Die deutsche Rolle in der EU Deutschland ist nur ein Scheinriese

Brendan Simms forderte eine vertiefte Europäische Union – errichtet um Deutschland. Ein „europäisches Großreich“ sei ein reiner Traum, findet Ronald G. Asch, ein Freiburger Historiker. Eine Replik auf Simms.

Deutschland ist ein Scheinriese, meint der Historiker Ronald G. Asch. Die wirtschaftliche Stärke sei nur vorübergehend und von militärischer Macht sei gar nicht zu reden. Quelle: Getty Images

Kann man aus der Geschichte lernen? Viele Laien werden dies bejahen, vom sprichwörtlichen „Mann auf der Straße“ bis hin zu jenen amerikanischen Politikern, die beim zweiten Irak-Krieg glaubten, durch einen Sturz Saddam Husseins Ähnliches bewirken zu können wie 1945 durch den Sieg über Hitler. Wie sich dann zeigte und immer noch zeigt, war das dann doch nicht ganz so einfach.

Professionelle Historiker sind normalerweise vorsichtiger damit, aus der Geschichte Handlungsanweisungen für die Gegenwart abzuleiten. Sicherlich kann man viele Probleme der Gegenwart nur verstehen, wenn man sich ihrer historischen Tiefendimension bewusst ist. Das gilt auch und gerade für die gegenwärtigen politischen Konflikte in Europa – in der Ukraine genauso wie in Schottland oder Katalonien.

Zur Person:

Aber zu Prognosen für die Zukunft eignet sich die Geschichtswissenschaft nur begrenzt, fast noch weniger als die Volkswirtschaftslehre. Brendan Simms, ein internationaler anerkannter britischer Historiker irischer Herkunft und Fellow des traditionell tief konservativen Peterhouse College in Cambridge sieht das jedoch offenbar anders. Für ihn hat die europäische Geschichte seit Beginn der Neuzeit vor allem ein zentrales Thema: Das Bemühen darum, für Deutschland einen angemessenen Platz in der Staatengemeinschaft zu finden und es zugleich zu zähmen und einzudämmen.

Ronald G. Asch lehrt an der Universität Freiburg. Zu den Forschungsschwerpunkte des Historikers zählt die Britische Geschichte des 16. und 17. Jahrhunderts.

Deutschland – auch in Gestalt des Heiligen Römischen Reiches der Frühen Neuzeit – erscheint ihm einerseits als bedrohliche Hegemonialmacht und andererseits als eine Nation, die nie stark genug war, um Europa wirklich zu führen. Das ist an sich schon eine recht einseitige Sicht der europäischen Geschichte, denn die eigentlichen europäischen Hegemonialmächte zwischen 1560 und 1750 waren erst Spanien und dann Frankreich, das dann erneut zwischen 1790 und 1815 zur übermächtigen Führungsmacht wurde.
Noch problematischer sind aber die Lehren, die Simms aus der europäischen Geschichte der letzten Jahrhunderte ziehen will. Deutschland müsse in einem europäischen Bundesstaat aufgehen, nur so könne Frieden in Europa herrschen.

In der Tat, so hat vor allem die ältere Generation der deutschen Politiker von Genscher über Kohl bis hin zu Schäuble gedacht und sich eben deshalb auf das gewagte Experiment des Euro eingelassen. Dass dies ein Fehler war, dürfte mittlerweile überdeutlich geworden sein, auch wenn es nicht leicht ist, einen Ausweg aus der dadurch entstandenen Misere zu finden, jedenfalls für den, der zu differenzierten Urteilen neigt.

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