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Dani Rodrik „Populisten legen den Finger in die Wunde“

Dani Rodrik, 60, ist Professor für Internationale Wirtschaftspolitik an der Harvard-Universität. Quelle: Illustration: Drushba Pankow

Der Harvard-Ökonom und Globalisierungskritiker Dani Rodrik über fehlende Souveränität der Nationalstaaten – und wie sich der Populismus stoppen lässt.

Herr Rodrik, der Populismus ist auf dem Vormarsch. Haben Sie als Ökonom eine Erklärung dafür?
Oberflächlich betrachtet ist der Populismus ein Symptom für das Misstrauen der Menschen in die politische Elite und das sie tragende System. Wer jedoch genauer hinschaut, erkennt, dass der Vertrauensverlust eine tiefere Ursache hat: die Wirtschaftspolitik, so wie sie in den vergangenen drei Jahrzehnten betrieben wurde.

Das müssen Sie erklären.
Die Wirtschaftspolitik war durch die Idee des Neoliberalismus und der radikalen Entfesselung von Marktkräften geprägt. Dieses System hat sich für die politischen Eliten, für gut ausgebildete Arbeitskräfte und für global aufgestellte Unternehmen ausgezahlt. Anders sieht es für diejenigen aus, die als Unternehmer oder Arbeitnehmer auf ihren Heimatmarkt konzentriert sind. Im Wertesystem dieser Menschen spielen nationale Identitäten und lokale Verankerungen eine wichtige Rolle. Sie empfinden die Globalisierung als Bedrohung. Die Entgrenzung der Wirtschaftswelt hat die Kluft zwischen den Eliten und dem Rest der Gesellschaft vergrößert und ein gesellschaftliches Vakuum erzeugt, das Populisten für ihre Zwecke nutzen.

Eine radikale Entfesselung der Marktkräfte – meinen Sie das wirklich? Das hat es doch in Wahrheit nicht gegeben.
Der Kapitalismus ist ein wandlungsfähiges Gesellschaftssystem, das sich immer wieder erneuert. Im 19. Jahrhundert prägten der Goldstandard, flexible Arbeitsmärkte und der Nachtwächterstaat den Kapitalismus. Das 20. Jahrhundert hingegen war bis in die Sechzigerjahre hinein geprägt durch den Ausbau des Sozialstaats. Seit den Neunzigerjahren ist der Kapitalismus ein System, das vor allem jenen nutzt, die nahe an den Quellen der Macht sitzen, in Politik, Konzernen und Zentralbanken.

Zur Person

Die Systemkritik der Populisten entzündet sich häufig am Freihandel, obwohl dieser weltweit den Wohlstand erhöht hat. Ist das nicht widersinnig?
Nein, das hängt mit dem jeweiligen Wirtschaftssystem zusammen. In Ländern mit einem ausgeprägten Sozialstaat wie Schweden und Dänemark finden Globalisierung und Freihandel mehr Befürworter als in den USA, wo der Sozialstaat eher rudimentär ausgebildet ist. In Skandinavien sorgen sich die Menschen eher um den Verbraucherschutz, als dass sie Angst hätten, Billigprodukte aus China könnten ihre Jobs gefährden. In den USA hingegen schürt die schlechte soziale Absicherung der Menschen die Angst vor Freihandel.

Wollen Sie sagen, wir brauchen mehr Sozialstaat, um den Freihandel zu retten?
Das ist mir zu pauschal. Den USA würde mehr Verteilungsgerechtigkeit durch ein progressiveres Steuersystem und eine aktivere Arbeitsmarktpolitik durchaus guttun. In Skandinavien hingegen ist das Ende der Fahnenstange beim Ausbau des Sozialstaats erreicht. Mit mehr Umverteilung werden wir die Akzeptanz der Menschen für die Globalisierung nicht erhöhen. Was wir brauchen, sind andere und bessere Regeln für die Globalisierung.

Was meinen Sie damit?
Bei Handelsvereinbarungen sollte man sich stärker auf Anti-Dumping-Maßnahmen und die Stärkung des Verbraucherschutzes konzentrieren, statt den Patent- und Investorenschutz für Unternehmen auszubauen. Das würde die Akzeptanz von Handelsabkommen erhöhen.

Mit Anti-Dumping-Maßnahmen schotten sich die Länder aber ab.
Mir geht es nicht darum, Märkte zu verschließen, sondern die Regeln so zu gestalten, dass sie die Interessen der Arbeitnehmer berücksichtigen. Bisher dienen die Maßnahmen fast ausschließlich den Interessen der Unternehmen. Auch die Schwellenländer würden von neuen Regeln profitieren. Die Menschen dort wollen die Regeln, nach denen sie arbeiten und produzieren, selbst bestimmen. Warum sollen sie das Patent- und Urheberrecht anwenden, das ihnen die USA via Handelsvereinbarung diktieren? Statt nur auf Marktöffnung zu drängen, sollte in Handelsabkommen mehr Rücksicht auf die Souveränität der Länder genommen werden. Sie müssen Herr über ihr eigenes Schicksal bleiben.

Was Sie da empfehlen, ist im Kern ein Antiglobalisierungsprogramm.
Mehr nationale Autonomie bei der Gestaltung der Handelspolitik schadet der Globalisierung nicht. Das Standardargument für Freihandel ist, dass alle Länder davon profitieren. Aber Freihandelsverträge sind häufig so konstruiert, dass sie den Handlungsspielraum der Regierungen einschränken, ihre gesellschaftlichen Ziele zu verfolgen.

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