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Bettina Röhl direkt

Kaffeesatz und Euro-Absolutismus

Bettina Röhl Publizistin

Scheinbare ökonomische Gewissheiten lösen sich auf. Konjunktur haben die Märchenerzähler vom Schlage Wolfgang Schäubles. Aber das wunderbare Heilmittel, das Südeuropa wettbewerbsfähig macht, gibt es nicht.

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Das europäische Spitzenquartett
José Manuel Barroso Quelle: dpa
Herman Van Rompuy Quelle: REUTERS
Catherine Ashton Quelle: dpa
Martin Schulz Quelle: dpa

Gold ist gar nichts wert, aber die Menschen sind gierig danach. Das verleiht dem seltenen Metall einen real fiktiven Wert. Immerhin. Für echte Weltwirtschaftskrisen stellt Gold eine vergleichsweise nutzlose Sicherheit dar. Der Dollar verliert seine Fähigkeit Weltleitwährung zu sein sukzessive. Die US-Währung lebt nur noch von ihrer Tradition und ist nicht mehr der Ruhepol und die Messlatte für das Geschehen auf den Geldmärkten.

Das japanische Wirtschaftswunder hat seinen Kulminationspunkt erreicht. Der Wachstumsfetisch der turbokapitalistischen Kommunisten aus Peking verliert an Zauber. Indien ist auf eine vergleichsweise gesunde Art mit sich selbst beschäftigt. Rohstoffgiganten wie Saudi-Arabien oder Russland haben immer mehr mit hausgemachten Problemen zu kämpfen. Alle weltwirtschaftlichen Eckdaten, deren Liste hier noch beliebig verlängert werden könnte, sind zunehmend weiche Faktoren geworden.

Das Urteilsvermögen der drei großen amerikanischen Ratingagenturen wurde wahrscheinlich immer deutlich überschätzt. Aber dass von dort immer weniger Analysen und Bewertungen zu erwarten sind, auf die die Politik bauen könnte, hängt mit der zunehmenden Unkalkulierbarkeit des Weltwirtschaftsgeschehens und auch der Weltfinanzmärkte zusammen.

Der Euro, der als Adler in die Luft geschickt wurde, entpuppte sich schnell als quakender immer neu zu großen Sprüngen ansetzender Frosch, den jetzt alle Welt mit deutscher Unterstützung wach küssen will.

Sicherer Hafen Deutschland
Die Deutsche Bank in Frankfurt am Main Quelle: dpa
Das Schild einer Commerzbank-Filiale mit Logo hängt unweit der Zentrale der Commerzbank in Frankfurt am Main Quelle: dpa
Mitarbeiter der Sparkasse schauen in Kordel bei Trier in die Fluten Quelle: dpa
"LBBW" steht in Stuttgart auf einem Schild vor der Landesbank Baden-Wuerttemberg Quelle: dapd
Ein Volksbanken-Raiffeisenbanken-Schild Quelle: dpa
DZ-Bank Quelle: REUTERS
ING Quelle: REUTERS

Schäubles Euro-Absolutismus

Um den Aktionismus der ratlosen Euro-Retter einigermaßen zu erfassen, muss man wohl in die Märchenwelt einsteigen. Wenn sich der deutsche Finanzminister, Wolfgang Schäuble, jetzt noch schnell vor seiner Abreise ins schöne Keitum auf Sylt in einem Interview mit der "Welt am Sonntag" ratlos und großtuerisch zugleich so äußert: "Wir sind die größte Wirtschaftsregion der Welt. Das Problem ist, dass wir in der Währungsunion einen neuen Weg gehen bei der Krisenbewältigung. Vielleicht haben noch nicht alle Investoren unsere Strategie verstanden, aber sie werden sie verstehen. Da muss man auch ein wenig Gelassenheit zeigen", dann wird das Problem und eben nicht die Lösung deutlich.

