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Das Legitimitätsdefizit der EU Ist "mehr Europa" die Lösung?

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Die Vision eines "christlichen Abendlandes"

Die Eliten jedoch, die das europäische Projekt getragen haben und tragen, haben gar nicht die Absicht, so etwas zu schaffen, wie eine „europäische Nation“, die sich trotz aller internen kulturellen Unterschiede klar und exklusiv von anderen Kulturen und staatlich gestalteten geographischen Räumen abgrenzen würde. Sie sehen in der EU eher das Modell für einen künftigen kosmopolitischen Weltstaat; die Werte, zu denen sie sich bekennen - Menschenrechte, Rechtsstaat und Demokratie - sind daher auch universale und keine spezifisch europäischen Werte; auch wenn sie ihren historischen Ursprung primär in Europa und Nordamerika haben. 

Hier liegt ein wesentlicher Unterschied zu den Vereinigten Staaten. Der Gründungsmythos der USA ist der siegreiche Unabhängigkeitskrieg gegen die britische Krone. Hier entstand das Selbstverständnis der USA als einer Republik die anders sein sollte, als alle anderen Staatswesen, ein Ausnahmefall und zugleich ein Modell für den Rest der Welt. Dieses Bewusstsein der Exzeptionalität prägt die politischen Diskurse in den USA bis heute und hat sich durch den Aufstieg der Vereinigten Staaten zur Weltmacht noch deutlich verstärkt.

Neun Klischees über die EU – und die Wahrheit dahinter

In Europa fand sich ein ähnlicher Glaube an eine besondere Mission bei den Gründervätern des europäischen Einigungsprozesses. Sie bekannten sich explizit zu einer Sonderstellung Europas in der Welt.

Ihr Europa war nicht nur anti-kommunistisch, sondern auch christlich, im Grunde genommen sogar primär katholisch. Eine eher konservative Vision eines „christlichen Abendlandes“ war unter Adenauer, de Gasperi und de Gaulle die eigentliche Leitidee dieses Kontinents.

Wer heutzutage für Derartiges einträte, würde sich nicht nur komplett lächerlich machen, sondern auch als Eurozentrist und Feind fremder Kulturen sofort dem allgemeinen Bannfluch verfallen - auf eine gewisse Weise zu Recht. 

Europa besitzt heute anders als die Vereinigten Staaten, die für Schui das Vorbild für eine stärkere Zentralisierung der EU sind, kein positives, mythisch verklärtes historisches Narrativ, das den Einigungsprozess legitimieren könnte.

Es gibt nur ein Negatives, das als dunkle Folie für die lichte Gegenwart dient: Eine ununterbrochene Serie von Kriegen zwischen den europäischen Nationen, die durch die Begründung der EWG respektive der EU plötzlich beendet worden sei. Dass dieses Narrativ die Geschichte verzerrt darstellt, ist nicht das Problem, das gilt für staatliche Gründungsmythen gerade bei klassischen Nationalstaaten fast immer.

Gravierender ist der Umstand, dass es keine positiven Identifikationsmöglichkeiten eröffnet, wie das auf nationaler Ebene, mit der vielleicht einzigen Ausnahme Deutschlands fast immer möglich ist, selbst dann, wenn die entsprechenden Nationalstaaten relativ künstliche Produkte einer bewussten politischen Konstruktion sind, wie zum Beispiel in Italien.

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