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Das Geschäft mit den Entführungen Finanziert der deutsche Steuerzahler Al-Qaida?

Islamistische Terroristen entführen europäische Touristen und Geschäftsleute - und erpressen von deren Heimatstaaten Lösegeld in Millionenhöhe. Das berichtet heute die "New York Times". Aber stimmt das?

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Bedrohung durch Terrorismus
10: Philippinen125 terroristische Vorfälle mit 120 Toten und 213 Verletzten sind die Bilanz für die philippinischen Inseln. Das Auswärtige Amt warnt, dass in Teilen der Philippinen mit Anschlägen gerechnet werden müsse. Ziele seien insbesondere öffentliche Plätze, religiöse Einrichtungen und öffentliche Verkehrsmittel. Deshalb wird teilweise vor Reisen gewarnt, vor allem auf die Insel Mindanao. Quelle: dpa/dpaweb
9: RusslandDie Anschläge von Wolgograd mit mehr als 30 Toten sind einer der Gründe, warum das Land sich unter den Top Ten einfindet. Der G lobal Terrorism Index von 2012 zählte in Russland 2011 182 terroristische Vorkommnisse mit 454 Todesfällen und 431 Verletzungen. Quelle: dpa
8: ThailandDer südostasiatische Staat kommt zur Zeit nicht aus den Schlagzeilen raus. Grund dafür sind Proteste, die vor allem in der Hauptstadt Bangkok stattfinden und unter dem Motto "Shutdown Bangkok" zur Sperrungen von Teile der Hauptstadt geführt haben. Der Auslöser: ein umstrittenes Amnestiegesetz. Mittlerweile wurde der Ausnahmezustand verhängt. 2011 - auf Basis dieser Daten arbeiten die Statistiker - kam es zu 173 Vorfällen mit terroristischem Hintergrund. Dabei starben 142 Menschen, 427 wurden verletzt. Quelle: AP
6: Nigeria437 Tote und 614 Verletzte stehen in der Bilanz des Global Terrorism Index für 2012. Und das westafrikanische Land kommt nicht zur Ruhe: Erst an Weihnachten wurden auf einem nigerianischen Militärstützpunkt mehr als 50 Aufständische getötet - durch die Armee. Experten sagen, dass der Kampf gegen den Terrorismus 2013 alles andere als erfolgreich war. Im Gegenteil es war sogar das blutigste Jahr in der Geschichte Nigerias bislang. Quelle: AP
6: SomaliaDiesen Platz teilen sich gleich zwei Staaten. 175 terroristische Vorfälle wurden 2011 in Somalia registriert mit 294 Toten und 493 Verletzten. Quelle: REUTERS
5: JemenZu einer unübersichtlichen Lage durch innere Konflikte und Stammesauseinandersetzungen kommt die Gefahr des Terrorismus. 2013 sind drei Deutsche im Jemen ums Leben gekommen - einer wurde Opfer einer Entführung, zwei Deutsche starben bei einem Terroranschlag. Das Auswärtige Amt warnt deshalb vor Reisen in das Land. Insgesamt starben durch terroristische Vorfälle 2011 454 Menschen, 415 wurden verletzt. Quelle: dpa
4: Indien529 terroristische Vorfälle hat der "Terrorism Index" gezählt. Bei einem der größten Anschlägen in der zentralindischen Stadt Hyderabad sind mindestens 18 Menschen gestorben, mehr als 50 wurden verletzt. Damals explodierten mindestens zwei Bomben, die auf Fahrrädern deponiert waren. Es starben in Folge von terroristischen Anschlägen 402 Menschen, 667 wurden verletzt. Quelle: dpa

2003 hatte alles angefangen: Eine zuvor unbekannte Terroristenbande hatte irgendwo in der Sahara 32 Europäer in ihre Gewalt gebracht, darunter mehrere Deutsche. Ein Abgesandter der Bundesregierung flog nach Mali, und fünf Millionen Euro Bargeld flossen auf dem Umweg über den damaligen malischen Präsidenten an die Entführer. Die Geiseln kamen frei, die Terroristen hatten einen einträglichen Geschäftszweig entdeckt: Entführung von Europäern in der Wüste – einzig und allein, um Geld aus Europa zu kassieren.

Der Geschäftszweig wächst enorm, wie die "New York Times" auf Grundlage von Dokumenten der Terroristen und von Informationen aus nordafrikanischen Regierungskreisen nachweisen will. Wie die Journalistin Rukmini Callimachi, lange Zeit Korrespondentin der Nachrichtenagentur AP in Westafrika und seit einigen Wochen im Dienst der Zeitung schreibt, haben "Al-Qaida und seine unmittelbaren Verbündeten seit 2008 mindestens 125 Millionen Dollar Lösegeld für Entführte eingenommen, 66 Millionen davon alleine im vergangenen Jahr".