Mehr hat Schäuble, der dies gebetsmühlenartig in immer neuen Variationen wiederholt, nicht auf der Platte. Statt Andere zu schelten, dass sie sein Konzept nicht verstehen, sollte er sein Konzept, wie er sagt, den "neuen Weg" endlich aus seiner Geheimschatulle heraus holen und überzeugend erläutern. Oder ist etwa dieses arrogante Geschwafel von der europäischen Union, an der er, Merkel und die europäischen Regierungskollegen arbeiteten, Schäubles einzige Idee den Euro zu retten? Schäuble im Sommer-Interview: "Wir arbeiten doch an einer politischen Union. Aber da müssen die Europäer auch mit einem gewissen Selbstbewusstsein sagen: Wie wir die europäische Einigung vorantreiben, entscheiden wir - nicht Investoren, zum Beispiel in Shanghai. Das erfordert Änderungen der EU-Verträge und braucht Zeit."

Auch die Vereinigten Staaten von Europa - auf lange Sicht noch bestenfalls ein schönes Märchen -  sind keine Lösung für die Euro-Krise heute, ganz abgesehen davon, dass Schäuble das Konzept für seinen gigantomanischen politischen Wurf eines europäischen Zentralstaates schuldig bleibt.

Es ist die Zeit der Märchenerzähler. Kein Wunder, dass die Zunft der Ökonomen in solchen Zeiten zerstritten ist wie nie. Die Euro-Skeptiker unter ihnen werden als national, eigentlich als nationalistisch eingestellt und wissenschaftlich minder qualifiziert gescholten.  Starker Tobak angesichts der Tatsache, dass die selbst ernannten Euro-Patrone seit zwei Jahren keinen Rettungsschlüssel gefunden haben und umgekehrt permanent zugeben müssen, dass die Euro-Krise immer neue Facetten aufwiese und immer neue Löcher zu stopfen wären.

"Milchmädchen"

So viel verdienen Politiker
Erst im Januar 2013 sind die Diäten deutscher Bundestagsabgeordneter um rund 300 Euro auf 8252 Euro erhöht worden. Jetzt hat Bundespräsident Joachim Gauck eine weitere umstrittene Diätenerhöhung für Bundestagsabgeordnete passieren lassen. Die Diäten steigen damit rückwirkend zum Juli auf 8667 Euro. Für Januar 2015 ist eine weitere Erhöhung auf 9082 Euro geplant. Ab 2016 sollen sich die Diäten dann an die Lohn- und Gehaltsentwicklung automatisch anpassen. Damit sind Bundestagsabgeordnete aber noch immer himmelweit von den Verdiensten der EU-Abgeordneten entfernt. Quelle: dapd
Im Februar 2013 hatte der Bundestagsabgeordnete Frank Schäffler (FDP) eine Gehaltsdebatte um die Besoldung von EU-Beamten angestoßen: Rund 4400 von insgesamt 46.000 EU-Beamten verdienen mehr Geld im Monat als die Bundeskanzlerin. Im Folgenden ein Blick auf die Top-Verdiener: Quelle: dapd
So verdient ein EU-Beamter der Besoldungsstufe AD 13 in Kommission, Rat oder Parlament nach vier Dienstjahren 12.500 Euro netto pro Monat, wenn er zwei Kinder hat (660 Euro steuerfreie Kinderzulage pro Kind) und im Ausland arbeitet (16 Prozent des Gehalts gibt es als steuerfreie Auslandszulage). Quelle: dpa/dpaweb
Zu den höheren - und finanziell lukrativeren - Besoldungsstufen AD14 bis AD16 gehören in der EU 79 Beamte. Sie sind Direktoren oder Generaldirektoren und verdienen pro Monat bis zu 16.500 Euro netto. Quelle: AP
ESM-Leiter Klaus Regling (324.000 Euro)Er verteilt nicht nur viel Geld, sondern erhält auch viel: Klaus Regling leitet den ständigen Euro-Rettungsschirm ESM ("Europäischer Stabilisierungsmechanismus") und verdient dafür 324.000 Euro brutto jährlich. Damit verdient also auch Klaus Regling mehr als die Bundeskanzlerin, deren Grundbezüge 190.000 Euro jährlich betragen - auch mit Sonderbezügen kommt Angela Merkel nicht über 290.000 Euro. Quelle: dpa
EZB-Chef Mario Draghi (370.000 Euro)Das Gehalt des ESM-Leiters wird trotzdem nicht an dem des Präsidenten der Europäischen Zentralbank herankommen. Der Italiener Mario Draghi verdient jährlich 370.000 Euro plus Zulagen. Quelle: dpa
Kommissionspräsident José Manuel Barroso (298.500 Euro)Näher ans Gehalt der Kanzlerin rückt der Präsident der Europäischen Kommission. José Manuel Barroso verdient jährlich rund 298.500 Euro. Quelle: dapd

