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Bettina Röhl direkt

Der griechische Milliarden-Coup

Seite 3/4

Der Euro ist zum Fetisch geworden


Europas Baustellen
Arbeitslose stehen vor einem Jobcenter in Madrid Schlange Quelle: dpa
Seit dem 01.01.2014 sind die letzten Jobschranken für Rumänen und Bulgaren gefallen. Quelle: dpa
Die Flagge der Europäischen Union weht im Wind. Quelle: dpa
Verhandlungsführer des Transatlantischen Freihandels- und Investitionsabkommens (TTIP) Ignacio Bercero und Dan Mullane. Quelle: REUTERS
Die große Euro-Skulptur steht in Frankfurt am Main vor der Zentrale der Europäischen Zentralbank (EZB). Quelle: dpa
Hetze gegen die EUIm Europa-Parlament machen Antieuropäer wie Marie Le Pen, Chefin der rechtsextremen Front National in Frankreich und Rechtspopulist Geert Wilders von der niederländischen Freiheitspartei PVV Stimmung gegen das sogenannte "Monster Brüssel". Als Bündnispartner ziehen sie gemeinsam in die Europawahl, um ihre Rolle zu stärken. Was derzeit noch eine Randerscheinung ist, könnte mit ihrer europafeindlichen Rhetorik bis Mai 2014 aber schon viele Wähler aus der bürgerlichen Mitte auf ihre Seite gebracht haben, so das Ergebnis einer Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung und des Centre for European Studies. Die Wirtschafts- und Euro-Krise mache es ihnen leicht, den Hass auf die EU zu schüren. Quelle: AP
Mitglieder des Europäischen Parlaments während einer Sitzung in Straßburg (Frankreich).i Quelle: dpa

Es handelt sich bei den Krediten und neuen Kreditwünschen der Griechen, die von den altruistischen Euro-Rettern locker gemacht wurden und werden, nämlich realiter viel eher um Schenkungen, bestenfalls Schenkungen mit einer kleinen Darlehenskomponente.

Im Prinzip alle Nachrichten, die über Griechenland und über den Stand der Wirtschaft, des Haushalts, der Schulden in die Welt gesetzt werden, sind dazu angetan die Öffentlichkeit an der Nase durch die Arena herum zu führen. Fast alle Zahlen und Daten und Reformen, Urteile und Prognosen und was es sonst noch gibt, sind selten mehr wert als das Papier, auf dem sie gedruckt stehen.

Hinter allen veröffentlichten Daten stecken Fiktionen, selten realistische Annahmen und viel Wunschdenken. Dass die Euro-Rettung, soweit sie Griechenland betrifft, unter Umständen um ein Vielfaches teurer ist, als es die Unterstützung der griechischen Wirtschaft bei Wiedereinführung einer inzwischen komplett tabuisierten, neuen nationalen Währung wäre, ficht die Euro-Retter nicht an. Es handelt sich beim Euro um eine Währung, um nicht mehr und nicht weniger. Aber der Euro ist längst zu einem Fetisch geworden, der politisch hoffnungslos überfrachtet wurde. Diese Tatsache kennt natürlich auch die griechische Regierung. Sie weiß ziemlich genau, wieweit sie den anderen Euro-Staaten auf der Nase herumtanzen kann. und dann überschattet ja auch noch das griechische Szenario die finanztechnische und ökonomische Seite der Euro-Medaille, nämlich dass die bürgerlich-sozialdemokratische Koalition in Athen zerbrechen könnte und dass die extremeren Kräfte auf der linken und rechten Seite in Griechenland an Bedeutung gewinnen könnten, was die Euro-Retter unter allen Umständen verhindern wollen. 

Die griechische Regierung hat also nahezu unbegrenzte Freiheiten weiteres Entgegenkommen seiner auf Rettung eingestimmten Gläubiger zu verlangen. Dass Griechenland auf Dauer ein Fass ohne Boden bleibt und dass die griechische Wirtschaft vor allem weiterhin den Anschluss an den Weltmarkt nur schwer wird finden können, auch weil die unverdienten Geldzuflüsse in Griechenland ineffizient verteilt werden, stört solange Niemanden, wie die öffentliche Meinung in den Geberländern diese Art Krisenmanagement zulässt. Euro-kritische Stimmen werden jenseits der ökonomischen und finanztechnischen Gegebenheiten und Argumente, also mit sachfremden Emotionalitäten und Verböserungen in ein politisches Off geschickt, so dass im Prinzip jedes Argument, aber auch wirklich jedes Argument auf der Strecke bleibt.

Wäre Griechenland das einzige Sorgenkind in Euro-Land und würde nicht Frankreich, verstärkt durch die sozialistischen Experimente eines gewissen Francois Hollande, als viel größeres Sorgenkind zu all den anderen Sorgenfällen hinzutreten, könnte man ja über die Euro-Rettungswut, die zur herrschenden Politik geworden ist, milde lächeln.

Eine Währung ist keine Verfassung

Der Euro ist politisch, nicht ökonomisch, nicht finanziell, alternativlos geworden. Er ist zu einer schwülstigen, gefühlsduseligen Währung geworden, die nicht mehr Währung sein darf, sondern die quasi die fehlende Verfassung Europas ersetzen soll. Dass eine Währung keine Verfassung sein kann, ist zwar einerseits jedem klar, aber andererseits nimmt es auch im Prinzip jeder hin, dass der Euro zu einem Stück Ersatz-Europa geworden ist, an dem Europa politisch genesen soll. Nichts desto trotz macht es natürlich Sinn sich Sorgen und vor allem Gedanken über den Euro zu machen und aktuell über die weiterhin notwendige Rettung Griechenlands nachzudenken.

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