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Corona-Kriminalität „Der Impfstoff ist das flüssige Gold 2021“

Jürgen Stock leitet seit 2014 die internationale Kriminalpolizei-Organisation Interpol. Quelle: imago images

Interpol beobachtet im Windschatten von Corona eine Parallel-Pandemie des Verbrechens. Generalsekretär Jürgen Stock erwartet mit dem Start der Impfkampagne einen dramatischen Anstieg von Straftaten.

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Jürgen Stock (61) leitet seit 2014 die internationale Kriminalpolizei-Organisation Interpol. Zuvor war der Jurist Vizepräsident des Bundeskriminalamts. Schon vor seinem Studium hatte er in Hessen als Kriminalbeamter Erfahrung im Kampf gegen Verbrechen gesammelt.

WirtschaftsWoche: Herr Stock, Sie warnen seit Längerem vor zunehmenden Cyberattacken, Sie warnen auch vor wachsender Kriminalität im Windschatten der Coronapandemie. War es da nur eine Frage der Zeit, bis die Europäische Arzneimittelbehörde (EMA) von Hackern angegriffen wurde?
Jede Institution muss damit rechnen, früher oder später von Hackern angegriffen zu werden. Institutionen, die an der Bewältigung der Coronakrise beteiligt sind, haben die Kriminellen nun verstärkt in den Fokus genommen, Behörden etwa, Labore, Forschungseinrichtungen, Universitäten, Krankenhäuser und auch Schulen.

Was genau ist bei der EMA passiert?
Laufende Verfahren kann ich leider nicht kommentieren.

Was können Sie über Verbrechen rund um die Pandemie sagen?
Ein solches Phänomen habe ich in meiner langen Polizeilaufbahn noch nicht gesehen: Ein Virus breitet sich von Asien über alle Kontinente aus und ihm folgt eine Kriminalitätswelle, sozusagen eine Parallel-Pandemie des Verbrechens. Tätergruppen haben ab der ersten Minute überlegt, wie sie mit Covid-19 Kasse machen können. Statt wie vorher zum Beispiel Medikamente zu fälschen, sind sie blitzschnell auf gefälschte Desinfektionsmittel, angebliche Anti-Viren-Medizin und minderwertige Schutzmasken übergegangen. Als wir im März eine Operation von 90 Staaten gegen Produktpiraterie koordinierten, haben wir zu diesem Zeitpunkt schon Covid-spezifisches gefälschtes medizinisches Schutzmaterial im Wert von 15 Millionen US-Dollar sichergestellt. Wir sehen aber auch in vielen anderen Bereichen, dass Kriminelle die Pandemie als Tatgelegenheit nutzen.

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    Wie genau?
    Früher war der Enkeltrick der typische Telefon-Betrug. Das Enkelkind hatte einen Unfall, wird erzählt, und braucht dringend Geld. Ältere Menschen werden jetzt angerufen mit der Geschichte, ein Verwandter liege mit Corona im Krankenhaus und gleich komme jemand vorbei, der Geld für die notwendige Behandlung abhole. Anderes Beispiel Homeoffice: Schlecht abgesicherte private Computer etwa eröffnen Cyberkriminellen die Gelegenheit, in Firmennetzwerke einzudringen. Und wenn Staaten in der Coronakrise unbürokratisch finanzielle Hilfe über Internetportale anbieten, zieht auch das Kriminelle an.

    Um was genau zu machen?
    Sie beantragen beispielsweise mit gestohlenen Identitäten öffentliche Unterstützung oder locken Antragsteller auf gefälschte Internetseiten und verlangen zu Unrecht Antragsgebühren.

    Wittern Kriminelle bei den Impfkampagnen schon ihre Chancen?
    Der Impfstoff ist das flüssige Gold 2021. Er ist das Wertvollste, was im kommenden Jahr zu verteilen ist. Die Mafia und andere kriminelle Organisationen sind schon darauf vorbereitet. Mit dem Ausrollen der Impfstoffe wird die Kriminalität dramatisch zunehmen. Wir werden Diebstähle und Lagereinbrüche sehen und Überfälle auf Impfstoff-Transporte; Korruption wird vielerorts grassieren, um schneller an den wertvollen Stoff zu kommen. Schon bevor Impfstoff zugelassen war, haben Kriminelle übrigens gefälschten Impfstoff vertrieben.

    Wer kauft so etwas?
    Krankenhäuser mit festen Lieferanten nicht. Dort, wo Lieferketten seit Jahren etabliert sind, tun sich Kriminelle schwer, reinzugrätschen. Im Internet lässt sich der Ursprung dagegen leichter vertuschen.

    Im Internet lässt sich gefälschte Ware ohne großen Aufwand weltweit vertreiben. Eigentlich kein Wunder, dass Kriminelle ihre Geschäfte dorthin verlagern, oder?
    Geographie und Grenzen spielen in der Tat keine Rolle mehr. Bei der klassischen Kriminalität müssen die Täter reisen. Nun lässt sich das quasi von jedem Ort der Welt erledigen. Und die Beweisführung ist sehr schwierig.