Angela Merkel und der Bundesfinanzminister predigen in ihrem heiligen Zorn den Euro und stellen die Behauptung auf, dass ein Ausstieg Griechenlands aus der Gemeinschaftswährung um ein Vielfaches teurer wäre als der auf Biegen und Brechen von wem auch immer finanzierte Verbleib des Landes in der Eurozone und sie fahren in ihrer Predigt fort, dass eine Reduktion des Euro auf die wirtschafts-und finanztechnisch kompatiblen Länder Nordeuropas eine weltökonomische Katastrophe auslöste. Beweisen können die beiden und ihre Gefolgsleute ihre Behauptung nicht. Sie stützen sich auf ihnen genehme Modellrechnungen und im Wesentlichen auf den Kaffeesatz, den sie zufällig für ihre "Prognosen" zur Verfügung haben.

Der Absolutismus, mit dem die Schäubles und Merkels und auf deren Schweißspur auch wesentliche Teile der Opposition, die ihre Ergebnisse aus dem Kaffeesatz herausgelesen haben, diese für wirklich und wahr erklären, erschreckt. Und diesem Absolutismus muss mit harter Kante entgegen getreten werden.

Auch die Euro-Skeptiker bemühen ihre eigenen Modellrechnungen, auch sie sind darauf angewiesen ihren feuchten Zeigefinger in die Luft zu recken, um die Windrichtung zu erspüren. Aber warum ein Schäuble die Euro-Realisten, die sich um ihren Weg aus der Krise bemühen, als "Milchmädchen" schilt, die Steuergelder verschwendeten, erschließt sich nicht und Attacken auf die Freiheit der Wissenschaft sind eines Finanzministers eigentlich nicht würdig.

Schäuble hatte zu einem ihm von der Sonntagszeitung vorgehaltenen Ergebnis des Ifo-Instituts, das berechnet hatte, dass wenn Athen in der Euro-Zone bliebe, dies Deutschland 89 Milliarden Euro kosten würde, dagegen ein Austritt Griechenlands aus dem Euro für Deutschland 82 Milliarden Euro billiger wäre, gesagt: "Ich finde, Milchmädchen dürfen Milchmädchenrechnungen vorlegen. Bei Professoren sieht das schon anders aus. Mit der Autorität von akademischen Titeln und von wissenschaftlichen Instituten, die mit viel Geld vom deutschen Steuerzahler subventioniert werden, ist eine besondere Verantwortung verbunden."

Was aber, wenn Schäuble das "Milchmädchen" wäre und seine Risikobewertung sich als Luftnummer entpuppte? Wer den Euro blindwütig bis zum äußersten Risiko retten will, hantiert mit einer Vielzahl von Gleichungen herum, die eine noch größere Zahl von Unbekannten enthalten. Das Nämliche gilt auch für das Lager derer, das von einer geordneten Dekonstruktion des Euro auf ein realistisches Maß herunter träumt. Glaubenssatz gegen Glaubenssatz.

