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Denkfabrik

Ökonomen-Aufruf ohne Mehrheit

Eine Gruppe von Ökonomen um DIW-Chef Marcel Fratzscher hat in einem Aufruf das umstrittene OMT-Programm der Europäischen Zentralbank unterstützt. Das ist ihr gutes Recht. Eine Mehrheit vertritt sie aber nicht.

Die schwache Resonanz unter den deutschen Ökonomen zeigt, dass hinter diesem Ökonomenaufruf keinesfalls irgendwelche Mehrheiten stehen. Quelle: dpa

Die Ökonomie ist eine schwierige Wissenschaft. Seriöse Ökonomen kommen schnell zu einer gemeinsamen Meinung bezüglich der Korrektheit von Argumenten für oder gegen eine wirtschaftspolitische Entscheidung. Sie unterscheiden sich aber bei der Gewichtung dieser Argumente, denn dabei kommt es auf subjektive Einschätzungen an, die aufgrund unterschiedlicher Lebenserfahrung und unterschiedlicher fachlicher Expertise stark variieren. Da bei einer wirtschaftspolitischen Entscheidung viele Argumente eine Rolle spielen, sind Meinungsunterschiede bei der Gesamtbeurteilung an der Tagesordnung - obwohl die Ökonomen viele Argumente im Einzelnen teilen.

Berühmte Unterzeichner des Pro-EZB-Aufrufs
Peter Bofinger ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Würzburg und seit März 2004 Mitglied des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, auch die fünf Wirtschaftsweisen genannt. Er kritisierte schon früh die Sparpolitik in der Euro-Krise. „Ohne einen grundlegenden Strategiewechsel wird der Euro die nächsten Jahre weder ökonomisch noch politisch überleben", sagte Bofinger. Das EZB-Programm zum Aufkauf von Staatsanleihen unterstützt er. Quelle: REUTERS
Michael Hüther, Honorarprofessor an der European Business School in Oestrich-Winkel, ist seit Juli 2004 Direktor des Instituts der Deutschen Wirtschaft Koeln (IW). Er kritische den Ökonomen-Appell von Walter Krämer - der sich gegen die Vergemeinschaftung von Schulden in Europa aussprach - vom vergangenen Jahr scharf. Diese Aktion habe „mit ökonomischer Argumentation nichts zu tun“, sagte Hüther damals. Der neue Ökonomen-Aufruf ist da schon mehr nach seinem Geschmack. Quelle: dapd
Barry Eichengreen, 61, lehrt Ökonomie und politische Wissenschaften an der University of California in Berkeley. In den Neunziger Jahren beriet er den Internationalen Währungsfonds. Er warnte schon früh vor den Kosten einer Währungsunion. Die Inhalte des Ökonomen-Appels unterstütze er "zu 100 Prozent", erklärte er im Gespräch mit WirtschaftsWoche Online. Quelle: Presse
Bert Rürup, 68, leitet seit Januar 2013 leitet Bert Rürup als Präsident das Handelsblatt Research Institute, ein unabhängiges wissenschaftliches Kompetenz- und Researchcenter der Verlagsgruppe Handelsblatt. Im Jahr 2000 wurde er in den Kreis der fünf Wirtschaftsweisen berufen, dem er von 2005 bis 2009 vorstand. Quelle: dpa
Der renommierte US-Ökonom Jeffrey Frankel ist Professor an Harvards Kennedy School of Government und war Mitglied von US-Präsident Bill Clintons Council of Economic Advisers (Rat der Wirtschaftsberater), kurz CEA. Quelle: hks.harvard.edu
Kenneth Joseph Arrow, 91, ist emeritierter Professor an der Stanford University. Zusammen mit John Richard Hicks erhielt er 1972 den Preis für Wirtschaftswissenschaften der schwedischen Reichsbank im Gedenken an Alfred Nobel, der in der Regel als Wirtschaftsnobelpreis bezeichnet wird. Auch er hat den Ökonomen-Appell unterzeichnet. Quelle: Creative Commons-Lizenz
Ökonom Marcel Fratzscher, Professor für Makroökonomie an der Humboldt-Universität zu Berlin, ist seit dem 01. Februar 2013 Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. Er hat mit vier weiteren Kollegen den Aufruf initiiert. Quelle: dpa

So ist es auch mit dem OMT-Programm der Europäischen Zentralbank (EZB), also der Ankündigung, Staatspapiere der Krisenländer zu kaufen, wenn diese Staaten in größere Schwierigkeiten geraten. Dieses Programm stellt einen kostenlosen Versicherungsschutz der Staatengemeinschaft zulasten der Steuerzahler dar, die etwaige Abschreibungsverluste auf die von der EZB erworbenen Papiere tragen müssen. Das ist der unter guten Ökonomen unstrittige Sachverhalt.

Zinsen gesunken

Unstrittig ist auch, dass dieses Programm die Märkte beruhigt, die Gefahr eines Euro-Kollapses reduziert, die Zinsen der Krisenländer gesenkt und damit Anreize gesetzt hat, die Verschuldung zu erhöhen. Aber hier hört die Gemeinsamkeit auf. Während die einen die Beruhigung der Kapitalmärkte und die sinkende Gefahr eines Euro-Kollapses für das überragende Ziel halten, finden andere den Fehlanreiz, weitere Schulden aufzubauen, gefährlicher und gewichten auch das Gerechtigkeitsproblem höher, das darin besteht, dass die Steuerzahler die Anleger ungefragt und kostenlos versichern sollen.

In einer solchen Situation mag es sinnvoll sein, mittels einer Umfrage unter Ökonomen die Dominanz einer Position zu dokumentieren, wie es meine Kollegen Fratzscher, Portes, Weder di Mauro und Wyplosz mit ihrem Aufruf zur Unterstützung der EZB versucht haben. Immer wieder hat es ja ähnliche Aufrufe gegeben. So etwa die beiden von Walter Krämer und Frank Heinemann vor einem Jahr initiierten Ökonomenaufrufe zur Bankenunion, aus der sich ergab, dass 480 deutschsprachige Fachökonomen eine Rekapitalisierung konkursreifer Banken durch Verzichte der Gläubiger statt durch Hilfen der Steuerzahler vorschlagen.

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