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Denkfabrik

Katastrophalen Unsinn sollte man nicht wiederholen!

Die von der EU-Kommission geplante gemeinsame Einlagensicherung sprengt jeden Rahmen – und würde die deutschen Steuerzahler teuer zu stehen kommen. Eine Kolumne.

Die Referenten und Diskutanten des Investmentgipfels
WirtschaftsWoche Investmentgipfel 2015 Quelle: Bert Bostelmann für WirtschaftsWoche
Hauke Reimer, Mitglied der Chefredaktion der WirtschaftsWoche. Quelle: Bert Bostelmann für WirtschaftsWoche
Paul Prandl, Geschäftsführender Gesellschafter brookmedia GmbH und Co KG Quelle: Bert Bostelmann für WirtschaftsWoche
Georg Fahrenschon, Präsident des Sparkassenverbands DSGV Quelle: Bert Bostelmann für WirtschaftsWoche
Prof. Dr. Isabel Schnabel Quelle: Bert Bostelmann für WirtschaftsWoche
Henning Gebhardt, Global Head of Equity, Deutsche Asset and Wealth Management Quelle: Bert Bostelmann für WirtschaftsWoche
Florian Homm Quelle: Bert Bostelmann für WirtschaftsWoche

Nun ist es raus. Die EU-Kommission will die Spareinlagen, Festgeldeinlagen und Girokonten der Euro-Länder ohne Wenn und Aber in ein gemeinschaftliches Sicherungssystem überführen, bei dem pro Einleger und pro Bank bis 100.000 Euro abgesichert werden. Keine Rede mehr davon, dass die deutschen Sparkassen und Genossenschaftsbanken ausgenommen werden sollen, bei denen hierzulande die Hälfte der Bestände liegt. Jetzt soll jeder für jeden haften.

Das System wird der Öffentlichkeit als Versicherung „verkauft“, so als ginge es um Zufälle, die alle gleichermaßen treffen könnten. Davon kann aber nicht die Rede sein, denn bei den Banken der GIPSIZ-Länder, also Griechenlands, Irlands, Portugals, Spaniens, Italiens und Zyperns, liegen nach Schätzung des Internationalen Währungsfonds 707 Milliarden Euro an „notleidenden“ Krediten. Das sind 64 Prozent aller notleidenden Kredite des Euro-Systems, obwohl diese Länder nur 32 Prozent der Wirtschaftsleistung des Euro-Systems auf sich vereinen. Das Ausfallrisiko ist so gesehen dort knapp vier Mal so hoch wie in den noch gesunden Ländern der Euro-Zone.

10 Fragen zur neuen europäischen Einlagensicherung

Von einer fairen Versicherung auf Gegenseitigkeit kann nicht die Rede sein. Da große Teile der Banken Südeuropas ohne die Nullzinspolitik der EZB in Konkurs gehen müssten, geht es im Übrigen nicht um eine Versicherung, sondern um Deckungszusagen für bereits aufgetretene Verluste, die nur noch nicht verbucht sind. Die deutsche Politik spielt auf Zeit. Sie lehnt die Einführung eines gemeinsamen Sicherungssystems zum heutigen Zeitpunkt ab und pocht darauf, dass erst die nationalen Sicherungsfonds gebildet werden müssten, sodass überhaupt genug Masse für einen gemeinsamen Sicherungsfonds zusammenkommt.

Das ist eine gefährliche Strategie, denn die avisierten nationalen Sicherungsfonds könnten den noch gesunden Ländern selbst dann keinen Schutz bieten, wenn sie gefüllt wären. Die Fonds sollen nämlich jeweils nur 0,8 Prozent der gedeckten Einlagen umfassen.

Das sind bei den GIPSIZ-Ländern sicherlich deutlich weniger als 30 Milliarden Euro oder weniger als vier Prozent der notleidenden Kredite, ein Tropfen auf den heißen Stein. Nun mögen manche Politiker hoffen, dass sich die deutschen Verluste im Falle des Falles auf die Haftungsmasse der deutschen Töpfe beschränken ließen. Doch das ist eine Illusion, weil die Schaffung einer gemeinsamen europäischen Einlagensicherung nach Erschöpfung der vorhandenen Sicherungstöpfe automatisch eine Beanspruchung der Staatengemeinschaft mit sich bringen würde.

Planungen sprengen jeglichen Rahmen

Wenn es eine gemeinsame Einlagensicherung der Euro-Länder gibt, werden sich die Staaten der Gemeinschaftshaftung unter gar keinen Umständen entziehen können. Aus diesem Grund haben 2012 etwa 280 deutschsprachige Statistik- und Ökonomie-Professoren – dem Aufruf des Dortmunder Professors Walter Krämer folgend – vor der Vergemeinschaftung der Verluste in einer Bankenunion gewarnt. Dieselbe Position haben weitere 220 Ökonomen in einem zweiten Aufruf eingenommen, der von der Presse als Gegenaufruf stilisiert wurde.

