Barry Eichengreen zum Brexit "Bei politischer Unsicherheit ist die EZB machtlos"

Der renommierte Ökonom Barry Eichengreen erklärt, warum er trotz Brexit weiterhin an den Euro glaubt und warum die Zentralbanken die Krise trotz weiterer expansiver Maßnahmen nicht lösen können.

Wie wahrscheinlich sind Austritte weiterer EU-Länder?
Die Chefin der rechtsextremen Front National, Marine Le Pen Quelle: dpa
Chef der rechtspopulistischen Partei für die Freiheit, Geert Wilders Quelle: AP
Anhänger der ungarischen, rechtsextremen Partei Jobbik verbrennen eine EU-Flagge Quelle: dpa
FPÖ-Präsidentschaftskandidat Norbert Hofer mit dem ehemaligen Präsidenten Österreichs, Heinz Fischer Quelle: REUTERS
Finnland Quelle: dpa
PolenWährend die nationalkonservative Warschauer Regierung betont, sie werde keinesfalls dem Vorbild in Großbritannien folgen, haben verschiedene rechtspopulistische und nationalistische Gruppen einen „Pol-Exit“ verlangt. So ist der rechtsnationale Europaabgeordnete Janusz Korwin-Mikke von der Partei Korwin seit langem der Meinung, die EU müsse aufgelöst werden. Den Einzug ins Warschauer Parlament verfehlte er allerdings im vergangenen Jahr. Angesichts der hohen Zustimmung, die die EU-Zugehörigkeit in Polen seit Jahren genießt, dürfte ein Referendum ohnehin zum Scheitern verurteilt sein. Ein landesweites Referendum kann in Polen unter anderem dann durchgesetzt werden, wenn die Antragsteller 500.000 Unterschriften sammeln. Quelle: REUTERS
Italiens Regierungschef Matteo Renzi Quelle: dpa
Dänische Flagge an Häuserwand Quelle: dpa
Der schwedische Premierminister Stefan Lofven Quelle: dpa
EU-Flagge Quelle: AP
Flaggen von Spanien und Portugal vor dem EZB-Denkmal Quelle: dpa
Slowakei Quelle: dapd
Griechische und EU-Flagge nebeneinander in Griechenland Quelle: dpa
In Estland, Lettland und Litauen findet sich mehr Begeisterung für die EU Quelle: dpa

WirtschaftsWoche: Mr. Eichengreen, wie gefährlich ist ein Brexit für Europa und die Euro-Zone?
Barry Eichengreen: Zunächst handelt es sich dabei um eine Krise Großbritanniens. Aber die aktuelle Führungslosigkeit in London verschärft das Problem, das sehen wir auch an den Finanzmärkten. Der direkte Einfluss auf die Euro-Zone wurde oft übertrieben. Aber der Brexit enttarnt alle Probleme der Euro-Zone, von denen zwar jeder wusste, dass sie existieren, die aber alle ignoriert haben.

Welche Probleme meinen Sie?
Ein Beispiel sind die italienischen Banken, aber auch die Deutsche Bank, die massiv an Wert verliert.

Wie gefährlich ist die Situation?
Nun ja, die Deutsche Bank profitiert noch von ihrem Auslandsgeschäft und davon, dass die deutsche Wirtschaft besser dasteht als die italienische. Aber die italienischen Banken sind ein großes Problem für die Euro-Zone.

zur Person


Welche Rolle spielt die Europäische Zentralbank, die ja immerhin auch die Aufsicht über Europas Banken innehat?
Zentralbanken können auf ökonomische Schocks reagieren. Dies ist allerdings ein politischer Schock. Bleibt es bei einer Phase anhaltender politischer Unsicherheit ist auch die Europäische Zentralbank machtlos.

Ist das Brexit-Referendum eine Entscheidung gegen die Politik der Zentralbanken?
Wer das denkt, unterstellt dem Wähler zu viel Rationalität. Die Wahl ist eher ein Zeichen dafür, dass es vor allem ältere, weniger gebildete Arbeiter sind, die sich zurückgelassen fühlen, und dafür machen sie eben die EU verantwortlich.

Wie stabil ist der Euro? Ist dies der Anfang vom Ende des Euros?
Es wird darauf ankommen, welche Konsequenzen das Referendum für Großbritannien hat.

Das sagen Ökonomen zum Brexit-Entscheid

Wenn die, so wie es zurzeit aussieht, negativ sind, werden andere Länder wie die Niederlande oder Frankreich sich genau überlegen, ob sie tatsächlich auch ein Referendum anstreben sollten. Wer mit dem Herzen wählt anstatt mit dem Kopf muss eben hohe ökonomische Kosten akzeptieren. Und wer die EU oder die Euro-Zone verlassen will, braucht einen Plan B. Den haben die meisten nicht.

Also glauben Sie weiterhin an den Euro?
Ja. Der Erhalt der Währungsunion wird schwierig und teuer, aber ihr Ende wäre noch schwieriger und noch teurer.

Die wichtigsten Infos zum Brexit-Referendum

Je schwächer der Euro, desto stärker der Dollar. Ist das eine Gefahr, auch für Volkswirtschaften mit hohen Dollar-Schulden?
Möglicherweise, ja. Die Tatsache, dass das Ergebnis des Referendums für viele eine Überraschung war, bedeutet, dass vermutlich einige wichtige Spieler auf den Finanzmärkten kalt erwischt wurden und das könnte weiterhin zu unerwarteten Wechselkursschwankungen führen. Wertet der Dollar um zehn Prozent auf, sagen die Fed-Prognosen ein Prozent weniger Wachstum für die US-Wirtschaft voraus. Steigende Zinsen in den USA werden also durch den Brexit unwahrscheinlicher.

Werden die Zentralbanken die Geldschleusen weiter öffnen?
Die Bank of England, die EZB und die Bank of Japan werden wohl weitere expansive Maßnahmen ergreifen müssen.

Wo die großen Brexit-Baustellen sind

Die Effekte dürften allerdings begrenzt sein, da die Notenbanken ja bereits Anleihen kaufen und die Zinsen kaum noch weiter gesenkt werden können. Wir kommen also um fiskalpolitische Maßnahmen kaum herum. Die entfalten aber natürlich erst langfristig ihre Wirkung.

Bleiben die Wachstumsraten der Weltwirtschaft stabil? Welchen Einfluss hat der Brexit?
Die wachsende politische Unsicherheit und die Probleme der Banken sprechen nicht unbedingt für mehr Wachstum. Die Banken werden die Unterstützung der EZB also weiterhin brauchen. Aber bisher würde ich nicht sagen, dass der Brexit ein zweites Lehman ist.

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