WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen
Bettina Röhl Direkt

Die Schuldigen der Griechenlandkrise

Bettina Röhl Publizistin

Eines eint die Akteure, die Griechenland zum Gründungsmitglied des Euro-Clubs gemacht haben: durchgängiges Versagen. Die Eurologen tragen Verantwortung dafür, dass eine Krise in Athen erst entstehen konnte.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Die Kanzlerin im Euro-Positivismus: Angela Merkel bei der ARD-Talksendung

Der Euro ist der fehlgeschlagene Versuch einer Revolution von Oben und das Erschütternde ist, dass der Euro gänzlich überflüssig war und ist und kein einziges Problem gelöst, aber unendlich viele neue zusätzlich kreiert hat. Das Europa der unterschiedlichen Währungen ist seit den frühen fünfziger Jahren bis zur Einführung des Euro historisch betrachtet in atemberaubendem Tempo zu einer dynamisch sich entwickelnden europäischen Gemeinschaft zusammen gewachsen und dieser Prozess wäre ohne Einführung des Euro stetig im positivsten Sinne weiter gegangen. Es gab überhaupt keine Notwendigkeit den Euro einzuführen.

10 Gründe gegen den Euro
Das Portemonnaie ist schwerer geworden Quelle: dapd
Lieb gewonnene Sprichwörter sind nicht mehr gültig Quelle: AP
Eine Sammlung der im Dezember 2010 erhältlichen Ein-Euro Münzen der 17 Eurostaaten Quelle: dpa
Unser Vermögen wurde halbiert Quelle: dpa/dpaweb
Den politischen Talkshows gehen die Themen aus Quelle: REUTERS
Die Deutschen zahlen noch mit der Mark Quelle: AP
Keiner hat uns mehr lieb Quelle: dpa

Das Abdelegieren der Schuld an Griechenland

Es hat etwas Furchtbares, wie Angela Merkel, Wolfgang Schäuble, Philipp Rösler oder Guido Westerwelle jetzt versuchen, ihr eigenes systematisches und wirklich exorbitantes Versagen Griechenland, der griechischen Regierung oder „den Griechen“ reinzuwürgen und wenigstens noch das Image des guten strengen Onkels, der nun wirklich nicht mehr helfen kann, für sich persönlich zu retten.

Wenn man jetzt hört, dass die Euro-Oberlehrer, die einen Austritt aus der Euro-Zone Griechenlands noch vor kurzem für den katastrophalen Sturz eines ersten Euro-Dominosteins erklärten, jetzt Griechenland dafür schelten, dass es seine geforderten Reförmchen nicht artig in den letzten Wochen erledigt und die vielen 100 Auflagen der sogenannten "Troika" aus EU-Kommission, Europäischer Zentralbank (EZB) und IWF erfüllt hätte, dann erstaunt es doch sehr, dass sich die europäische Öffentlichkeit so beharrlich am Nasenring durch die Arena führen lässt. Jeder weiß, dass die wechselnden zufälligen Forderungskonglomerate nichts als Aktionismus der potenziellen Geberseiten sind. Jeder weiß, dass die Möglichkeiten der Überprüfungen an starke Grenzen stoßen. Und im Grunde ist auch jedem klar, dass selbst wenn Griechenland formal die eine oder andere Forderung erfüllt, aus dem Land kein wirkliches Euroland wird.

Der Euro ist Produkt einer permanenten Bilanzfälschung

Merkel bei Günther Jauch. Gerade ein knappes Jahr ist es her, da taumelte unter dem Beifall des Publikums und mit der Absegnung durch TV-Guru Günther Jauch eine Kanzlerin im Euro-Positivismus über die Bildschirme. Die Euro-Krise, die eine System-, eine Strukturkrise ist, werde, so wurde es dem staunenden Volk vorgegaukelt, zwar noch etwas nachwirken, aber bei allen Unwägbarkeiten, die es gibt, doch gemeistert werden.

Indes ist der Euro das Produkt einer permanenten Bilanzfälschung. Bilanzwahrheit und Bilanzklarheit, strafbewehrte Kategorien im deutschen Wirtschafts-und Steuerrecht, sind was den Euro anbelangt, Störenfriede. Nur ewig gestrige Spießer, Dumpfbacken und Spielverderber, die keine Visionen haben, verirrten sich, so der Eindruck, in solchen realitätsbasierten Kategorien. Auf heißer Luft durch Europa segeln und von einem Eurogipfel zum anderen fliegen, so machte man in den letzten zwanzig Jahren Karriere in Europa.