S&P droht Italien, Irland wird hochgestuft
Für Frankreich zeigt sich S&P etwas zuversichtlicher, obwohl sich am Rating („AA“) und dem stabilen Ausblick nichts änderte. Die Regierung habe Maßnahmen zur Reduzierung der Arbeitskosten und Unternehmensbesteuerung ergriffen, um die Wettbewerbsfähigkeit des Landes zu verbessern, schreibt S&P. Zudem deuteten staatliche Ausgabenkürzungen darauf hin, dass die zweitgrößte Euro-Volkswirtschaft ihr Haushaltsdefizit schrittweise reduzieren werde. Die Staatsverschuldung bleibe aber hoch und werde bis 2017 noch wachsen. Rating (S&P): AAAusblick: stabil Quelle: dpa
Zypern wurde von der Wirtschaftskrise enorm mitgenommen, gerade der aufgeblähte Bankensektor des Inselstaats machte ihm in der Dynamik der Krise schwer zu schaffen. Die Bewertung des Krisenlands wurde von S&P nun um eine Stufe auf „B“ erhöht, Fitch hob den Ausblick für das Rating („B-“) auf positiv an. Bei beiden Agenturen liegt die Kreditnote klar im sogenannten Ramschbereich, der spekulative Anlagen kennzeichnen soll. Die positiven Ausblicke lassen aber Aufstufungen erwarten - vorausgesetzt, das Land erfüllt weiterhin die Auflagen der internationalen Geldgeber, die Zypern seit dem vergangenem Jahr finanziell stützen. Rating (S&P): BAusblick: positiv Quelle: AP/dpa
Standard & Poor's (S&P) hat das lang- und kurzfristige Fremdwährungsrating für die Ukraine gesenkt. Die Bewertung sei von „B-/B“ mit einem negativen Ausblick herabgestuft worden, teilten die US-Bonitätswächter mit. Hintergrund sei die derzeitige politische Instabilität in dem Land. Seit Wochen demonstrieren Regierungsgegner gegen die Regierung. Präsident Viktor Janukowitsch steht unter anderem wegen eines harten Vorgehens der Sicherheitskräfte gegen Demonstranten in der Kritik. Auslöser war die kurzfristige Ablehnung eines über Jahre hinweg vorbereiteten Abkommens zwischen der Ukraine und der Europäischen Union. Janukowitsch will das Land stattdessen enger an Russland binden. Rating (S&P): „CCC+/C“Ausblick: negativ Quelle: AP
Die Ratingagentur Standard & Poor's (S&P) hat Irland gute Bonitätsnoten in Aussicht gestellt. Der Ausblick für das Rating bleibt positiv. S&P begründete die positive Haltung mit verbesserten Wachstumsaussichten des Landes. Im Durchschnitt der Jahre 2014 bis 2016 erwartet die Agentur ein Wirtschaftswachstum von 2,7 Prozent. Bisher war sie nur von 2,0 Prozent ausgegangen. S&P lobt die Reform- und Sparpolitik des Landes. Die Agentur erwartet eine weiterhin starke Auslandsnachfage und eine anhaltende Erholung der Binnenwirtschaft. Die hohen Investitionen aus dem Ausland stützten die Binnenwirtschaft. Gefahren sieht S&P vor allem noch im Bankensektor. Rating (S&P): A+Ausblick: positiv Quelle: dpa
Portugal droht erst einmal keine weitere Abstufung durch die Ratingagentur Standard & Poor's (S&P). Die Bonitätsnote des Landes stehe nicht mehr unter verschärfter Beobachtung, teilte S&P mit. Portugal dürfte trotz einiger politischer Probleme 2013 das Ziel einer Neuverschuldung von 5,5 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) erreicht haben, schreiben die Experten. In diesem Jahr will Portugal dann die neuen Schulden auf vier Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung senken. Dies halten die S&P-Experten für möglich. Derzeit bewertet Standard & Poor's Portugal mit der Note „BB“. Das ist die zweite Stufe des sogenannten Ramsch-Niveaus, das spekulative Anlagen kennzeichnen soll. Der grundsätzliche Ausblick bleibe negativ. Rating (S&P): BBAusblick: negativ Quelle: dpa
Alenka Bratušek, seit Anfang 2013 Ministerpräsidentin von Slowenien, muss sich nach wie vor mit einer Bankenkrise und den hohen Schulden ihres Landes befassen. Ein Hilfsprogramm ist nach Einschätzung der EU-Kommission aber nicht von Nöten, solange das Bankensystem reformiert und das Reformtempo hoch gehalten wird. Im Rating von Standard & Poor's schneidet der osteuropäische Staat von den kriselnden noch mit am besten ab. Die Agentur bleibt bei ihrer Einschätzung, dass Sloweniens Kreditwürdigkeit auch künftig stabil bleiben wird. Rating (S&P): A+Ausblick: stabil Quelle: AP
Als Malta 2008 den Euro einführte, war das Land eines der kreditwürdigsten unter den neuen Mitgliedsstaaten. Auch heute gibt es für die Insel noch immer relativ gute Noten. Ratings: BBB+ Ausblick: stabil Quelle: REUTERS

Die Kuh schlachten, die man melken will

Ganz charmant, aber sehr flach hat sich dagegen der englische Ex-Premier Tony Blair jüngst in einem Artikel in der BILD-Zeitung geäußert. Kurz zusammen gefasst, wiederholt dieser, was  von Barack Obama bis François Hollande und bis hin zu den schuldengeschüttelten "Südstaaten" der Eurozone alle von Deutschland erwarten: Spart ihr in Teutonien weiter, damit wir schuldenbasiertes Wachstum in den Krisenländern mit euren Bürgschaften ermöglicht oder gar finanziert bekommen. Und dann fackeln wir das Ganze in einem Inflationsfeuerwerk so geschickt ab, dass am Ende der Euro wie Phoenix aus der Asche aufersteht. Wenn das kein Märchen ist!

