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Deutschland Lohnpolitik in der Kritik

Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) wirft den deutschen Unternehmen vor, Exporte mit Billiggehältern zu manipulieren. Deutschland würde damit die Eurokrise verschärfen. Was für ein fragwürdiger Angriff.

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Liegt es an den niedrigen Löhnen, dass deutsche Exporte rasanten Absatz finden? Die Kunden im Ausland schätzen nun einmal die Autos deutscher Hersteller. Quelle: dpa

Bitte nur kein Neid. Wir können ja auch nichts dafür, dass die deutschen Exporte immer noch brummen und der Arbeitsmarkt sich wacker hält, wenn ringsumher auch der Konjunkturmotor stottert. Oder etwa doch? Jedenfalls klingt es ein wenig nach Neid, was die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) in dieser Woche veröffentlicht hat.
Deutschland hat die Eurokrise mitverursacht. So lässt sich zusammenfassen, was die ILO-Forscher in ihrem neuesten Beschäftigungsbericht attestieren. Die Löhne und Gehälter würden sich nur schwach entwickeln, diese günstigen Arbeitskosten verschafften den deutschen Exportunternehmen große und daher unbotmäßige Wettbewerbsvorteile. Die Krisenländer wiederum könnten nicht im selben Maße ihre Ausfuhren erhöhen. Dafür sei die Nachfrage in Deutschland zu schwach, womit wir wieder bei den Löhnen wären. Das alles habe in der Eurozone „nachteilige Folgen für die Tragfähigkeit der öffentlichen Finanzen gehabt“.

Die ILO befindet sich mit ihrem Vorwurf in guter Gesellschaft. Seit Monaten lautet die Klage, Deutschland exportiere sich auf Kosten der europäischen Nachbarländer glücklich. Schon die jetzige IWF-Chefin Christine Lagarde hatte diesen Vorwurf geäußert, als sie noch Finanzministerin in Frankreich war und damit eine Debatte unter Ökonomen ausgelöst.

Allerdings bleibt die Frage, ob die Exportstärke der deutschen Wirtschaft tatsächlich nur auf Billiglohnstrategie zurückgeht. So kommen auch die ILO-Ökonomen an anderer Stelle zu dem Urteil, dass Deutschland in den Industriebranchen noch immer ein Hochlohnland sei. Gerade das produzierende Gewerbe trägt aber zum Export bei – und naturgemäß nicht die Dienstleistungen, in denen die Löhne sich tatsächlich schlechter entwickelt haben.

Am Abbau der Schulden führt kein Weg vorbei

Die Schelte an der deutschen Binnennachfrage ist nicht konsistent. Quelle: dpa/dpaweb

Viele ILO-Mitarbeiter folgen einer keynesianischen Ökonomierichtung. So gesehen wundert es nicht, dass das arbeitgeberfinanzierte Institut der deutschen Wirtschaft (IW) erst in der vergangenen Woche eine Studie mit gänzlich konträren Ergebnissen vorgelegt hatte: Demnach seien die deutschen Lohnstückkosten seit 1999 konstant geblieben. Im internationalen Vergleich weise die deutsche Industrie weiter das fünfthöchste Lohnstückkostenniveau aus.

Die Exporterfolge gingen daher eher auf die hohe Produktqualität zurück. Oder ganz schlicht: Die Kunden im Ausland schätzen nun einmal die Autos deutscher Hersteller. Nun lassen sich alle Studien kritisch hinterfragen, das gilt für die ILO genau wie für das IW. Allerdings zeigt die Gegenüberstellung, dass die Wahrheit immer auch im Auge des Betrachters liegt.

So ganz konsistent ist die Schelte an der deutschen Binnennachfrage ohnehin nicht. In Europa hat die Arbeitslosigkeit einen historischen Höchststand erreicht. Selbst die ILO muss allerdings einräumen, Deutschland gehöre in Europa „zu den wenigen Ausnahmen, in denen die Beschäftigung nicht unter dem Stand vor Ausbruch der Krise zurückgegangen ist“. Und das dürfte für die Binnennachfrage dann doch wieder ganz gut gewesen sein.

Ganz abgesehen davon: Was soll eigentlich die Konsequenz aus dem Vorwurf sein? Ein Arbeitsauftrag für die nächsten Tarifrunden? IG Metall und Arbeitgeberverbände werden sich mit Hinweis auf ihre Autonomie bedanken. Oder ein Hinweis darauf, die Lohnentwicklung künftig doch bitteschön politisch korrekt auf europäischer Ebene abzustimmen, so als Art tarifpolitischer Fünfjahreserfüllungsplan, um makroökonomische Ungleichgewichte und Exportüberschüsse wegzudirigieren – und ganz nebenbei die Konkurrenz auszuschalten?

Vielleicht sollte sich Europa erst einmal darauf konzentrieren, die Haushaltsdefizite abzubauen. Es ist zynisch genug: Wenn die Krisenländer mutig an ihren Spar- und Reformversprechen festhalten, wird ihre Nachfrage nach deutschen Produkten ohnehin erst einmal sinken.

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