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Denkfabrik

Schuldenkrise schafft weltweite Kollateralschäden

Die Euro-Krise hat schwerwiegende Folgen für die globale Wirtschaft. In Schwellenländern drohen Inflationsimport und geldpolitische Fehlsteuerungen. Bricht die Euro-Zone auseinander, könnte die Integration der Weltwirtschaft gänzlich zum Stillstand kommen.

Euro Dollar Quelle: REUTERS

Die Euro-Krise hält Europa in Atem. Der Entscheidungsdruck, unter dem Regierungen und Zentralbanken stehen, lässt dabei jedoch leicht die Folgen der Krise für die internationale Rolle des Euro und das weltweite Währungssystem aus dem Blickfeld geraten. Oberflächlich betrachtet geben die Daten zur internationalen Rolle des Euro wenig Anlass zur Sorge. Bis Ende 2011 blieb seine Bedeutung als Reserve-, Anker- und Anlagewährung ebenso wie als Zahlungsmittel stabil. Da es an reputationswürdigen Alternativen zum Euro neben dem Dollar mangelt, ist das nicht weiter erstaunlich. Auch waren die Abwertungstendenzen gegenüber dem Dollar bis Ende 2011 nicht sonderlich ausgeprägt.

S&P droht Italien, Irland wird hochgestuft
Für Frankreich zeigt sich S&P etwas zuversichtlicher, obwohl sich am Rating („AA“) und dem stabilen Ausblick nichts änderte. Die Regierung habe Maßnahmen zur Reduzierung der Arbeitskosten und Unternehmensbesteuerung ergriffen, um die Wettbewerbsfähigkeit des Landes zu verbessern, schreibt S&P. Zudem deuteten staatliche Ausgabenkürzungen darauf hin, dass die zweitgrößte Euro-Volkswirtschaft ihr Haushaltsdefizit schrittweise reduzieren werde. Die Staatsverschuldung bleibe aber hoch und werde bis 2017 noch wachsen. Rating (S&P): AAAusblick: stabil Quelle: dpa
Zypern wurde von der Wirtschaftskrise enorm mitgenommen, gerade der aufgeblähte Bankensektor des Inselstaats machte ihm in der Dynamik der Krise schwer zu schaffen. Die Bewertung des Krisenlands wurde von S&P nun um eine Stufe auf „B“ erhöht, Fitch hob den Ausblick für das Rating („B-“) auf positiv an. Bei beiden Agenturen liegt die Kreditnote klar im sogenannten Ramschbereich, der spekulative Anlagen kennzeichnen soll. Die positiven Ausblicke lassen aber Aufstufungen erwarten - vorausgesetzt, das Land erfüllt weiterhin die Auflagen der internationalen Geldgeber, die Zypern seit dem vergangenem Jahr finanziell stützen. Rating (S&P): BAusblick: positiv Quelle: AP/dpa
Standard & Poor's (S&P) hat das lang- und kurzfristige Fremdwährungsrating für die Ukraine gesenkt. Die Bewertung sei von „B-/B“ mit einem negativen Ausblick herabgestuft worden, teilten die US-Bonitätswächter mit. Hintergrund sei die derzeitige politische Instabilität in dem Land. Seit Wochen demonstrieren Regierungsgegner gegen die Regierung. Präsident Viktor Janukowitsch steht unter anderem wegen eines harten Vorgehens der Sicherheitskräfte gegen Demonstranten in der Kritik. Auslöser war die kurzfristige Ablehnung eines über Jahre hinweg vorbereiteten Abkommens zwischen der Ukraine und der Europäischen Union. Janukowitsch will das Land stattdessen enger an Russland binden. Rating (S&P): „CCC+/C“Ausblick: negativ Quelle: AP
Die Ratingagentur Standard & Poor's (S&P) hat Irland gute Bonitätsnoten in Aussicht gestellt. Der Ausblick für das Rating bleibt positiv. S&P begründete die positive Haltung mit verbesserten Wachstumsaussichten des Landes. Im Durchschnitt der Jahre 2014 bis 2016 erwartet die Agentur ein Wirtschaftswachstum von 2,7 Prozent. Bisher war sie nur von 2,0 Prozent ausgegangen. S&P lobt die Reform- und Sparpolitik des Landes. Die Agentur erwartet eine weiterhin starke Auslandsnachfage und eine anhaltende Erholung der Binnenwirtschaft. Die hohen Investitionen aus dem Ausland stützten die Binnenwirtschaft. Gefahren sieht S&P vor allem noch im Bankensektor. Rating (S&P): A+Ausblick: positiv Quelle: dpa
Portugal droht erst einmal keine weitere Abstufung durch die Ratingagentur Standard & Poor's (S&P). Die Bonitätsnote des Landes stehe nicht mehr unter verschärfter Beobachtung, teilte S&P mit. Portugal dürfte trotz einiger politischer Probleme 2013 das Ziel einer Neuverschuldung von 5,5 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) erreicht haben, schreiben die Experten. In diesem Jahr will Portugal dann die neuen Schulden auf vier Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung senken. Dies halten die S&P-Experten für möglich. Derzeit bewertet Standard & Poor's Portugal mit der Note „BB“. Das ist die zweite Stufe des sogenannten Ramsch-Niveaus, das spekulative Anlagen kennzeichnen soll. Der grundsätzliche Ausblick bleibe negativ. Rating (S&P): BBAusblick: negativ Quelle: dpa
Alenka Bratušek, seit Anfang 2013 Ministerpräsidentin von Slowenien, muss sich nach wie vor mit einer Bankenkrise und den hohen Schulden ihres Landes befassen. Ein Hilfsprogramm ist nach Einschätzung der EU-Kommission aber nicht von Nöten, solange das Bankensystem reformiert und das Reformtempo hoch gehalten wird. Im Rating von Standard & Poor's schneidet der osteuropäische Staat von den kriselnden noch mit am besten ab. Die Agentur bleibt bei ihrer Einschätzung, dass Sloweniens Kreditwürdigkeit auch künftig stabil bleiben wird. Rating (S&P): A+Ausblick: stabil Quelle: AP
Als Malta 2008 den Euro einführte, war das Land eines der kreditwürdigsten unter den neuen Mitgliedsstaaten. Auch heute gibt es für die Insel noch immer relativ gute Noten. Ratings: BBB+ Ausblick: stabil Quelle: REUTERS