    Wieso?
    Als ich ein junger Ermittler war, haben wir den Tatort abgesperrt, um dann dort unsere Ermittlungsarbeit machen. Wir haben Fingerabdrücke und DNA gesichert, und in der Nachbarschaft Zeugen befragt. All das gibt es im virtuellen Bereich nicht. Digitale Daten sind flüchtig. Kriminelle können die Serverarchitektur, die sie benutzen, von einem Land ins andere verlegen. Im Darknet kann man zudem die Tools für Cyberkriminalität einkaufen, man muss kein Experte mehr sein.

    Was ist dort erhältlich?
    Erpressungssoftware beispielsweise. Wenn die nicht richtig läuft, dann können Sie sogar den passenden kriminellen Störungsdienst bestellen. Cybercrime als Service ist das Stichwort. Wir haben es quasi mit einem Wettrüsten zu tun zwischen IT-Sicherheit und Kriminellen auf der ganzen Welt. Cyber-Kriminalität ist ein absoluter Wachstumsmarkt.

    Können Sie eine Größenordnung nennen?
    Das ist schwierig, weil die Dunkelziffer so hoch ist. Nicht jeder privat Geschädigte informiert die Polizei und vor allem nicht jedes Unternehmen, das angegriffen wird.

    Warum?
    Zum Teil sorgen sich Unternehmen um ihre Reputation. In manchen Fällen ist der Aktienkurs von Unternehmen abgesackt, wenn Cyberattacken bekannt wurden. Andererseits muss Polizei noch besser erklären, was im Falle einer Anzeige passiert. Es werden zum Beispiel nicht die Server lahmgelegt, um Beweise zu sichern. Auch die Vertraulichkeitsinteressen von Unternehmen werden berücksichtigt. Ich rate im Falle einer Cyberattacke dringend zur Anzeige. Nur so können Täter dingfest und das kriminelle Geschäftsmodell zerstört werden. Und es werden wertvolle Informationen über Angriffsmuster gesammelt, die wiederum anderen zur Sicherung ihrer IT-Systeme zur Verfügung gestellt werden können.

    Unternehmen sollten also gar nicht mehr darüber nachdenken, ob sie Cyberattacken melden?
    In jeder Bank gibt es einen roten Alarmknopf im Falle eines klassischen Überfalls. Einen solchen Knopf mit Verbindung zur Polizei sollte es im übertragenen Sinne in jedem Unternehmen für Cyberangriffe geben.

    Was machen Sie konkret, um Unternehmen vor Cyberangriffe zu schützen?
    In internationalen Kooperationen haben wir etwa eine ganze Serie von Darknetforen geschlossen. Das sind äußerst aufwendige Ermittlungen, die nur die Champions League der Polizei durchführen kann.

    Wer gehört dazu?
    Ich möchte da niemanden speziell nennen. Aber der Qualifizierungs- und IT-Bedarf der Polizei ist überall auf der Welt hoch. Wichtig ist für uns die Zusammenarbeit mit dem privaten Sektor. Wir betreiben mit global tätigen IT-Sicherheitsdienstleistern und Telekomunternehmen in unserem Interpol Center for Innovation in Singapur eine globale Frühwarn-Plattform. Wenn wir in Asien eine neue Schadsoftware feststellen, geben wir eine Warnung heraus, da es meistens nur eine Frage der Zeit ist, wann diese Software auch in anderen Teile der Welt auftaucht. Auch mit dem Weltwirtschaftsforum in Genf arbeiten wir an einer Plattform zur Verzahnung zwischen Polizei und privatem Sektor auf globaler Ebene.

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    Das klingt nach viel Arbeit.
    Täter dingfest zu machen, ist ein sehr arbeitsintensiver Prozess. Interpol benötigt daher eine nachhaltigere finanzielle Unterstützung von seinen 194 Mitgliedsstaaten.

    Bekommen Sie die?
    Das ist ein fortdauernder Prozess. 2019 haben wir von Deutschland eine bedeutende Zuwendung bekommen, um bei der Analyse von Dateien vorankommen. Das bringt auch Einsparungen für Mitgliedsstaaten, weil das dann nicht jeder einzeln machen muss. Kein Staat kann diese Phänomene alleine bearbeiten. Das ist wie bei der Pandemie, dem Klimawandel und Migration. Dafür gibt es nur globale Lösungen.

    US-Präsident Donald Trump hat mehreren multilateralen Einrichtungen den Geldhahn abgedreht. Wie ist er mit Ihnen umgegangen?
    Die USA sind das Land, das uns den höchsten Mitgliedsbeitrag zahlt. Die USA unterstützen uns vorbildlich.

    Mehr zum Thema: Curevac-Gründer Ingmar Hoerr über die Folgen seiner Hirnblutung, seine RNA-Entdeckung und den Konkurrenten Biontech.

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