Brexit Viele EU-Ausländer kehren der Insel schon den Rücken

Zäh verlaufen die Brexit-Verhandlungen zwischen London und Brüssel - auch mit Blick auf das Schicksal der EU-Ausländer. Etliche haben schon die Koffer gepackt und verlassen das Vereinigte Königreich.

Fünf Fakten zu den Brexit-Verhandlungen
Nach dem Votum einer knappen Mehrheit britischer Wähler für den EU-Austritt am 23. Juni 2016 schickte Premierministerin Theresa May am 29. März offiziell die Scheidungspapiere nach Brüssel Quelle: dpa
Als Emissär der nur noch geduldeten Minderheitsregierung May verhandelt Brexit-Minister David Davis mit dem EU-Chefunterhändler Michel Barnier. Quelle: dpa
Die EU hat drei Fragen zu Topthemen erklärt, die bei den Brexit-Verhandlungen bis Herbst weitgehend abgeräumt werden sollen. Quelle: AP
Alle EU-Bürger im Vereinigten Königreich sollen die Chance bekommen, sich um einen „gesicherten Status“ zu bewerben und zu bleiben. Doch der EU geht das nicht weit genug. Quelle: Reuters
EU-Chefunterhändler Michel Barnier: „Es ist unerlässlich, dass das Vereinigte Königreich die Existenz finanzieller Verpflichtungen anerkennt.“ Quelle: REUTERS
Die EU-Seite scheint bei den Brexit-Verhandlungen gefasst auf Stolpersteine und Theaterdonner. Quelle: AP

Vielen EU-Ausländern in Großbritannien sitzt die Angst im Nacken. Ende März 2019 wird das Land die Europäische Union verlassen, vielleicht gibt es noch eine Übergangsphase. Aber was wird dann aus den vielen Deutschen, Polen oder Italienern im Vereinigten Königreich? Etwa 3,2 Millionen EU-Bürger leben im Land. Bereits jetzt packen etliche die Koffer. In Großbritannien wird schon vom „Brexodus“ gesprochen - ein Wortspiel aus „Brexit“ und „Exodus“.

„Wir brechen unsere Zelte hier ab und werden nie wieder zurückkehren“, sagte Konstantin Binder mitten im Umzug. 17 Jahre lang lebte der Deutsche in London. „Wir haben hier keine Rechte, sind wie in der Schwebe.“ Binder zieht mit seiner Frau ins Bergische Land. In London war er lange in der Immobilienbranche tätig, liebte die Stadt. Nun fühlt sich das Paar in Großbritannien nicht mehr wohl. „Über 50 Prozent der Briten haben sich gegen uns entschieden“, betonte Binder.

Damit meint er die Entscheidung einer knappen Mehrheit der britischen Wähler im Juni 2016, die Staatengemeinschaft zu verlassen. Wie das 2019 vollzogen werden soll, wird gerade zwischen der EU und Großbritannien ausgehandelt. Bis Donnerstag läuft die vierte Verhandlungsrunde. Die Zukunft der EU-Bürger in Großbritannien und Briten in der Europäischen Union gehört zu den Topthemen.

Der Brexit-Fahrplan

Bei früheren Runden hat man Fortschritte erzielt, die akribische Unterhändler in Tabellenform festgehalten und mit Farben gekennzeichnet haben. Grün steht für: geklärt. Doch hinter vielen Knackpunkten prangt noch immer Rot für: strittig. Die Menschen können kaum ermessen, was das für sie heißt und wie das endet. Was wird aus ihren Jobs, aus ihren Rentenansprüchen, aus ihrem bisherigen Leben?

So ist auch Nina Andrea Roberts mit Blick auf die Zukunft sehr mulmig zumute, obwohl sie mit einem Briten verheiratet ist und seit elf Jahren in der Nähe von Leeds lebt. Ihr rechtlicher Status sei keineswegs gesichert; es gebe viele Fallstricke. „Wir diskutieren daher in der Familie, ob wir nach Deutschland ziehen.“

Aber die Lage ist vertrackt: Ihr Mann spreche kein Deutsch, der Schulwechsel der beiden Kinder sei problematisch. Roberts hat die Facebook-Gruppe „Deutsche Rückwanderer aus Großbritannien“ gegründet. Dort können Betroffene sich austauschen und Fragen stellen. „Bei über 90 Prozent der Personen ist der Brexit der Grund für die Rückkehr.“

Vor der Brexit-Abstimmung spielte das Thema Einwanderung eine große Rolle. Wohnungsnot, Arbeitslosigkeit, zu wenig gute Schulplätze - vieles wurde den ausländischen Arbeitskräften angelastet. London will durch den Brexit die ungehinderte Zuwanderung von EU-Ausländern beschränken. Das Ziel von Premierministerin Theresa May: Die Netto-Einwanderung, also die Differenz zwischen Einwanderung und Auswanderung, soll auf unter 100.000 pro Jahr gedrückt werden.

Erste Folgen des geplanten Brexits sind nach Angaben der Statistikbehörde ONS (Office for National Statistics) bereits zu spüren. Die Netto-Einwanderung sank binnen eines Jahres bis Ende März bei allen Ausländern deutlich - und zwar um 81.000 auf 246.000. Der starke Rückgang ist laut Behörde insbesondere auf die EU-Ausländer zurückzuführen: 122.000 verließen in zwölf Monaten das Vereinigte Königreich und damit so viele wie seit etwa zehn Jahren nicht mehr. Zugleich ließen sich weniger EU-Bürger als im Vorjahr im Land nieder.

Viele Arbeitgeber in Großbritannien schlagen bereits Alarm. Sie fürchten etwa um ihre Erntehelfer, das Pflegepersonal und die Bauarbeiter. Brexit-Hardliner sehen das gelassen. Denn es wandern noch immer, so ihr Argument, mehr Ausländer ins Land ein als aus.

Die Verunsicherung unter den Nicht-Briten befeuerte das Innenministerium in London durch eine Briefaktion: Es drohte etwa 100 Menschen aus dem europäischen Ausland ohne nachvollziehbaren Grund mit einer Abschiebung binnen Wochen. May sprach von einem „unglücklichen Fehler“, das Innenministerium räumte ein Versehen ein. Betroffene spekulierten über eine gezielte Verunsicherungsstrategie.

Auch viele der etwa 1,2 Millionen Briten, die im EU-Ausland leben, blicken sorgenvoll in die Zukunft. In Deutschland wohnen rund 106.000 Menschen aus dem Vereinigten Königreich. 2016 haben sich so viele Briten wie nie zuvor für einen deutschen Pass entschieden. Dem Statistischem Bundesamt zufolge ließen sich 2865 Briten einbürgern. Das klingt nicht viel, aber: Das sind 2200 mehr als im Jahr zuvor.

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