Eine Neugestaltung des Euro wird schwerer

Griechenland zu verkaufen
Airbus A340Der Verkauf von vier Flugzeugen des Typs Airbus A340 neues Geld in die leere griechische Staatskasse spülen. Griechenlands Premierminister Samaras erwartet, dass die Flieger der früheren Staatsairline Olympic Airways für jeweils 32,9 Millionen Euro veräußert werden können. Quelle: REUTERS
Öffentliche Telefonanlage in Athen
Lokomotive der griechischen Eisenbahngesellschaft OSE Quelle: dpa
Glücksspiel Quelle: OPAP
Akropolis in Athen
Griechische Euromünzen
GrundstückeAuf den Inseln Korfu und Rhodos will die griechische Regierung riesige Grundstücke am Meer verkaufen. Beim Ort Afantou auf Rhodos sind es 1,9 Millionen Quadratmeter und bei Kassiopi auf Korfu sind es 490.000 Quadratmeter. Quelle: gms

So schleppt sich der Euro von Tag zu Tag. Jeder Tag, an dem der Status quo dieses real existierenden Euros aufrechterhalten wird, kostet Geld. Eine qualitative Erneuerung dieses Währungskonstrukts, eine Neugestaltung des Euro vom Grunde auf, wird mit jedem Tag, der ins Land geht, schwerer und doch läge die einzige Chance der Besserung genau darin: weg mit dem Euro. Oder: her mit einem Euro der wenigen Länder Mitteleuropas, deren Volkswirtschaften eine hinreichende Kompatibilität hinsichtlich aller relevanten Eckpunkte, zum Beispiel Wirtschaftspolitik, Finanzpolitik und vorrangig Leistungsniveau im Weltmaßstab, aufweisen

Benötigt: Eine Dekonstruktion auf Leistungsvermögen

Einem Land wie Griechenland ist mit Reformen nicht zu helfen. Ganz abgesehen davon, dass notwendige Reformen auch stets verwässern und sich im Sande verlaufen. Ein Land wie Griechenland braucht eine Revolution, gleichsam eine systematische Dekonstruktion auf das eigene Leistungsvermögen quo ante zurück.

Die Griechen müssen den Gürtel in das Loch zurück schnallen, auf das dieser Gürtel vor zehn oder zwanzig Jahren eingestellt war. So etwas ist wirtschaftlich viel leichter gesagt als getan und nur so wenig beherrschbar, weil unübersehbare Dynamiken entfacht werden. Das Kunststück muss vollbracht werden, den aufgeblasenen Staatsapparat, aber auch die aufgeblasene Wirtschaft auf die Realität herunter zu dekonstruieren. Nur wenn sich die Griechen entsprechend ihrem Leistungsniveau bescheiden, kann es eine harmonische wirtschaftliche Entwicklung in Griechenland, und soweit Griechenland relevant ist, im Rest Europas geben. Das gilt auch für Spanien, Portugal, Irland und andere. Und damit diese Länder eine gute Entwicklungschance bekommen, benötigen sie die Möglichkeit, eine eigene Währungspolitik naturgemäß mit einer eigenen Währung betreiben zu können.

Revolution meint hier natürlich nichts anderes als den Währungsschnitt, der den Euro-Phantasten so schwer fällt. Die haltlose Griechenlandpolitik Europas und des Landes selbst, die den Griechen nicht erklärt, dass sie über ihre Verhältnisse leben, erzeugt den Nährboden für falsche, überkommene „Revolutionen“. Linksradikale Demagogen und Organisatoren von Massenstreiks und Massendemonstrationen, die mit irgendwelchen Gewaltparolen oder utopischen Phantasien gegen den eigenen Staat, aber auch gegen Europa vorgehen, sind genau die Kräfte, denen man das Feld nicht überlassen sollte.

