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Corona-Lage „Die aktuellen Zahlen unterschätzen die wahre Lage deutlich“

„2022 wird noch im Zeichen der Pandemie stehen“, meint Rasmus Bech Hansen. Quelle: imago images

Wie kaum ein anderer beobachtet Rasmus Bech Hansen, CEO und Gründer des Datendienstleisters Airfinity, die Pandemie. Er und sein Team beraten Regierungen und Pharmakonzerne – und rechnen erst 2023 mit einer Rückkehr zur Normalität.

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Airfinity ist einer der führenden Anbieter für Zahlen und Prognosen für den Gesundheitsmarkt. Mit Sitz in London berät der Datendienstleister sowohl Regierungen als auch Unternehmen. Ihr Gründer und CEO ist Rasmus Bech Hansen. Nach dem Politologiestudium in Kopenhagen hat der Däne Bech Hansen in Harvard einen Master of Public Affairs erworben. In der Corona-Pandemie wurde er zum gefragten Berater.

WirtschaftsWoche: Herr Bech Hansen, Deutschland geht nach den Feiertagen in einen Lockdown light. Wie beurteilen Sie die Situation?
Rasmus Bech Hansen: Die Fallzahlen tendierten zuletzt nach unten, aber ich erwarte einen deutlichen Anstieg. Die Infektionen mit Omikron nehmen in Deutschland zu und werden dominieren, wie sie es in Großbritannien schon jetzt tun. Wir haben aber kein genaues Bild, wie sich Omikron in Deutschland ausbreitet. Die aktuellen Zahlen unterschätzen die wahre Lage deutlich, weil nur ein Prozent der Proben sequenziert werden, also auf Mutationen hin untersucht werden.

Wie stark sequenzieren andere Länder?
In Dänemark liegt der Anteil bei 50 Prozent, in Großbritannien bei 20 bis 30 Prozent, in den USA bei zwei bis drei Prozent. Mich überrascht, dass in Deutschland so wenig untersucht wird. Das birgt das Risiko, dass die Politik zu spät dran ist mit ihren Maßnahmen. Wenn sich eine Variante innerhalb eines Landes ausbreitet, bringen Einreisestopps etwa wenig.

Wie schnell lässt sich die Sequenzierung ausbauen?
Man braucht Testlabore und die Logistik, um die Proben von den Testzentren dorthin zu befördern. Das geht nicht über Nacht. Aber Deutschland könnte das relativ schnell deutlich ausbauen, wenn es wollte. Mich wundert der geringe Grad an Sequenzierung in Deutschland vor allem, weil es dort ja Impfstoffhersteller gibt. Die würden davon profitieren, weil sie den Impfstoff schneller an neue Varianten anpassen würden.

Wird den Impfstoffherstellern die Anpassung gelingen? Ihr Unternehmen hat kürzlich einen Mangel an Impfstoff für 2022 prognostiziert.
Wir werden im ersten Quartal 2022 einen Mangel an Impfstoff von Biontech/Pfizer sehen, weil die Nachfrage danach groß ist. Die Frage ist, wie sich Länder entscheiden. Wollen Sie Impfstoffe der nächsten Generation, die möglicherweise wieder eine Effektivität von 90 Prozent bei Omikron haben? Oder werden die Regierungen alte und neue Impfstoffe bestellen? Das ist schwer vorhersehbar. Wir sehen auf jeden Fall interessante Entwicklungen bei Biotech-Unternehmen.

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    Was denn genau?
    Über ein Dutzend Unternehmen arbeiten an einem Impfstoff gegen die Omikron-Variante, nicht nur Moderna und Pfizer, sondern auch GSK und viele Biotechunternehmen. Impfungen in Form von Nasenspray und Pillen sind in Arbeit. Wir werden 2022 viele wissenschaftliche Durchbrüche sehen. Omikron wird für manches Unternehmen die Chance sein, um im Rennen um Impfstoffe wieder mitzumischen.

    Wird es auch Neuigkeiten bei den Medikamenten geben?
    Der interessanteste Fortschritt kam ja kürzlich bei den anti-viralen Medikamenten von Merck und Pfizer. Solche Pillen gab es bisher nicht. Wir prognostizieren, dass der Markt dafür 2022 riesig sein wird, etwa 30 Milliarden Dollar. In viele Ländern dürften die Medikamente zum Grundpfeiler der Pandemie-Strategie werden. Sie lassen sich sehr gezielt einsetzen. Aber: Es wird nicht genug Pillen für die ganze Welt geben. Wir werden vor demselben Problem wie schon beim Impfstoff. Die beste Antwort auf die Pandemie wird eine Kombination sein aus Impfung, Medikamenten und sozialer Distanzierung.

    Die Omikron-Variante scheint deutlich ansteckender als die bisherigen Varianten des Corona-Virus zu sein, dafür aber weniger tödlich zu verlaufen. Ist das ein Grund aufzuatmen?
    Nein. Nach allem was wir wissen, ist das Risiko für eine einzelne Person bei Omikron offenbar geringer als bei Delta oder der ursprünglichen Variante. Das stellt die Politik vor ein Dilemma: Die Bereitschaft, sich einzuschränken, sinkt, und gleichzeitig wird ein ansteckenderes Virus zu mehr Todesfällen führen.

    Wie das?
    Es ist ein statistischer Effekt. Wenn die Ansteckungsrate exponentiell wächst, dann führt ein halb so tödliches, aber doppelt so ansteckendes Virus automatisch zu mehr Todesfällen.

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    Wie lange müssen wir noch mit der Pandemie leben?
    2022 wird noch im Zeichen der Pandemie stehen. Wie in diesem Jahr auch werden wir Wellen sehen, Covid ist keine konstante Bedrohung. 2023 würde ich eine Normalisierung erwarten – auch weil sich bis dahin viele Menschen infiziert haben.

    Mehr zum Thema: Das sind die erfolgreichsten Strategien zum Beenden der Pandemie

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