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Deflationssorgen EZB belässt den Leitzins bei 0,15 Prozent

Die Inflation im Euroraum ist gefährlich niedrig. Der Druck auf Europas Währungshüter ist groß, doch zunächst hält sich die EZB mit weiteren Schritten zurück - und ändert den Leitzins nicht.

Mit welchen Maßnahmen Regierungen und Notenbanken Sparer attackieren können
Instrument: NiedrigzinsAusgestaltung: Notenbank kauft (über Banken, die günstig Geld bekommen) Staatsanleihen; Notenbank hält Leitzinsen unten negativ betroffen wären/sind: Konten, Anleihen, Lebensversicherung, Betriebsrenten, Versorgungswerke Eintrittswahrscheinlichkeit: läuft bereits; ••••• wie gefährlich für das Vermögen?: Inflation frisst Zinsen; Sparen lohnt sich kaum; ••••∘ Vorteil für Staaten: niedrige Zinslast auf eigene Schulden historische Vorbilder: USA • = unwahrscheinlich/ sehr niedrige Einbußen; ••••• = so gut wie sicher/ sehr hohe Einbußen Quelle: dpa
Instrument: Inflation zulassenAusgestaltung: Notenbanken schöpfen weiter Geld; Bürger verlieren Vertrauen; Umlaufgeschwindigkeit des Geldes steigt negativ betroffen wären/sind: Bargeld, Konten, Anleihen, Lebensversicherung Eintrittswahrscheinlichkeit: aktuell gering; langfristig wahrscheinlich; •••∘∘ wie gefährlich für das Vermögen?: Hohe Inflation kann sämtliche Geldvermögen entwerten; ••••• Vorteil für Staaten: Schulden werden nicht auf dem Papier, aber real drastisch verringert historische Vorbilder: Deutschland 1923; Frankreich 18. Jahrhundert; Zimbabwe 2009 Quelle: dpa
Instrument: NegativzinsAusgestaltung: Notenbank setzt negativen Leitzins fest; Banken legen negative Zinsen auf die Guthaben von Sparern um oder verteuern Gebühren/Kredite negativ betroffen wären/sind: Konten Eintrittswahrscheinlichkeit: ist bereits in der Diskussion; •••∘∘ wie gefährlich für das Vermögen?: Erspartes leidet nominal durch Negativzinsen und real durch Inflation ••••∘ Vorteil für Staaten: höheres Wachstum durch ausgeweitete Kreditvergabe erhofft historische Vorbilder: Schweiz 1964, 1970er; Schweden; Dänemark Quelle: dpa
Instrument: VermögensabgabeAusgestaltung: Staat schneidet sich von allen Vermögenswerten einmalig ein Stück ab negativ betroffen wären/sind: Konten, Aktien, Anleihen, Immobilien Eintrittswahrscheinlichkeit: wird diskutiert, aber starker Widerstand zu erwarten; ••∘∘∘ wie gefährlich für das Vermögen?: je reicher desto härter; ••••∘ Vorteil für Staaten: kann Schulden sofort drastisch senken historische Vorbilder: Deutschland 1918/19, 1952 Quelle: dpa
Instrument: ZwangsanleiheAusgestaltung: Staat zwingt Bürger, einen Teil ihres Vermögens in Staatsanleihen zu packen; wird (teilweise) zurückgezahlt negativ betroffen wären/sind: Konten, Aktien, Anleihen, Immobilien Eintrittswahrscheinlichkeit: wird diskutiert, aber starker Widerstand zu erwarten; ••∘∘∘ wie gefährlich für das Vermögen?: hängt von Rückzahlungen ab; •••∘∘ Vorteil für Staaten: verschafft Spielraum bis zum Rückzahlungsdatum historische Vorbilder: Deutschland 1914, 1922/23 Quelle: dpa
Instrument: Neue SteuernAusgestaltung: Vermögensteuer, zum Beispiel ein Prozent auf steuerpflichtiges Vermögen (nach Abzug von Freibeträgen) negativ betroffen wären/sind: Vermögen generell Eintrittswahrscheinlichkeit: politische Forderung; ••••∘ wie gefährlich für das Vermögen?: für Vermögende; •••∘∘ Vorteil für Staaten: weitere Einnahmen historische Vorbilder: Deutschland, wurde 1997 abgeschafft Quelle: dpa
Instrument: Neue SteuernAusgestaltung: Transaktionsteuer von 0,1 Prozent auf Aktien und Anleihen und 0,01 Prozent auf Derivate; fällig für jedes Geschäft negativ betroffen wären/sind: Aktien, Anleihen, Derivate; indirekt auch Fonds und Lebensversicherungen Eintrittswahrscheinlichkeit: politisch herrscht Konsens; ••••• wie gefährlich für das Vermögen?: drückt auch Rendite von Fonds und Versicherungen; •••∘∘ Vorteil für Staaten: weitere Einnahmen historische Vorbilder: Deutschland 1881–1991; Schweden 1985–1992 Quelle: dpa