Deutsche haben keine Ahnung von Finanzen
Geldanlagen werden nicht hinterfragtObwohl die Zinsen aktuell auf extrem niedrigen Niveau herumkrebsen, hinterfragt die Mehrzahl der deutschen Anleger ihre bestehenden Geldanlagen nicht (69 Prozent). Lediglich 31 Prozent nehmen das Niedrigzinsumfeld zum Anlass, ihre Anlageformen zu überprüfen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Union Investment. Analysten der Bank haben das Anlageverhalten der Deutschen im zweiten Quartal des laufenden Jahres untersucht. Quelle: dpa
Desinteresse und mangelnde KenntnisseDie allgemeine Zurückhaltung beruht zum einen auf Desinteresse und zum anderen auf mangelnden Kenntnissen. Nur 19 Prozent der Befragten setzen sich aus eigenem Antrieb mit Finanzangelegenheiten auseinander. Rund 53 Prozent setzen sich überhaupt nicht mit Finanzfragen auseinander. Nur jeder Fünfte glaubt sich mit Geldanlagen gut auszukennen. Satte 39 Prozent halten ihre Finanzkenntnisse für unzureichend. Quelle: dpa
Junge Erwachsene schätzen Kenntnisse am schlechtesten einBesonders schlecht um den Wissensstand in Sachen Geldanlagen steht es bei den jungen Erwachsenen. In der Altersgruppe der 20- bis 29-jährigen glauben lediglich 14 Prozent über gute Finanzkenntnisse zu verfügen. 59 Prozent halten ihr Wissen für nicht ausreichend. In der höheren Altersgruppe der 40- bis 49-jährigen sieht die Lage nicht viel besser aus. Hier sind nur 16 Prozent davon überzeugt gute Kenntnisse in Finanzfragen zu besitzen. Bei den Menschen im Alter zwischen 50 und 59 Jahren sind es immerhin 24 Prozent, die glauben, ausreichendes Wissen über Geldanlagen zu haben. Quelle: IMAGO
Je höher das Einkommen, desto mehr Finanzwissen ist laut eigener Einschätzung vorhandenBefragte mit einem monatlichen Einkommen unter 1300 Euro schätzen ihr Finanzwissen besonders schlecht ein. Hier glauben nur drei Prozent über ausreichende Kenntnisse zu verfügen. In der Einkommensklasse über 2300 bis 3100 Euro steigt dieser Wert auf 14 Prozent, bei Menschen mit einem Einkommen über 4100 Euro liegt die Schätzung bei 34 Prozent, „Das Ergebnis der Studie zeigt, wie groß der Nachholbedarf bei diesem wichtigen Thema ist. Selbst unter den lebenserfahrenen älteren Menschen und denjenigen mit höheren Einkommen fühlt sich nur eine Minderheit in Finanzangelegenheiten sattelfest“, sagt Giovanni Gay, Geschäftsführer bei Union Investment. Quelle: dpa
Nur wenige SelbstentscheiderDie fehlenden Finanzkenntnisse sorgen für einen hohen Bedarf an Finanzberatung. 40 Prozent der Deutschen sind laut eigener Aussage bei ihren Anlageentscheidungen auf konkrete Empfehlungen ihres Bankberaters angewiesen. Besonders großen Wert auf die Beratung legen die 20- bis 29-jährigen (47 Prozent). Selbstentscheider hingegen gibt es nur wenige. Nur 33 Prozent der Haushalte investieren genügend Zeit, um eine möglichst treffende Anlageentscheidung zu treffen. Quelle: dpa
BauchgefühlIn erster Linie wollen sich die Deutschen mit ihren Finanzentscheidung wohlfühlen. 71 Prozent der Befragten geben an, dass ihnen ein gutes Bauchgefühl dabei wichtig ist. „Die Ergebnisse verdeutlichen, dass Bankberatern im Kundengespräch eine bedeutende Aufgabe zukommt. Sie müssen ihren Kunden die Vorteile einer breit gestreuten Geldanlage aufzeigen und Brücken zu chancenreicheren Investments bauen. Nur wer sein Vermögen ausgewogen strukturiert und einschätzbare Risiken eingeht, kann bei langfristig niedrigen Zinsen auskömmliche Erträge erzielen“, erläutert Gay. Quelle: dpa
Starke SicherheitsorientierungIm Vordergrund jeder Entscheidung steht die Sicherheitsorientierung. 63 Prozent der Befragten steht der Aspekt der Sicherheit an erster Stelle. Rund 25 Prozent legen Wert auf größtmögliche Flexibilität der Geldanlage. Nur jeder Zehnte hat hohe Gewinnziele im Blick. Quelle: dpa

Die Politik war damals sensibilisiert worden und wandte sich gegen den von der EU-Kommission bereits vorgesehenen totalen Bail-out der Bankengläubiger. Sie setzte 2014 eine Richtlinie zur Bankenabwicklung (BRRD) in Kraft, nach der zunächst einmal acht Prozent der Bilanzsumme an Verlusten bei den Eigentümern und nachrangigen Gläubigern anfallen sollen, bevor ein im Laufe der Jahre erst noch zu bildender Abwicklungsfonds (SRF) für weitere fünf Prozent der Bilanzsumme gemeinschaftlich haftet.

Was jetzt geplant ist, sprengt indes jeglichen Rahmen. Wenn es pro Haushalt ein Bankkonto gibt, wären allein in den GIPSIZ-Ländern 52,8 Millionen Konten abzusichern. Davor kann man nur mit allem Nachdruck warnen. Nicht nur, weil die Absicherung Deutschland teuer zu stehen käme, sondern auch, weil alle Disziplin dahin wäre. Zur amerikanischen Savings- und Loan-Krise kam es in den Achtzigerjahren, weil die Sparkassen dank des gemeinsamen Einlagensicherungsfonds sehr viele Spargelder angezogen und damit blindlings herumgezockt hatten.

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In der S&L-Krise gingen von 1986 bis 1995 über 1000 notleidende Banken und Sparkassen unter. Hunderte mussten zusätzlich gestützt werden. Die Aktionen haben den US-Steuerzahler 130 Milliarden Dollar gekostet und bereiteten den Boden für eine neue Zockerrunde bei den US-Banken, die zwölf Jahre später zum Kollaps der Weltwirtschaft führte. Gott bewahre uns vor der Wiederholung eines solch katastrophalen Unsinns.

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