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Berlusconi-Rücktritt Zu früh gefreut

Silvio Berlusconi hat seinen Rücktritt angekündigt. Italien und der Euro sind damit noch lange nicht gerettet.

Der italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi hat seinen Rücktritt angekündigt. Kommende Woche will er Platz für einen Nachfolger machen. Quelle: dpa

Er hat Italien heruntergewirtschaftet, seine Person über seine Arbeit gestellt und mit Skandalen statt Reformen geglänzt. Europaweit herrscht Erleichterung, dass der italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi wohl schon kommende Woche Platz für einen Nachfolger macht. Die europäischen Aktienmärkte haben heute mit starken Gewinnen eröffnet. Ende gut, alles gut? Weit gefehlt. Italien und der Euro sind noch längst nicht gerettet.

Der italienische Schuldenberg liegt mit 120 Prozent des BIP so hoch wie bis auf Griechenland in keinem anderen Euro-Land. Europas drittgrößte Volkswirtschaft kann sich am freien Kapitalmarkt nur zu horrenden Zinsen Geld leihen. Alleine durch Zinskosten steigen die italienischen Staatsschulden jährlich um über 70 Milliarden Euro.

Der König von Italien
Silvio Berlusconi ist nicht nur berühmt und berüchtigt als Italiens Ministerpräsident. Der 75-Jährige ist mit einem von "Forbes" geschätzten Vermögen von 7,8 Milliarden Dollar (2010) auch einer der reichsten Mann im Land. Seine unternehmerischen Aktivitäten hat Berlusconi in der Familienholding Fininvest gebündelt. Ein Überblick über Berlusconis Milliardenimperium.
Noch vor dem Abschluss seines Jurastudiums 1959 wurde Berlusconi Geschäftsführer eines Mailänder Bauunternehmens. 1961 machte er sich mit der Firma Cantieri Riuniti Milanesi selbstständig. Berlusconi etablierte sich schnell als Investor zukunftsweisender Wohn- und Geschäftskomplexe um Mailand.
In den 70er Jahren richtete Berlusconi sein unternehmerisches Interesse zunehmend auf den Mediensektor. Fininvest, 1978 gegründet, erzielte im vergangenen Jahr einen Umsatz von 5,9 Milliarden Euro und fuhr einen Gewinn von 160 Millionen Euro ein. Unternehmensleiterin ist seine Tochter Marina Berlusconi. Das Unternehmen mit Sitz in Rom und Mailand, bei dem mehr als 20.000 Mitarbeiter beschäftigt sind, gehört nach Medienangaben zu 63,3 Prozent Silvio Berlusconi und zählt zu den größten Arbeitgebern des Landes. Der Wert der Unternehmen wird auf insgesamt rund sechs Milliarden Euro geschätzt.
Einen Anteil von jeweils 7,65 Prozent halten die Kinder Marina und Pier Silvio, die drei anderen Kinder Barbara (im Bild), Eleonora und Luigi teilen sich zusammen 21,4 Prozent. Zu Fininvest gehört das Film- und Fernsehunternehmen Mediaset, der Verlag Mondadori, die Finanzberatung Mediolanum, der Fußballverein AC Mailand und das Teatro Manzoni in Mailand.
Größter Umsatzbringer in Berlusconis Reich ist der Medienkonzern Mediaset (Umsatz 2010: 4,3 Milliarden Euro, Gewinn: 352,2 Millionen Euro), an dem Fininvest mit 39 Prozent beteiligt ist. Dazu gehören drei landesweite TV-Sender, die dem Ministerpräsidenten eine beachtliche mediale Präsenz sichern: Italia 1, Rete 4 und der Flagschiffsender Canale 5 - spezialisiert auf populäre Unterhaltungssendungen wie "C'è posta per te", "Amici", "Zelig" und "Big Brother". Mit einer durchschnittlichen Einschaltquote von 21,9 Prozent ist Canale 5 Italiens Marktführer.
Zum Mediaset-Konzern gehören neben der Werbeagentur Publitalia außerdem noch die spanischen Kanäle Cuatro und Telecinco und die Bezahlplattform Mediaset Plus. Zusätzlich betreibt das Unternehmen zahlreiche digitale Spartensender wie Boing, La 5, Iris und den Einkaufssender Mediashopping und hält Anteile an Produktionsfirmen und Werbeagenturen. Im November 2008 war Mediaset mit drei Prozent beim deutschen Bezahlsender Premiere - heute Sky (Bild) - eingestiegen.
Bücher, Zeitschriften (darunter das Magazin "Panorama") und Radiosender bündelt Berlusconi im Verlagshaus Mondadori, an dem Fininvest mit 50,1 Prozent beteiligt ist. Das Unternehmen mit seinen 3900 Mitarbeitern erzielte im vergangenen Jahr einen Gewinn von 97 Mio. Euro bei 1,82 Mrd. Euro Umsatz.

Aus Sicht der Barclays Bank ist es für einen Sanierung Italiens wohl schon zu spät. „Die historische Erfahrung lehrt, dass sich selbst verstärkende negative Marktdynamiken nur sehr schwer brechen lassen. Für Italien gibt es möglicherweise keine Umkehr mehr“, schreiben die Analysten.

Keine politische Einheit über Sparprogramm

Hinzu kommt verstärkt, dass es im römischen Parlament keine politische Einheit über die Sparprogramme des Landes gibt. Die Konservativen wollen Renten kürzen und die Kommunen härter besteuern, die Sozialisten fordern, das Sparpaket auszuschnüren und „sozial anzupassen“, die Gewerkschaften planen Großdemonstrationen. Italien drohen griechischen Verhältnisse.

Berlusconis Koalitionspartner, die Lega Nord, erklärte derweil öffentlich, sie wolle die Koalition fortsetzen, nur unter einem anderen Regierungschef. Die Opposition und auch Staatspräsident Giorgio Napolitano allerdings tendieren eher zu einer Übergangslösung: Eine „Technokratenregierung“ mit Ökonomen und Verwaltungsfachmännern.

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