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Attentat auf französisches Satire-Magazin Wir sind Charlie

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Kriegserklärung an die freie Presse

An diesem Tag wurde uns allen auf schmerzliche Weise in Erinnerung gerufen, dass die Pressfreiheit nichts ist, das durch ein Gesetz ausreichend gewährleistet ist. Als Journalist muss man diesen Anschlag persönlich nehmen. Denn so ist er von den drei Mordbuben in Paris zweifellos gedacht: Er war nicht nur ein verdammenswerter Massenmord, sondern auch eine brutale Kriegserklärung gegen die freie Presse.

Journalisten kämpfen nicht mit Waffen und nehmen daher auch keine Kriegserklärung an. Aber wenn es um die Presse- und Meinungsfreiheit geht, für die dieser Berufsstand eine ganz besondere Verantwortung trägt, dann müssen auch Journalisten bisweilen Mut beweisen und standhaft sein. Charbonnier und seine Kollegen haben das getan. Sie haben dafür das größte Opfer gebracht.

Man schaudert, wenn man nach diesem schrecklichen Tag ein Interview mit Charbonnier liest, in dem dieser – sich für das Pathos entschuldigend – sagt: „Ich sterbe lieber aufrecht, als auf Knien zu leben.“ Das hat er getan. Dafür wird Charbonnier hoffentlich in die Geschichte eingehen.

Alle Terroranschläge schlagen bei den Überlebenden und den Angehörigen der Opfer Wunden, die nie ganz verheilen können. In diesem Fall gehören in gewisser Weise alle Journalisten und Publizisten zu den Angehörigen der Opfer. Wir werden diesen Tag nie mehr vergessen. Und das ist von den Terroristen sicher so beabsichtigt.

Aber entscheidend ist, dass sie das dahinter stehende Ziel nicht erreichen. Sie wollen nämlich, dass jeder Journalist, der über ein islamisches Thema berichtet, jeder Kommentator, jeder Karikaturist, das Schicksal dieser 12 Kollegen für immer vor Augen hat und daraus einen Schluss zieht: Lass die Finger davon! Sie rechnen damit, dass wir das Leben so viel mehr als die Freiheit lieben, dass wir nicht das geringste Risiko eingehen.

Wenn wir das tun, haben die Mörder von Paris gewonnen.

In Arbeit
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Leider gab es schon Mittwoch erste Anzeichen dafür, dass diese perfide Kalkulation aufgeht. Der englische „Telegraph“ hat auf einer Abbildung einer Mohamed-Karikatur des Charlie Hebdo den Propheten verpixelt. Die meisten Fotos der Agenturen von den Karikaturen sind so geschnitten, dass man den karikierten Propheten gerade nicht sieht.

Zu hoffen wäre, dass die Schreckenstat von Paris den gegenteiligen Effekt hat. Wenn es um die Freiheit geht, sollten auch Redaktionen und Verlage, die sonst überhaupt nicht einer Meinung sind, Solidarität miteinander üben. Mit Öl ins Feuer gießen, hat das nichts zu tun. Wenn alle die Karikaturen zeigten, würde den islamistischen Mordgesellen klar, dass sie Journalisten ermorden können, aber nicht die Pressefreiheit. Auf Facebook und anderswo haben unzählige Menschen, Journalisten und andere, gestern die einzig passende Antwort auf die Kriegserklärung gegeben: Je suis Charlie.

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