Bringt sich immer wieder in Erinnerung: El-Kaida-Führer Osama bin Laden (Archivbild von 1998). Foto: Quelle: dpa

Was soll man davon halten? Von den vielen Entführungen in Mali hat die Welt gewusst. Dass Lösegeld gezahlt wurde, in aller Heimlichkeit zumeist von den Regierungen der Entführten, galt schon immer als gewiss. Die Summen, die sich Frau Callimachi zufolge aus erbeuteten Aufzeichnungen der Terroristen ergeben, sind die erste Neuigkeit. Sie schreibt auch, dass nach Unterlagen des amerikanischen Finanzministeriums – dort gibt es schon lange eine Abteilung, die der Finanzierung des islamistischen Al-Qaida-Terrorismus nachspürt, die gesamten Lösegelder sogar 165 Millionen Dollar betragen sollen.

Entführer als Filiale der Al-Qaida?

Die Zahlen sind schlimm, aber glaubhaft. Doch wieso Al-Qaida? "Europäer gegen Lösegeld zu erpressen ist für Al-Qaida zum globalen Geschäft geworden", schreibt die "New York Times", ein Geschäft "zur Finanzierung der Operationen in aller Welt".

Wenn das stimmt, haben sich die meisten Terrorismusforscher und Experten jahrelang nicht gewusst, was in Mali, Niger und Algerien vor sich geht. Die herrschende Meinung sieht bislang die Terroristen und Kidnapper in Nord- und Westafrika nicht als folgsame Filiale der in Pakistan operierenden Al-Qaida-Führung. Auch Bezeichnungen wie „Al-Qaida im Maghreb“ (AQIM) täuschen nicht darüber hinweg, dass diese Aufständischen keineswegs aus Tausenden Kilometern Entfernung ferngelenkt werden, sondern ganz eigenständig operieren.

Eher kriminelle als politische Motive

So hieß es zumindest immer, über AQIM und erst recht über einzelne Banden, die nach gängiger Meinung eher kriminelle als politische Motive für ihre Schandtaten haben. Und was für Nordwestafrika gilt, lässt sich genauso oder noch eindeutiger über die islamistischen Terroristen und Dschihadisten im Jemen, in Syrien und Irak sagen. Alles unabhängige Gruppen mit ähnlichen, gefährlichen Zielen - aber kein Teil einer von Osama bin Ladens Erben gesteuerten Weltbewegung. Was natürlich heißen würde, dass solche Gruppen in der malischen Sahara den Teufel tun würden, ihre gefahrvoll erbeuteten Dollar- oder Euromillionen auf die arabische Halbinsel oder nach Afghanistan zu transferieren.

Fakten zum Terror im Irak

Aber genau das haben sie getan, wenn wir Frau Callimachi folgen. Die stützt sich offenbar auf Geheimdienstinformationen über entsprechende Geldbewegungen und sogar über konkrete Geldstreitereien zwischen Terroristen in Nordafrika, im Jemen und in Pakistan. Richtig nachvollziehbar sind diese Informationen allerdings nicht. Der Gedanke, dass Geheimdienste Journalisten auch zweifelhafte Informationen zustecken, scheint der Afrika-Expertin Callimachi nicht zu kommen.

Dabei ist es klar, wer in ihrer Geschichte die Bösewichte sind: Die westeuropäischen Regierungen in Berlin und Bern, Paris und Madrid, die angeblich den internationalen Terrorismus finanzieren. Dementis aus den westeuropäischen Außenministerien können diesen Verdacht natürlich nicht ausräumen: Was sollen das Auswärtige Amt oder das französische Außenministerium auch sonst sagen?

"Die Politik ist doppelzüngig"

Wenn Geld zum Freikauf von Geiseln geflossen ist – und davon kann man sicher ausgehen – wäre es nicht ehrlich, sondern dumm, das zuzugeben: Es wäre die Einladung an ganz gewöhnliche Kriminelle in Westafrika und darüber hinaus, deutsche oder französische Geiseln zu kidnappen. Im Jemen hat es nach diesem Muster schon etliche schlimme Vorfälle mit Europäern gegeben.

Ganz im Gegensatz zu Deutschen und Franzosen – und das ist fast die Quintessenz des Artikels in der "New York Times" – lassen sich die Regierungen der USA und Großbritanniens von Kidnappern nicht erpressen. Und weil das so ist, können Amerikaner und Engländer im Gegensatz zu Deutschen, Franzosen oder Spaniern sicher durch die Wüste reisen.

Was die Kontinentaleuropäer da machen, erscheint also als dumm – auch wenn es seit 2003 wohl keine entsprechende deutsche Lösegeldzahlung gegeben hat. Es ist aber vor allem böse, weil da nicht etwa einfach Kriminelle Geld aus Europa bekommen, sondern die global aktiven Mörder von Al-Qaida. Entsprechend zitiert der Artikel eine frühere Botschafterin der USA in Mali: "Die Europäer müssen viele Fragen beantworten, ihre Politik ist ganz doppelzüngig: Sie zahlen Lösegeld und bestreiten das!"   

Europa



In Paris, Berlin oder Bern mögen Diplomaten jetzt denken, dass es besser ist doppelzüngig zu sein als seine Landsleute sterben zu lassen. Vielleicht auch, dass der eine oder andere Geheimdienstler es derzeit schön findet, die harten Politiker in Washington und London zu loben und die Weicheier im alten Europa zu ärgern. Und irgendwo am Hindukusch flucht ein Terroristenführer über seine heuchlerischen Gesinnungsgenossen in Afrika, von deren Millioneneinnahmen er noch nie etwas gesehen hat.

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