Eine Währung ist auf Sicht gesehen so stark wir die Volkswirtschaft, die hinter ihr steht. Und sie ist so spekulationsunanfällig wie die Volkswirtschaft, die hinter ihr steht, robust ist. Und der Grad der Konsistenz einer Volkswirtschaft bemisst sich an ihrer Wettbewerbsfähigkeit auf dem Weltmarkt.

In Euroland hat sich die deutsche Wirtschaft als besonders weltmarkttauglich entwickelt. Die Kuh zu schlachten, die man melken will, das macht allerdings keinen Sinn. Die Krisenstaaten Europas auf Weltmarktniveau zu bringen, ist eine Aufgabe an deren Bewältigung Deutschland zusammen bräche. Das ist eine hoffnungslose Überschätzung des kleinen aktuellen Wirtschaftswunders der Bundesrepublik Deutschland und dies sowohl durch die Euro-Phantasten in Deutschland als auch durch jene außerhalb der Landesgrenzen.

Kein Sofort-Heilmittel

Europas Krisenländer im Reformcheck
GRIECHENLANDWirtschaft: Die griechische Wirtschaft steckt in einer dramatischen Rezession. 2011 schrumpfte die Wirtschaftsleistung um 6,8 Prozent. Für 2012 erwartet die EU-Kommission einen Rückgang von 4,7 Prozent. Die griechische Regierung hatte zuletzt einen Rückgang von 2,8 Prozent vorhergesagt. Das Bild zeigt den griechischen Container-Hafen in Piräus. Quelle: dpa
Haushalt: Trotz drastischer Sparanstrengungen lag das griechische Haushaltsdefizit 2011 bei 10,6 Prozent der Wirtschaftsleistung. Für dieses Jahr erwartet die Regierung ein Defizit von 6,7 Prozent.  Quelle: dpa
Ausblick: Wie es in dem Krisenland weiter geht, ist unklar. Die Wähler haben den Sparkurs der beiden etablierten Parteien Nea Demokratia und Pasok abgestraft. Gewinner der Wahlen sind extreme rechte und linke Parteien. Ob diese jedoch eine Regierung bilden können, ist fraglich. An die vereinbarten Sparziele jedenfalls wollen sich die meisten Politiker nicht mehr halten. Quelle: dapd
PORTUGALWirtschaft: Im zweiten Land, das unter dem Schutz des Euro Rettungsschirms steht, geht es steil bergab. 2011 schrumpfte die Wirtschaftsleistung um 1,6 Prozent - für dieses Jahr prognostiziert die portugiesische Regierung einen Rückgang von 3,3 Prozent. Hoffnung setzt die EU auf 2013: Dann soll die Wirtschaft in Portugal wieder um 0,3 Prozent wachsen. Quelle: dpa
Haushalt: Im Gegensatz zu anderen Euro-Krisenländern hat Portugal seine Sparauflagen für 2011 sogar übererfüllt. Das Haushaltsdefizit lag 2011 bei etwa 4,5 Prozent – und damit unter der mit dem IWF vereinbarten Zielmarke von 5,9 Prozent Quelle: dpa
Ausblick: Was die Sparziele betrifft, liegt Portugal im Zeitplan. Allerdings kann die schwache Wirtschaftsentwicklung das schnell wieder ändern. Ein weiteres Problem ist die Refinanzierung des Staates. Das bisherige Hilfspaket sieht vor, dass sich Portugal ab 2013 wieder selbst 10 Milliarden Euro am Kapitalmarkt beschaffen muss. Experten halten dies für unrealistisch. Sie gehen davon aus, dass ein neues Hilfspaket nötig ist.    Quelle: Reuters
SPANIENWirtschaft: 2011 erzielte Spanien noch ein Mini-Wachstum von 0,7 Prozent. Nach wie vor hat die Wirtschaft das Platzen der Immobilienblase nicht verdaut. Für dieses Jahr erwartet die EU-Kommission einen Rückgang um 1,8 Prozent, im kommenden Jahr soll die Wirtschaft um 0,3 Prozent schrumpfen. Quelle: Reuters