Weit über die rezessive Ausstrahlung der Krise im Euro-Raum hinaus aber gibt es Wirkungen auf die Länder, die mit dem Euro-Raum über Handel und Kapitalverkehr verbunden sind. Am stärksten sind diese für diejenigen Staaten, die eine offizielle Wechselkursbindung zum Euro unterhalten oder wie Montenegro und Kosovo einseitig „euroisiert“ haben, also den Euro als Währung führen, ohne dass die EZB diesen Ländern gegenüber währungspolitisch verpflichtet wäre. Vom Baltikum über den Balkan bis in das frankofone West- und Zentralafrika reicht der Ländergürtel. Bei einer längerfristigen Abwertung des Euro gegenüber dem Dollar laufen diese Länder Gefahr, Inflation zu importieren, zum Beispiel über die Energiepreise.

Auf der anderen Seite können Exporteure jedoch gegenüber Ländern, die kein Fixkurssystem zu einer gegenüber dem Dollar abwertenden Währung unterhalten, Preisvorteile erlangen. Darüber hinaus ist für diese Länder auch wichtig, wie sich das Zinsniveau im Euro-Raum verändert. Sinkt dieses weiter, steigen die Anreize für die Akteure in den Festkursländern, sich in Euro zu verschulden und in lokaler Währung zu investieren. Bricht das Festkurssystem auseinander, etwa weil dagegen spekuliert wird oder die Rezession aus dem Euro-Raum diese Länder erfasst, erlitten sie das gleiche Währungs-Mismatch-Schicksal wie die südostasiatischen Staaten während der Asienkrise 1997. Die Abwertung ihrer Währung verteuert den in Euro denominierten Schuldendienst. Viele Investitionsobjekte rechnen sich dann nicht mehr.

