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Brexit-Referendum Briten wollen raus aus der EU

Großbritanniens Premier David Cameron will die Briten über den Verbleib in der EU abstimmen lassen. Der Wohlstand des Landes hängt von der Partnerschaft mit dem Kontinent ab – doch ausgerechnet die Wirtschaft streitet über den Brexit.

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David Cameron Quelle: AP

Gareth Jenkins geht gern seinen eigenen Weg. Geografisch gesehen, aber auch politisch. Die Fahrt zum Chef von Europas größtem privatem Werkzeugmaschinenhersteller, FSG Tool & Die, führt von der walisischen Hauptstadt Cardiff aus noch eine weitere halbe Stunde in Richtung Nordwesten. Mitten in einem Industriepark trifft man schließlich einen Mann, der sich auch von der politischen Mitte seiner Landsleute entfernt hat. Denn Jenkins ist EU-Enthusiast.

Um zu verstehen, warum das so ist, muss man mit dem Waliser nur eine Runde durch das Werk drehen. Der 59-Jährige zeigt stolz auf die Exponate im fensterlosen Konferenzraum, dort stehen oder hängen Prototypen von Produkten, die veranschaulichen, für wen das Familienunternehmen seine Press-, Schmiedewerkzeuge und Spritzgussformen produziert: für Autozulieferer und Pharmafirmen, für die Hersteller von Bierdosen, Babynahrung, Thunfischdosen, Fertiggerichten, Joghurt. Die allermeisten Kunden dafür sitzen in der EU, die meisten in Deutschland.

Die schwierige Beziehung der Briten zu Europa

Brexit ist Gefahr und Chance

Vor zweieinhalb Jahren versprach Großbritanniens Premierminister David Cameron seinen Landsleuten, er werde sie spätestens Ende 2017 über die künftige EU-Mitgliedschaft abstimmen lassen. Vorher will er mit den anderen EU-Ländern verhandeln und fordert, Großbritannien müsse das Recht bekommen, sich vom Ziel einer immer engeren Union abzukoppeln, dürfe aber gleichzeitig nicht gegenüber den Mitgliedern der Euro-Zone benachteiligt werden. Auch will er die Sozialleistungen für EU-Migranten in seiner Heimat beschränken und eine Stärkung der europäischen Wettbewerbsfähigkeit.

Da das Verhältnis der Briten zu Brüssel traditionell schlecht ist, steht seitdem eine ganz konkrete Drohung im Raum: Entweder die EU passt sich den britischen Vorstellungen an, oder das Königreich verlässt die Gemeinschaft. Der Brexit, er ist eine reale Gefahr. Oder eine Chance. Je nachdem, auf welcher Seite man steht.

Gemeinsam nach Asien

Jenkins hat genau nachgerechnet. Ergebnis: „In der EU zu sein hat so viele Vorteile, und so weit ich erkennen kann, würde uns der Abschied keinerlei Vorteile bringen.“ Im Zentrum steht für ihn – wen wundert’s – der Binnenmarkt. Neue Zölle würden den FSG-Umsatz binnen sechs Monaten um 30 Prozent verringern, warnt er. Jenkins ist ein weltoffener Mann. Doch vor allem zählen für ihn ganz handfeste Argumente. So ist FSG Tool schon vor einiger Zeit eine lose Partnerschaft mit dem deutschen Mittelständler Heilbronn Container Presses und einem schwedischen Unternehmen eingegangen; gemeinsam versuchen sie den Vorstoß in außereuropäische Märkte, etwa nach Asien.

„Wir konkurrieren nicht, sondern ergänzen uns, teilen die Kosten für Dolmetscher oder Fahrer und informieren uns gegenseitig.“ Das hätte es ohne die EU nicht gegeben. Beim Rundgang, der Lärm ist manchmal ohrenbetäubend, macht Jenkins klar: Das geplante Referendum hält er für überflüssig. „Es bringt nur Ungewissheit, das ist schlecht fürs Geschäft.“

Die britische Regierung schwankt. Ja, man will das Volk abstimmen lassen. Nein, man will Europa nicht um jeden Preis verlassen. Aber so bleiben, wie es ist, dürfe Europa eben auch nicht. Das ist für Cameron wichtig, nur dann kann er auf ein Ja der skeptischen Briten hoffen. Die anderen EU-Partner halten aber eine Änderung der EU-Verträge innerhalb der nächsten zwei Jahre für aussichtslos, die Briten werden sich also bestenfalls mit ein paar weniger bindenden Zusatzprotokollen begnügen müssen.

Eine aktuelle Umfrage der Zeitung „The Independent“ zeigt eine Zunahme der Brexit-Befürworter: Demnach wollen 52 Prozent den „Brexit“ und nur 48 Prozent in der Gemeinschaft bleiben. Damit habe erstmals bei den monatlichen Umfragen des Blattes eine Mehrheit den Austritt befürwortet.

