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Die deutsche Rolle in der EU Deutschland ist nur ein Scheinriese

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Auch lange existierende Staaten sind vom Zerfall bedroht

Zu diesen Zeitgenossen gehört Simms jedoch nicht. Er zählt eher zu den idealistischen Enthusiasten. Er glaubt, wenn Europa sich am Vorbild der Gründung der USA orientiere, und das Prinzip der Nationalstaatlichkeit vollständig hinter sich lasse, dann ließen sich auch die wirtschaftlichen Probleme, die mit dem Euro zusammenhängen, überwinden.

Das mag wohl sein, aber ist das ein realistisches Szenario? Keine der amerikanischen Kolonien, die in den 1770er Jahren gegen die Herrschaft Londons revoltierten, war zuvor ein souveräner Staat gewesen. Im Übrigen bedurfte es eines langen und enorm verlustreichen Bürgerkrieges, um in Amerika aus einem lockeren Verbund von Einzelstaaten wirklich eine – freilich noch für lange Zeit innerlich tief gespaltene – Nation zu schaffen.

Geschichte des Europaparlaments

Noch weniger passt Simms zweites Beispiel, die 1707 besiegelte Union zwischen Schottland und England. Ist es ihm wirklich entgangen, wie instabil sie geworden ist? Zwar mögen die Unionisten den Sieg der Nationalisten noch einmal verhindert haben, die Fundamente der Union sind jedoch unterminiert. Sie zerbröseln, weil die politische Kultur Schottlands spätestens seit Thatcher eine andere ist als die Englands und weil viele Schotten glauben, auch wirtschaftlich nicht mehr von der Union zu profitieren.

Vielleicht ist das ein Irrglaube, aber wenn selbst alte Staaten mit einer langen Geschichte wie Großbritannien vom Zerfall bedroht sind, was soll dann einen europäischen Einheitsstaat zusammenhalten, in dem die Werte- und Interessenkonflikte in Wirklichkeit viel massiver sind, als die zwischen Westminster und Edinburgh?

Das von Simms herbeigesehnte Großreich Europa könnte, wenn überhaupt, ja nur funktionieren, wenn es auch ein gemeinsamer Wohlfahrts- und Sozialstaat wäre mit einheitlichen Leistungsstandards von Helsinki bis Korinth und von Sofia bis Wiesbaden.
Davon würden manche profitieren, aber andere, vor allem in Nordeuropa und sicher auch in Deutschland, müssten enorme Opfer bringen. Simms übersieht überdies, dass die EU von Anfang an als post-demokratisches politisches System konstruiert wurde, weil sich nur so die Konflikte zwischen den unterschiedlichen Staaten ausgleichen ließen und lassen. Dafür sind demokratische Mehrheitsentscheidungen eben nicht geeignet.

Um die EU zu demokratisieren, müsste man fast alles, was in den letzten Jahrzehnten geschaffen wurde, beseitigen, um gewissermaßen noch einmal bei Null zu beginnen. Wird das geschehen? Wohl kaum.

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