Deutschland soll Eurobonds zustimmen George Soros und sein Hang zu Illusionen

George Soros erklärt in Frankfurt den Weg aus der Eurokrise: Deutschland muss endlich Eurobonds zustimmen, dann wird alles gut. Leider leidet der Investor an Faktenschwäche – und an einem Hang zu Illusionen.

Starinvestor George Soros:

Das Orakel ist wieder auf Weltreise. Am Wochenende Hongkong, Montag Boao, Dienstag Frankfurt. In Hongkong erklärt George Soros auf einer Ökonomenkonferenz seines „Institute for New Economic Thinking“ die Eurokrise zum „most pressing global issue“, dem drängendsten Problem auf dem Planeten. Beim Boao-Wirtschaftsforum auf der chinesischen Insel Hainan erleuchtet der 82-Jährige die Zuhörer mit der Erkenntnis, dass China in den nächsten Jahren das Problem der wachsenden Schattenbanken unter Kontrolle bringen muss. Und in Frankfurt erläutert Soros, wie der Euro zu retten ist.

Kaum ein Problem scheint davor sicher, mit Soros’schen Voraussagungen und Lösungsvorschlägen beglückt zu werden. Auf seinen Reisen in Sachen Selbstinszenierung gibt Soros sich gerne als geläuterten Spekulanten und Globalisierungsgelehrten, und er gibt sich wenig zurückhaltend wenn es darum geht, die Bedeutung seiner Themen, seiner Worte, ja seiner selbst hervorzuheben. „Von höchster Wichtigkeit“ sei es, dass die chinesischen Behörden bei den Schattenbanken eingreifen, „nicht nur für China, sondern für die ganze Welt.“ Einen Tag später in Frankfurt: „Ich möchte damit schließen, hervorzuheben, wie wichtig die Europäische Union ist – nicht nur für Europa, sondern für die ganze Welt.“

Deutsche glauben nicht ans Ende der Eurokrise
Vier von fünf Bundesbürgern (81 Prozent) sind davon überzeugt, dass die Eurokrise noch nicht ausgestanden ist. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstitut Insa im Auftrag der „Bild“-Zeitung. Dagegen glauben nur sieben Prozent der Befragten, die Krise sei beendet. Sorgenvoll verfolgen viele Bundesbürger die Entwicklung in Griechenland. Nur 34 Prozent sehen das Land auf dem richtigen Weg. Hingegen sind 39 Prozent davon überzeugt, dass Griechenland sich nicht ernsthaft um Reformen bemüht, die das Land wieder zukunftsfähig machen. „Für die überwältigende Mehrheit der Deutschen ist die Eurokrise noch nicht vorbei. Diese Befürchtung wird auch Einfluss auf die Wahlen zum Europäischen Parlament haben“, sagte INSA-Chef Hermann Binkert der Zeitung. Quelle: dpa
Der Chef des Euro-Rettungsfonds ESM hat Griechenland davor gewarnt, bei einer Rückkehr an den Finanzmarkt zu viel für frisches Kapital zu zahlen. Das hoch verschuldete Land musste als erstes unter den Rettungsschirm der Euro-Länder schlüpfen und entging nur so einem Staatsbankrott. ESM-Chef Klaus Regling sagte der Wochenzeitung
Italiens neue Regierung will sich für eine Abschwächung der EU-Haushaltsziele einsetzen. Das machten Ministerpräsident Matteo Renzi und Wirtschaftsminister Pier Carlo Padoan bei der Vorlage ihrer Sparpläne deutlich. Beide kündigten an, Italien werde seine im Juli beginnende EU-Präsidentschaft dazu nutzen, die Vorgaben auf den Prüfstand zu stellen.
Investors George Soros und Ex-Bundesbank-Chefvolkswirt Otmar Issing diskutierten an der Frankfurter Universität über die Rolle Deutschlands in der Euro-Krise. Vor der Bundestagswahl hatte Soros betont: Deutschland muss seine Verantwortung für die Eurozone akzeptieren oder aus dem Euro austreten. Die erste Variante bedeutet nach Soros' Lesart: Deutschland soll mehr Geld auf den Tisch legen. Inzwischen habe sich die Wahl jedoch erübrigt. „Jetzt ist die einzige Alternative für Deutschland seine dominante Position zu akzeptieren.“ Es müsse als „wohlwollender Hegemon nach Wegen suchen, die Schuldnerländer aus der Schusslinie zu bringen
Der Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) Köln, Michael Hüther, sowie der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Marcel Fratzscher und der Leiter der europäischen wirtschaftswissenschaftlichen Denkfabrik Bruegel, Guntram B. Wolff, haben sich in der

Zwischen Alptraum und Wunschtraum

Weltrang. Oder das, was Soros dafür hält. Darunter gibt sich der Starspekulant bei der Auswahl der Probleme für seine Abhandlungen nicht ab. Dafür aber mit ziemlich simplen Lösungen. In Frankfurt lautet diese: Deutschland muss nur endlich Eurobonds zustimmen, dann wird alles gut. „Der positive Effekt wäre kaum weniger als ein Wunder. Das Risiko von Zahlungsausfällen würde verschwinden, und mit ihm Risikoaufschläge [auf Staatsanleihen, d. Red.]. Die Bilanzen der Banken würden einen schnellen Schub erhalten, und mit ihnen die Haushalte der stark verschuldeten Länder, weil es für sie billiger würde, ihre bisherigen Schulden zu bedienen“, sagt Soros, „die Wirtschaft würde wachsen und die Verschuldungsquote fallen. Die meisten der scheinbar unlösbaren Probleme würden sich in Luft auflösen.“ Das sei „wahrhaft wie das Erwachen aus einem Alptraum.“

Milliardenmann George Soros

Man muss George Soros zu Gute halten: Was er vorträgt, ist bestechend simpel, einfach. Leider ist sein Lösungsvorschlag aber nicht bloß trivial, sondern auch träumerisch; der Vorschlag zur Vertreibung des Alptraums: ein Wunschtraum. Wohl jeder, der in den vergangenen Jahren mit der Eurokrise zu tun hatte – Politiker, Notenbanker, Unternehmer, Anleger, Bürger – würde einer einfachen Lösung, mit der sich praktisch alle Probleme in Luft auflösen, nur zu gerne zustimmen. Wenn es solch ein Wundermittel überhaupt geben sollte: Die Eurobonds, über deren segensreiche Effekte sich Soros so ausschwelgt, sind es nicht.

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