Es sind die Eliten, die am Pranger stehen

So viel verdienen Politiker
Erst im Januar 2013 sind die Diäten deutscher Bundestagsabgeordneter um rund 300 Euro auf 8252 Euro erhöht worden. Jetzt hat Bundespräsident Joachim Gauck eine weitere umstrittene Diätenerhöhung für Bundestagsabgeordnete passieren lassen. Die Diäten steigen damit rückwirkend zum Juli auf 8667 Euro. Für Januar 2015 ist eine weitere Erhöhung auf 9082 Euro geplant. Ab 2016 sollen sich die Diäten dann an die Lohn- und Gehaltsentwicklung automatisch anpassen. Damit sind Bundestagsabgeordnete aber noch immer himmelweit von den Verdiensten der EU-Abgeordneten entfernt. Quelle: dapd
Im Februar 2013 hatte der Bundestagsabgeordnete Frank Schäffler (FDP) eine Gehaltsdebatte um die Besoldung von EU-Beamten angestoßen: Rund 4400 von insgesamt 46.000 EU-Beamten verdienen mehr Geld im Monat als die Bundeskanzlerin. Im Folgenden ein Blick auf die Top-Verdiener: Quelle: dapd
So verdient ein EU-Beamter der Besoldungsstufe AD 13 in Kommission, Rat oder Parlament nach vier Dienstjahren 12.500 Euro netto pro Monat, wenn er zwei Kinder hat (660 Euro steuerfreie Kinderzulage pro Kind) und im Ausland arbeitet (16 Prozent des Gehalts gibt es als steuerfreie Auslandszulage). Quelle: dpa/dpaweb
Zu den höheren - und finanziell lukrativeren - Besoldungsstufen AD14 bis AD16 gehören in der EU 79 Beamte. Sie sind Direktoren oder Generaldirektoren und verdienen pro Monat bis zu 16.500 Euro netto. Quelle: AP
ESM-Leiter Klaus Regling (324.000 Euro)Er verteilt nicht nur viel Geld, sondern erhält auch viel: Klaus Regling leitet den ständigen Euro-Rettungsschirm ESM ("Europäischer Stabilisierungsmechanismus") und verdient dafür 324.000 Euro brutto jährlich. Damit verdient also auch Klaus Regling mehr als die Bundeskanzlerin, deren Grundbezüge 190.000 Euro jährlich betragen - auch mit Sonderbezügen kommt Angela Merkel nicht über 290.000 Euro. Quelle: dpa
EZB-Chef Mario Draghi (370.000 Euro)Das Gehalt des ESM-Leiters wird trotzdem nicht an dem des Präsidenten der Europäischen Zentralbank herankommen. Der Italiener Mario Draghi verdient jährlich 370.000 Euro plus Zulagen. Quelle: dpa
Kommissionspräsident José Manuel Barroso (298.500 Euro)Näher ans Gehalt der Kanzlerin rückt der Präsident der Europäischen Kommission. José Manuel Barroso verdient jährlich rund 298.500 Euro. Quelle: dapd

Nicht die Menschen in Griechenland oder in Deutschland oder in Frankreich sind Schuld an der Euro-Misere. Auch nicht die Staaten sind Schuld an der Euro-Misere. Es muss dafür Sorge getragen werden, dass jetzt nicht die Menschen in den Nehmer- und in den Geberländern aufeinander gehetzt werden. Es sind die Eliten, die am Pranger stehen.

Es geht darum die Täter, die Übeltäter, die Missetäter, die jede vernünftige Stimme seit 15 oder 20 Jahren mundtot gemacht haben, zu identifizieren und die Tatbestände, wo die falschen Weichen gestellt wurden, klar und deutlich vorzuführen und zu benennen. Der Euro ist kein diffuses Produkt von irgendwelchen anonymen Regierungen, der Euro ist das Produkt der Helmut Kohls, der Francois Mitterands, der Gerhard Schröders, Joschka Fischers, Merkels, Schäubles, Westerwelles, die jahrelange Durchhalteparolen propagiert haben, statt Transparenz zu bieten.

Die Euro-Phantasten haben Volksvermögen vernichtet

Der demokratiefeindliche Druck gegen die Euroskeptiker in den Parlamenten ist offenkundig. Und jetzt ist auch der Druck auf das Bundesverfassungsgericht überdeutlich den Euro-Wahnsinn der Regierung und der Opposition am Parlament vorbei zu perpetuieren.

Wenn Griechenland am Euro scheitert, dann kann es nicht sein, dass Griechenland oder die griechische Regierung oder gar das griechische Volk die Schuldkarte bekommen, dann müssen endlich die nimmersatten Eurologen zur Verantwortlichen gezogen werden, die Griechenland (und auch Deutschland und Europa) in diese Krise hineingetrieben haben. Die Euro-Phantasten haben europäisches Volksvermögen real vernichtet. So was nennt man im Strafrecht eigentlich „Untreue“.

Wenn der Euro in Griechenland scheitert, dann ist in Europa die Nomen Klatura gescheitert. Dann müsste es eigentlich einen demokratischen Austausch der Verantwortlichen geben. Europaskepsis allein ist zwar kein Qualitätsmerkmal, aber es müssen diejenigen das Heft des Handelns in die Hand nehmen, die den Euro mit Augenmaß auf ein sinnvolles Maß zurück stutzen.

Jetzt auf wiwo.de

Sie wollen wissen, was die Wirtschaft bewegt? Hier geht es direkt zu den aktuellsten Beiträgen der WirtschaftsWoche.
Diesen Artikel teilen:
  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%