Die Europäische Zentralbank (EZB) macht trotz Mini-Inflation das Geld im Euroraum nicht noch billiger. Der Leitzins bleibt auf dem Rekordtief von 0,15 Prozent, der Strafzins für Bankeinlagen bei der EZB bei minus 0,10 Prozent. Das entschied der EZB-Rat nach Angaben der Notenbank am Donnerstag in Frankfurt.

Die meisten Volkswirte hatten mit einer abwartenden Haltung der EZB gerechnet, auch wenn die jüngsten Inflationsdaten neue Sorgen schürten: Sinkende Energiepreise drückten die Teuerung in den 18 Euroländern im Juli auf 0,4 Prozent und damit auf den niedrigsten Stand seit Oktober 2009. Auch in Deutschland war das Niveau der Verbraucherpreise mit 0,8 Prozent im Juli weit entfernt vom EZB-Ziel stabiler Preise bei Inflationsraten knapp unter 2,0 Prozent.

Niedrige Zinsen verbilligen tendenziell Kredite und können so die Wirtschaft ankurbeln. Das stärkt in der Regel auch den Preisauftrieb. Erst Anfang Juni hatte die EZB ein beispielloses Paket im Kampf gegen Mini-Inflation und Konjunkturflaute aufgelegt: Der Leitzins wurde von 0,25 Prozent auf 0,15 Prozent verringert, zudem führte die EZB einen Strafzins für Banken ein, die Geld bei der Notenbank parken, statt Unternehmen und Verbraucher Kredite zu geben. Ab September gilt darüber hinaus ein neues Programm mit Langfristkrediten für Banken.

Die meisten Ökonomen gehen davon aus, dass sich die EZB mit weiteren Schritten zunächst zurückhalten wird. EZB-Präsident Mario Draghi selbst hatte bei der letzten Ratssitzung Anfang Juli zwar die Bereitschaft der Notenbank bekräftigt, notfalls mit zusätzlichen Sondermaßnahmen auf eine für die Konjunktur gefährliche „zu lange Periode niedriger Inflationsraten“ zu reagieren. Draghi hatte aber zugleich betont: „Wir wollen die Wirkung der Maßnahmen abwarten - und die Auswirkung wird substanziell sein.“

Mittelfristig sieht die EZB ihr Inflationsziel nicht in Gefahr. Draghi betonte: „Wir sind fest entschlossen, die feste Verankerung der Inflationserwartungen auf mittlere bis lange Sicht zu sichern.“

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Im Köcher haben die Währungshüter noch den Kauf von Kreditpaketen (Asset Backed Securities/ABS), um so Geschäftsbanken Freiräume für neue Kredite zu verschaffen. Möglich wären zudem breit angelegte Wertpapierkäufe (Quantitative Easing/QE). Ökonomen sind überzeugt, dass sich Draghi ein solches Kaufprogramm ausdrücklich offenhalten wird, diese Option aber frühestens dann ziehen wird, wenn die Kreditvergabe nicht wie gewünscht in Schwung kommen und/oder die Inflation unter die Nulllinie rutschen sollte.

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