Der Turmbau zu Frankfurt Neuer EZB-Doppelturm feiert Richtfest

Am Frankfurter Osthafen schraubt sich ein riesiger Doppelturm in den Himmel; schon ist er 175 Meter hoch. Es ist der Neubau der Europäischen Zentralbank (EZB), ein preisgekrönter Entwurf der Wiener Architekten COOP Himmelb(l)au aus dem Jahr 2005, so verspielt wie der Name des Architektenbüros. Am Donnerstag Abend wird Richtfest gefeiert.

Der Neubau der EZB am Frankfurter Osthafen nimmt langsam Gestalt an Quelle: dpa

Doch plötzlich erscheint der Bau von zweifelhafter Symbolik: Die Türme sind gegeneinander verdreht, wie von Riesenhand gestaucht und aus dem Lot gebracht – Kritiker sehen darin die Vorwegnahme einer Geldpolitik, die sich von ihrer ursprünglichen Aufgabe, der Geldwertstabilität, entfernt hat und immer weiter entfernt und neuerdings sogar ganz unverblümt die Staatsfinanzierung problematischer Länder wie Griechenland übernommen hat. Es ist ein monströser Bau, neben dem die ursprünglich dort situierte und denkmalgeschützte Großmarkthalle, wegen ihrer einst riesigen Ausmaße vom Volksmund „Gemüse-Dom“ genannt, winzig und verloren wirkt; zudem wird der grandiose Bau aus den 1927-Jahren von einem Betonriegel der neuen EZB zerrissen und zerschlagen – der selbstbewusst gedachte Bau der EZB mag manchem Betrachter wie brutale Großmannssucht und mit verspiegeltem Glas verkleideter, betonierter Größenwahn scheinen.

Bildersturm am Bauzaun
Imposant ragt der halbfertige Glaspalast der neuen EZB in den Frankfurter Himmel. Die Baustelle am östlichen Mainufer ist mit Stacheldraht umzäunt - doch auf der dem Fluss zugewandten Seite findet sich Kunst. 150 Meter Mauer stellte die Notenbank im Juli jungen Künstlern zur Verfügung. Stefan Mohr, Leiter der städtischen Einrichtung "Naxosatelier", vermittelte. Er weiß, dass sich das Thema "Krise" die Szene am Frankfurter Ostend längst beschäftigt. Viele Künstler sind hier groß geworden. Die Motive auf dem Gelände der ehemaligen Großmarkthalle entstanden spontan.
HungersnotDie Finanzkrise sei nur eine von vielen Krisen auf dem Planeten, sagt Anton M. (33), alias Jeez. Mit seinem Freund und Sprayerkollegen Tomek hat er ein fettes Schwein entworfen, das sich mitten in der Wüste der Völlerei hingibt. Während in anderen Teilen der Erde Menschen verhungern, regiert hierzulande Geld und Überfluss – für den gelernten Koch ein unerträglicher Zustand.
Böser OnkelMr. Anonymous grinst – Im vergangenen Jahr wurde die Fratze zum Symbol der Frankfurter Occupy-Aktivisten, sie garantierte Aufmerksamkeit und namenlosen Protest. Wenn es nach Sprayer Philipp Kabbe (36) geht, soll der weitergehen, und zwar in angenehmerer Atmosphäre direkt am Fluss, vor der neuen EZB am idyllischen Ostend.
Blind wie ein Maulwurfund unfähig, den Euroraum zusammenzuhalten: das ist für Marcus Dörr (37), Inhaber der Werbeagentur artmos4, der Europapolitiker von heute. Nachdenken und grübeln hilft nicht viel – die Gemeinschaftswährung bricht am Ende auseinander: "System Error". Dörr plädiert für den Neustart: "Reboot Now".  
Money over BitchesAls Kult-Rapper 2Pac den Song 2001 aufnahm, hatte er eine einfach Message: Nur wer ein dickes Bankkonto hat, steht oben in der Gesellschaft. Es war die Zeit, als sich die Hip-Hop-Szene wandelte, die Texte immer materialistischer und weniger politisch motiviert waren. Das Graffiti des Frankfurter Künstlers, der anonym bleiben möchte, ist eigentlich eine Hommage an einen bekannten New Yorker Sprayer aus der Zeit des 2Pac.
Schlange des KapitalsAus einem Geldspeicher regnet es Münzen, sie fliegen aus dem Fenster, werden verschwendet. M. Gruber (44) ist Tätowierer – sein Motiv auf dem Bauzaun soll die Gierigen warnen, die sich leichtfertig auf ihr Geld berufen: "All they have is Money". Doch wie die Schlange des Kapitals die Münzen verschlingt, schlägt der Dolch des Volkes zu und kappt ihr den Schwanz.
Denke nicht an GewinnDie Worte von Zen-Meister Kodo Sawaki haben Diplom-Designer Jens Jansen (36) inspiriert. „Tue, was du tust, ohne über Gewinn oder Verlust nachzudenken“. Jansen beschäftigt sich schon seit längerem mit spirituellen Motiven und praktiziert auch selbst den Zen-Buddhismus. Sein Graffiti ist keine direkte Kritik, sondern eine Anregung dazu, die Dinge um sich herum bewusster wahrzunehmen.  

Deutschland als Baustellenaufseher

Einige ahnen darin sogar eine Nähe zum Turmbau zu Babel, den Gott der Herr bekanntlich dadurch zum Misslingen brachte, dass er die Sprache seiner Bauleute verwirrte: Ist die Europäische Währungsunion nicht doch zu groß geraten, weil sie Länder so unterschiedlicher wirtschaftlicher Leistungskraft verbindet wie Deutschland und das winzige Zypern, das merkantilistisch geprägte Frankreich und den neuen marktwirtschaftlichen Staaten des Baltikums, die Bürgertradition der Niederlande mit der Sloweniens verbindet, das sich aus dem Post-Sozialismus befreit? Und bezeichnend, dass den Bau der Deutsche Jörg Asmussen überwacht – weder konnte Deutschland den Job des Präsidenten erringen noch wenigstens die Schlüsselstellung des „Chefvolkswirtes“: Zweimal hatten Deutsche mit Ottmar Issing und Jürgen Stark diese wichtige Position inne; jetzt also nur noch den des Baustellenaufsehers?

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