Möglicherweise handele es sich um eine Reaktion der Befragten auf die Terrorangriffe von Paris sowie auf die Flüchtlingskrise, hieß es. Allerdings sei die Unterstützung für einen Verbleib in der EU bereits in den Vormonaten immer geringer geworden. Für die Umfrage wurden laut Bericht vergangenen Mittwoch und Donnerstag 2000 Briten befragt.

Der chinesische Präsident Xi und US-Präsident Barack Obama warnten die Briten bereits vor einem Austritt.

Wirtschaft ist beim Brexit tief gespalten

Und die Wirtschaft? Die ist gespalten: Große internationale Konzerne wie Easyjet, Vodafone und WPP haben sich bereits als Befürworter einer reformierten EU geoutet, Vertreter der internationalen Großbanken in der Londoner City, die Lobbygruppe TheCityUK und der Industrieverband CBI ebenso. Auf der anderen Seite formiert sich ein lautstarkes Lager der Europagegner, denen Camerons Vorschläge nicht weit genug gehen: Vote Leave, eine radikale Pro-Brexit-Gruppe, in der sich neben Unternehmern auch Politiker aller Parteien tummeln, bezeichnet den CBI als „Sprachrohr Brüssels“.

„Die Wähler müssen erkennen, die Wirtschaft ist tief gespalten. Die Euro-Skeptiker sind heute, anders als noch vor 15 Jahren, respektable Leute, die dem Mainstream angehören“, sagt Daniel Hodson, Schatzmeister der Organisation Business for Britain. Geschäftsleute, Hedgefondsmanager, Vermögensverwalter und Private-Equity-Investoren haben sich dort zusammengeschlossen. Sie veröffentlichten diesen Sommer ein 1000-seitiges Pamphlet. Tenor: Großbritannien könne auch außerhalb der EU prosperieren.

Darum will Angela Merkel die Briten in der EU halten

Hodson war Chef der Derivatebörse Liffe, sitzt heute in diversen Aufsichtsräten und ist in der Finanzmeile gut vernetzt. Anders als die meisten Vertreter der Großbanken fürchtet der 71-Jährige nicht um die Vormachtstellung Londons als größtes Finanzzentrum Europas. „Es gibt keine andere europäische Stadt, die es im Hinblick auf Expertise, Talent, Ressourcen und Dienstleistungen mit der Londoner City aufnehmen kann“, sagt er. Ähnlich wie die US-Geldhäuser würden auch die britischen Banken nach einem Brexit Wege finden, in der EU Geschäfte zu machen.

Letztes Referendum über Europa vor 40 Jahren

Hodson ist kein rechter Scharfmacher, sondern ein Gentleman alter Schule, der auf einer griechischen Insel ein Ferienhaus besitzt und sogar ein wenig Griechisch spricht. Von den dumpfen, fremdenfeindlichen Äußerungen der United Kingdom Independence Party (Ukip) distanziert er sich ausdrücklich: „Unser Land hat Immigranten schon immer willkommen geheißen, das hat den Wohlstand unseres Landes begründet.“ Und wie so viele in der kosmopolitischen Londoner Finanzmeile wünscht er sich den Zustrom internationaler Talente. Allerdings dürfe sich dies nicht vor allem auf die EU-Ausländer beschränken und auf Kosten von Experten aus dem Rest der Welt gehen.

Europa



1975, vor 40 Jahren also, fand in Großbritannien die letzte Volksabstimmung über Europa statt. Labour-Premier Harold Wilson hatte der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) kosmetische Zugeständnisse abgerungen, er und die konservative Oppositionschefin Margaret Thatcher warben für ein Ja. 67 Prozent der Wähler folgten ihnen.

Auch Hodson hat damals mit Ja gestimmt. Unterstützt habe er damals ein Wirtschafts- und Handelsbündnis, nicht aber eine politische Union. Großbritannien ging es wirtschaftlich schlecht, Europa und die EWG schienen den Ausweg zu bieten. Doch später wandelte sich das Blatt, heute ist das Vereinigte Königreich die sechstgrößte Volkswirtschaft der Welt. Die europäischen Verträge von Maastricht und Lissabon sowie die Einführung des Euro sind für Hodson die Meilensteine einer Entwicklung hin zu einem immer stärker zentralisierten Europa. „Verstehen Sie mich nicht falsch“, sagt er, „wir in unserem Lager betrachten uns als Pro-Europäer, wir sind stolz auf unser europäisches Erbe, unsere Kultur.“ Ideal wäre es, wenn Camerons Verhandlungen das Verhältnis zur EU auf einen Status reduzieren könnten, der dem von 1975 ähnle. „Schließlich wollen wir nicht, dass die Britischen Inseln in die Mitte des Atlantik abdriften.“

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