Die sich abzeichnenden Stützungsmaßnahmen der EZB zu Gunsten der Krisenländer durch Aufkäufe von Staatsanleihen werden wie ein Tropfen auf dem heißen Stein verdampfen. Und obendrein bleibt die Frage, ob die EZB überhaupt befugt ist in dieser Weise ins Geschehen einzugreifen.

Die geschickteste Kombination aus Sparen und Spendieren wird aus Griechenland auf absehbare Zeit keinen sich selbst ernährenden Global Player machen und das Gleiche gilt auch für die anderen Euro-Krisenstaaten, deren Situation tatsächlich wohl noch immer geschönt wird.

Die sozialen Probleme der Krisenländer, deren steigende Jugendarbeitslosigkeit sind ungeeignete Argumente falsche Euro-Rettungsphantasien zu legitimieren. Eine kontraproduktive Euro-Rettung lindert soziale Probleme nicht, sie wird sie langfristig verschärfen. Die europäische Arbeitsmarktpolitik, so man dieses Monstrum so nennen möchte, wird ebenfalls von Märchen und Ideologien beherrscht, von denen jugendliche Arbeitslose weder satt werden noch in Arbeit kommen.  Dieses Thema ist langfristig womöglich ein noch gewichtigerer gesamtwirtschaftlicherer Faktor als die aktuelle Euro-Rettung, das hier als eurorelevantes Thema erwähnt, aber naturgemäß nicht aufgemacht werden soll.

Auch ein Gesundschrumpfen des Euro ist kein Sofort-Heilmittel für die sozialen Probleme, in die die Euro-Phantasten das mit seinen nationalen Währungen wachsende Europa vor zwanzig Jahren hinein getrieben haben.

Beispiel Marshall-Plan

Wer sich mit dem gedanklichen Fortschritt der Euro-Phantasten, die ziemlich zähflüssig zu erkennen beginnen, dass der Euro in seiner Entstehung eine einzige Fehlkonstruktion war, beruhigt verkennt, dass der gedankliche Fortschritt marginal ist. In Wahrheit bemühen sich die Euro-Fetischisten um die Perpetuierung des Konstruktionsfehlers in lediglich geänderten Gewande. Wirtschaftlicher Fortschritt Richtung Weltmarkttauglichkeit lässt sich mit Tausenden von Milliarden schweren Rettungsschirmen nicht erkaufen oder auch nur bedingt initiieren. Das müssen die immanenten Kräfte einer jeden Volkswirtschaft selber leisten.

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Es gibt ein historisches Beispiel: der Marshall-Plan war die Idee mit vergleichsweise wenigen Dollars das zerstörte Nachkriegseuropa mit einer Aufschwung-Energie auszustatten. Bekanntlich wirkten ein und dieselben Dollars in den unterschiedlichen Volkswirtschaften des Nachkriegseuropa extrem unterschiedlich. Die Täter- und Kriegsverlierernation Deutschland, sprich deren verkleinerter Teil namens Bundesrepublik, machte am meisten aus der Marschallhilfe, obwohl fast alle Städte und Industrieanlagen in Deutschland zerbombt oder zerstört waren. Deutschland unter Kanzler Konrad Adenauer und Wirtschaftsminister Ludwig Erhard knüpfte an den ökonomischen Status quo ante an und nutzte die gewährte Hilfe optimal. Das war der eigene Anteil am deutschen Wirtschaftswunder nach dem Krieg.

Die erzwungenen Reformen und Sparanstrengungen, die jetzt zum Beispiel Griechenland durchzuführen hat, sind nur zu einem ganz geringen Teil geeignet die immanenten ökonomischen Kräfte zu entwickeln oder gar zu entfesseln. Die Krisenländer in Europas Süden sind in ihre Probleme nicht hinein geraten, weil sie kein Geld zur Verfügung hatten, sondern weil sie mit billiger Liquidität wie im Rausch Misswirtschaft betrieben haben.

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