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Bettina Röhl direkt

EuroVegas: Rote Karte für den spanischen Spielbank-Kapitalismus

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Apropos China

Wenn eine Casino-Welt einer Volkswirtschaft überhaupt einen nachhaltigen Kapitalzufluss bringen soll, dann dürfen die Zocker nicht allein aus dem eigenen Land kommen. Deswegen spielen der Investor und die spanische Regierung auch mit weiteren Sonderkonditionen. So soll für die erwarteten superreichen Chinesen zum Beispiel das Rauchverbot abgeschafft oder eingeschränkt werden.

Allerdings: Wenn es den turbokapitalistischen Kommunisten in Peking in fünf oder sechs Jahren auf den Geist gehen sollte, dass dann allzu viele Chinesen ihr in China verdientes Geld nach Spanien-Vegas tragen, dann klotzt die Volksrepublik eben auf ihrem eigenen Gebiet einen Vergnügungskomplex in die schönste Landschaft. Und zwar so groß, so teuer und so gewaltig, wie ihn die Welt noch nie gesehen hat. Herr Adelson und alle Spanier, die es sich leisten können, würden dann zum Daddeln und zur Befriedigung ihrer Vergnügungssucht nach Chinas pendeln und SpanienVegas wäre schnell eine Geisterstadt. So ist das mit den Marktprognosen, die können sich schnell als allzu fehlerhaft heraus stellen, im Vergnügungsmilieu allemal.

Krise und Arbeitslosigkeit in Spanien

Milliardensummen ins Ungewisse

Und wie sieht es in der Realität mit dem Bau und dem Betrieb aus? Abgesehen davon, dass viele Verträge, Nebenabreden und faktische Verhaltensweisen eher im Bereich von Heimlichkeiten  abgewickelt werden, darf man realistischerweise wohl davon ausgehen, dass ein Investor, zumal einer, der einem Staat wie Spanien ein eher unseriöses, unüberschaubares Gigantprojekt andient und vieles unverbindlich verspricht, vergleichsweise wenig selber investiert und noch weniger Risiko übernimmt.

Wahrscheinlich weiß niemand im Moment genau, wie EuroVegas genau finanziert und vertraglich konstruiert wird. Ein Investor, der die öffentliche Hand zu ködern weiß, verspricht vielleicht, dass er ein Drittel der Gesamtinvestition aus eigener (gar persönlicher) Tasche finanziert, was noch lange nicht heißt, dass er mit seinem eigenen Geld rangeht. Möglicherweise gründet er irgendeine Gesellschaft mit beschränkter Haftung, die bei der öffentlichen Hand ein ausreichendes Darlehen aufnimmt, für das sich der Investor dann gnädig bis zur Höhe von beispielsweise zehn Prozent verbürgt. Das so akkumulierte Geld wird dann als eigene Investition des Investors öffentlich verkauft.

Um noch einmal auf die Steuerprivilegien zurück zu kommen: Auf welche Erträge zahlen Adelson und die Seinen eigentlich am Ende keine, sprich, sehr privilegierte Steuersätze? Auch wenn das Prinzip Spielbank jahrhundertealt ist, eins versteht sich doch von selbst: Für das aus dem echten Las Vegas mitgebrachte Casino-Know-how zahlt EuroVegas natürlich Lizenzgebühren, zum Beispiel an eine Bank auf den Cayman-Islands, die mit irgendwem auf der Welt einen Gewinnabführungsvertrag hat, der das Geld dann solange um den Globus rotieren lässt, bis es unsichtbar geworden ist. Auf den Cayman-Islands, so der Wille der britischen Queen, kann man de facto Steuern sparen, aber das haben die EuroVegas-Leute vielleicht gar nicht nötig, wie es in der vorliegenden Fiktion deutlich wird. Aber eine falsche Fährte legen, ist ja immer schon mal lustig.

Da alle wirklich relevanten Details im dunkelsten Dickicht liegen, und die Öffentlichkeit sich bestenfalls mit allerlei Hochrechnungen ein Bild machen kann, sollen hier nur ein paar Plausibilitätsüberlegungen  vorgeführt werden, natürlich rein fiktiv. Und wenn die Lizenzgebühr, um im Beispiel zu bleiben, zufällig genau so hoch ist, wie der steuerbare Gewinn, dann kann sich Spanien die Kosten jedweder Steuerbeitreibung sparen.

Im vorliegenden Fall soll es ja wohl besser sein. Da soll Herr Adelson womöglich sein persönliches Vermögen containerweise nach Spanien schaffen, um das Projekt zu puschen. Wer 's glaubt....

Spanischer Spielbank-Kapitalismus

Die verbleibenden zwei Drittel der Baukosten, der Zwischenfinanzierungskosten, der ersten Betriebskosten usw. werden oft von weiteren Investoren, sich einkaufenden Hotelkonzernen usw. aufgebracht. Allerdings geht da das Spiel meist von vorne los. Dann kommt der Hotelkonzern X nämlich auf den Gedanken dasselbe Spiel von vorne zu beginnen und erst einmal den spanischen Staat als Hauptfinanzier mit ins Boot zu holen. Und ganz viele Banken sagen dann auch tatsächlich Kredite zu, für die sich der Staat dann fairerweise als Ausfallbürge, als Letzthaftender zur Verfügung stellt. Und wenn alles gar nichts wird, dann haftet der spanische Staat eben für die Bauruinen.

Und selbst auf die minimale Chance hin, dass alles klappt und gut geht und das Geschäft auf die nächsten hundert Jahre brummt und der spanische Arbeitsmarkt leer gefegt wird und EuroVegas sich zu einer Geldpresse entwickelt, wenn auch auf der Basis der sonst vom Staat bekämpften Spielsucht  und der sonst vom Staat bekämpften Verpestung der Umwelt, muss der spanische Staat auf die nächsten Jahre erst einmal Milliardensumme ins Ungewisse investieren.

Und für diese Art von spanischem Spielbankkapitalismus im wahrsten Sinne des Wortes kann es nur die rote Karte der europäischen Zentralbank, der EU und des IWF geben. Die nämlich versetzen Spanien, wie man weiß, überhaupt erst in die Lage, mit Großmannssucht sogenannte Prestigeobjekte in die Gegen zu bauen und gleichzeitig auf eine solide Entwicklung der eigenen Volkswirtschaft weitestgehend zu verzichten.

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