Aylan K. Widerwärtige Politik mit einem toten Jungen

Ein totes Flüchtlingskind wird an einem Strand angespült und zum Symbol gegen den Krieg in Syrien und die europäische Flüchtlingspolitik. Das ist gut gemeint, aber ein Unding. Warum das Bild nicht gezeigt werden darf.

Das Bild des toten Dreijährigen darf nicht verbreitet werden, meint unser Autor.

In jedem Krieg sterben Menschen. Kinder, Jugendliche, Erwachsene, Senioren. Jeder weiß das. Dennoch betrifft uns das in unserem Alltag selten. Für den Krieg in Syrien gilt dasselbe. Der dortige Krieg dauert nun schon vier Jahre. Doch es bedarf einer Tragödie, um uns die Lage in Syrien zu verdeutlichen.

Die Bilder eines toten syrischen Jungen, dessen lebloser Körper an einem Strand in der Türkei angespült wurde, gehen derzeit um die Welt. Dürfen Medien dieses Bild veröffentlichen?

Unbedingt, meinen die einen. Die Bilder seien wichtig, damit die Welt sieht, was in Syrien passiert. Und es stimmt: Wer denkt schon jeden Tag an all die Kriegsopfer? Ohne solche Bilder bleiben ihre Schicksale abstrakt. Fotos können eine enorme Wirkungskraft entfalten, wie die globale Anteilnahme in den sozialen Netzwerken eindrucksvoll zeigt.

Auf keinen Fall, meinen die anderen. Die Welt wisse genau, was in Syrien geschieht. Die Staatengemeinschaft sei unfähig, das Morden zu beenden. In Syrien herrscht nämlich nicht nur Bürgerkrieg. Auch die Terrororganisation „Islamischer Staat“ kämpft um Territorium. Bilder von toten Kindern, so das Argument, helfen nicht dabei, den komplizierten Mehrfronten-Konflikt zu beenden. Denn es fehle an einer politischen Idee, wie ein Frieden jemals gelingen kann.

Hier wird es kompliziert. Denn beide Seite haben recht. Ja, das Bild erzeugt Aufmerksamkeit – und das ist gut. Nein, der Krieg geht dadurch nicht schneller zu Ende. Kein noch so bedrückendes Foto ändert die Dynamik dieses Konfliktes. Beide Argumente sind aber letztlich irrelevant.

Tausende Flüchtlinge erreichen Österreich
4./5. September, WienSie haben Tausende Kilometer hinter sich. In Ungarn schien Endstation. Doch nach Zusagen aus Österreich und Deutschland haben sich tausende Flüchtlinge auf dem Weg gemacht und am Samstagmorgen die österreichische Grenze erreicht. Die erschöpften Migranten wurden von den ungarischen Behörden mit Bussen zur Grenze gebracht, überquerten sie zu Fuß und wurden auf der österreichischen Seite von Helfern mit Wasser und Nahrungsmitteln empfangen. Nach Polizeiangaben kamen bis zum Morgen etwa 4000 Menschen an. Die Zahl könne sich aber im Laufe des Tages mehr als verdoppeln. Quelle: dpa
Ein Flüchtlingslager in Ungarn Quelle: REUTERS
Flüchtlinge in einem Zug im ungarischen Bicske Quelle: AP
Ein Flüchtling schaut aus einem Zug im Bahnhof Keleti in Budapest Quelle: dpa
3. September, Bodrum in der TürkeiFotos eines ertrunkenen Flüchtlingskindes haben in den sozialen Netzwerken große Betroffenheit ausgelöst. Eine an einem Strand im türkischen Bodrum entstandene Aufnahme zeigt den angespülten leblosen Körper des Jungen halb im Wasser liegend. Unter dem Hashtag „ #KiyiyaVuranInsanlik“ kursieren die Fotos auf Twitter. „Wenn dieses Bild die Welt nicht verändert, haben wir alle versagt“, schrieb eine Nutzerin. Der Junge gehörte einem Bericht der britischen Zeitung „The Guardian“ zufolge zu einer Gruppe von mindestens zwölf syrischen Flüchtlingen, die am Mittwoch vor der türkischen Küste ertrunken waren. Unseren Kommentar zum Thema, warum man das Bild nicht zeigen darf, finden Sie hier.
Flüchtlinge sind in Budapest am Bahnhof gestrandet Quelle: REUTERS
Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) und Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) Quelle: dpa

Ein Gedankenspiel: Nehmen wir an, ein deutsches Kind wäre an der Küste angespült worden. Die Familie des Kindes hätte juristische Möglichkeiten, die Veröffentlichung des Bildes zu unterbinden – zumindest in deutschen Medien. Nach rechtlichen Maßstäben verletzt das Bild die Menschenwürde des Kindes, indem dessen toter Körper gezeigt wird.

Nun kommt an der Stelle gerne der Einwand der Pro-Fraktion, das Kind habe seine Würde durch den bestialischen Krieg in Syrien und die Tatenlosigkeit des Westens längst verloren. Dieses Argument ist widerlich. Der Junge mag tot sein und sich nicht wehren können. Wer nun mit dem Dreijährigen für seine „Krieg-ist-Mist“-Überzeugung (die ich übrigens teile) werben will, sollte sich schämen. Man benutzt ein totes Kind nicht, um seine eigenen politischen Überzeugungen zu unterstreichen.

Vielleicht hätte der Junge ja gewollt, dass sein Schicksal öffentlich wird. Vielleicht würden seine Eltern und Angehörigen der Veröffentlichung des Bildes sogar zustimmen. Bloß: Wir wissen es nicht. Daher sollten wir – die Medien – das Bild nicht verbreiten. Es gehört sich nicht.

Sein Name war übrigens Aylan. Ruhe in Frieden, kleiner Junge.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%