Worst-Case-Szenario ausgeblendet

Sicherer Hafen Deutschland
Die Deutsche Bank in Frankfurt am Main Quelle: dpa
Das Schild einer Commerzbank-Filiale mit Logo hängt unweit der Zentrale der Commerzbank in Frankfurt am Main Quelle: dpa
Mitarbeiter der Sparkasse schauen in Kordel bei Trier in die Fluten Quelle: dpa
"LBBW" steht in Stuttgart auf einem Schild vor der Landesbank Baden-Wuerttemberg Quelle: dapd
Ein Volksbanken-Raiffeisenbanken-Schild Quelle: dpa
DZ-Bank Quelle: REUTERS
ING Quelle: REUTERS

Spürbare Auswirkungen hat die Euro-Krise auch auf die Länder, die den Wechselkurs ihrer Währung an einen Korb gebunden haben, in dem der Euro enthalten ist. Die Anteile der einzelnen Währungen im Korb sind zumeist Geheimsache, können aber anhand von Näherungswerten wie dem Anteil der Korbländer am Handel mit dem entsprechenden Land geschätzt werden. China ist ein solches Land, nachdem es die einseitige Bindung an den Dollar aufgegeben hat und seinen Wechselkurs flexibler gegenüber mehreren Währungen in Richtung kontrollierter Aufwertung bestimmt.

Solange Chinas Wirtschaft zu überhitzen drohte und die Gefahr importierter Inflation bei einseitiger Dollar-Bindung das wichtigste Problem Chinas war, bot sich ein höheres Gewicht des Euro im Währungskorb an, weil vom Euro erwartet wurde, dass er im Trend gegenüber dem Dollar eher auf- als abwerten würde. Im Zuge der schwächeren Konjunktur haben sich die Prioritäten Chinas jedoch verschoben. Statt die Inflation zu bekämpfen, konzentrieren sich Regierung und Zentralbank darauf, die Konjunktur anzukurbeln und die Exportmärkte zu sichern. Daher könnte es für China sinnvoll sein, dem nun schwächelnden Euro ein größeres Gewicht im Währungskorb zu geben. Um zu verhindern, dass der Renminbi gegenüber dem Euro aufwertet und die chinesischen Exporte verteuert, müsste China verstärkt Euro kaufen und halten. Chinas Führung weiß, dass dies wohldosiert geschehen muss, damit die Finanzmärkte dadurch das Vertrauen in den Dollar nicht verlieren.

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Inflationsziel in Gefahr

Eine dritte Gruppe von Ländern hat sich von jeder offiziellen Wechselkursbindung gelöst und verfolgt stattdessen ein Inflationsziel. Je enger ein Land aus dieser Gruppe wirtschaftlich mit dem Euro-Raum verflochten ist (Beispiel: Tschechien und Türkei), desto wahrscheinlicher ist es, dass die Euro-Krise die Zinspolitik des Landes beeinflusst. Aus Angst, die Rezession im Euro-Raum könnte auf die eigene Wirtschaft überspringen und die Finanzierungsbedingungen verschlechtern, könnten die Zentralbanken ihre Geldpolitik lockern – auch, wenn der schwache Euro ihre Währung mit nach unten zieht und so das Inflationsziel in Gefahr gerät.

Diese Szenarien blenden den Worst Case, den Zerfall der Euro-Zone, aus. Käme es dazu, hätte dies dramatische Folgen und stellte viele Länder vor die Alternative, sich bei der Fortsetzung von expliziten oder impliziten Wechselkursbindungen entweder einer im Trend aufwertenden „Nord-Zone“ oder einer im Trend abwertenden „Süd-Zone“ anzuschließen. Einiges spricht dafür, dass nach den Erfahrungen im Euro-Raum die Anbindung an den Süden als einfacherer Weg gesehen würde. In jedem Falle wäre der Riss, den der Zerfall verursachen würde, nicht auf den Euro-Raum beschränkt, sondern würde sich in Drittländern fortsetzen. Das Thema „weitere Integration der Weltwirtschaft“ hätte sich vorerst erledigt.

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