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Berlin intern

Wir Neo-Isolationisten

Gregor Peter Schmitz
Gregor Peter Schmitz Ehem. Leiter Hauptstadtbüro WirtschaftsWoche (Berlin)

Im Streit um TTIP wendet sich Deutschland vom Handelspartner USA ab. Das können wir uns nicht leisten.

Chlor-Hühnchen contra Pferde-Lasagne
Chlor-Hühnchen Quelle: dpa
 Keimbombe verzehrfertiger Salat Quelle: Fotolia
Radioaktiv bestrahlte Lebensmittel Quelle: Fotolia
H-Milch Quelle: REUTERS
Hormon-Fleisch Quelle: AP
Gentech-Gemüse Quelle: AP
 Rohmilchkäse Quelle: AP

Bruce Stokes ist einer jener Amerikaner, die man als Europaversteher bezeichnen darf, ohne eine Beleidigungsklage zu riskieren. Der Umfrageexperte vom renommierten PEW-Institut in Washington ist schon ein Transatlantiker gewesen, als die meisten Deutschen die NSA noch für einen harmlosen Ableger der US-Raumfahrtbehörde hielten.

Doch wenn Stokes in diesen Tagen nach Berlin kommt, wähnt er sich dennoch hinter feindlichen Linien, die Zahlen in seinem Reisegepäck lügen nicht. Kaum ein Land in Europa steht dem Freihandelsabkommen TTIP mit den USA so kritisch gegenüber wie Deutschland, hat PEW errechnet. Nur noch 41 Prozent der Deutschen halten das Projekt für eine gute Sache, vor einem Jahr waren es 13 Prozent mehr. Fast genauso viele, 36 Prozent, nennen das Abkommen gar „schlecht“, ein rasanter Anstieg um elf Punkte.

Die Freihandelsabkommen

Zwar weiß Stokes, dass er bloß auslöffeln muss, was seine eigene US-Regierung ihm eingebrockt hat. Wer Freunde behandelt wie Terroristen, mögliche Wirtschaftsspionage inklusive, muss sich nicht wundern, wenn diese Freunde Terror machen.

Dennoch alarmiert zahlreiche Transatlantiker in Berlin und Washington, wie fremd sich zwei der engsten Handelspartner der Welt geworden sind. Sicher, Vertrauen ist eine nötige Geschäftsgrundlage, und das wurde teilweise verletzt. Ständiges Misstrauen hilft aber auch nicht weiter.

Ein näherer Blick auf die PEW-Zahlen offenbart, dass das deutsche Misstrauen weit über die NSA-Empörung hinausreicht. So bewerten ausgerechnet die Bürger einer der exportstärksten Nationen mittlerweile ausländische Investitionen besonders kritisch. Nur 19 Prozent der Bundesbürger begrüßen es, wenn Ausländer deutsche Firmen kaufen. Deutsche Investitionen im Ausland sind also lobenswert, in umgekehrter Richtung aber Teufelszeug?

Was ein Freihandelsabkommen zwischen EU und USA bringt

In EU-Kreisen heißt es, der Kampf um TTIP werde in Deutschland entschieden, weil im größten Land Europas auch die Bedenken am größten seien. Diese Sorgen drohen schon für den ersten Kollateralschaden zu sorgen, das Freihandelsabkommen CETA mit Kanada – einem Land, dem selbst der engagierteste Amerika-Kritiker schwerlich Welteroberungstendenzen unterstellen kann. Weil es umstrittene Regeln zum Investorenschutz enthält, könnte das fertige CETA-Vertragswerk, das Kanzlerin Angela Merkel vor Kurzem noch überschwänglich lobte, nun auch auf Druck deutscher Politiker frühestens 2017 in Kraft treten.

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Dazu passt, dass die PEW-Zahlen gerade unter jungen Deutschen Beifall für die These dokumentieren, jedes Land solle sich erst einmal um seine eigenen Angelegenheiten kümmern. Es droht eine Generation von Neo-Isolationisten heranzuwachsen, und das prägt natürlich auch die TTIP-Debatte.

Stokes, ein besonnener Mann, kann die deutsche Wut verstehen. Aber er weiß auch, dass Washington glaubt, die kriselnden Europäer bräuchten TTIP mehr als umgekehrt die Amerikaner – und dass Präsident Barack Obama schon den strategischen Schwenk gen Asien vollzieht, wo ein gewaltiges Handelsabkommen kurz vor dem Abschluss steht. Es gibt ein schlichtes Problem mit Isolationismus-Tendenzen, sogar mit verständlichen: Selbst Deutschland kann sie sich schlicht nicht leisten.

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