der sich vor allem südeuropäische Banken mit Liquidität versorgt haben, auch die Renditen spanischer Staatsanleihen auf ein erträgliches Niveau gedrückt. Doch die Anleger verlangten von Spanien zuletzt wieder höhere Renditen als für Italien – ein deutliches Zeichen des Misstrauens. Quelle: REUTERS

Drei Jahre bleiben

Garcia hat die Erfahrung so überzeugt, dass er einen Ausbildungsvertrag bei Bilfinger unterschrieb. Am 19. August ist er wieder nach Frankfurt gereist, diesmal, um drei Jahre zu bleiben. Seitdem macht er bei dem deutschen Bau- und Dienstleistungskonzern in dessen Niederlassung im benachbarten Neu-Isenburg eine Ausbildung zum Elektroniker.

David Hinojosa, blässlicher Typ, eher schmächtig, hat Luft- und Raumfahrttechnik studiert, ist aber noch lange nicht so weit wie sein Landsmann Garcia. Der 25-Jährige, der vor einem Jahr sein Ingenieurstudium abschloss, hat gerade sein zehntes Bewerbungsgespräch mit einer deutschen Firma hinter sich, stets am Computer, über den Internet-Telefondienst Skype. Hinojosa will so schnell wie möglich nach Alemania. "Deutschland ist der große Motor in den Ingenieurwissenschaften", sagt er. "Ins Ausland geht man am besten jung, wenn man erst mal eine Familie hat, ist es schwieriger."

Die beiden Spanier haben drei Dinge gemeinsam. Sie sind jung. Sie sind arbeitslos, ebenso wie knapp ein Drittel ihrer Landsleute zwischen 16 und 29 Jahren, zwei von insgesamt 1,8 Millionen. Und sie zählen zu denjenigen, die deutsche Unternehmen derzeit dringend suchen, weil in Europas größter Volkswirtschaft Tausende Ingenieur- und Ausbildungsstellen unbesetzt sind. In Deutschlands Industrie fehlen zum Beispiel mehr Elektrotechniker, Elektromaschinen- und Kälteanlagenbauer, als arbeitslos gemeldet sind. Und das Handwerk beginnt, unter den geburtenschwachen Jahrgängen zu leiden, weil die jungen Leute in andere Branchen streben.

Da kommen Leute wie Garcia und Hinojosa wie gerufen - nur dass sie in den meisten Fällen erst einmal gesucht, gefunden und angesprochen werden müssen. Denn von sich aus verlassen die wenigsten von ihnen ihr Land. Im Jahr 2011 arbeiteten nur rund drei Prozent der erwerbstätigen EU-Bürger in einem anderen Mitgliedstaat.

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