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Diktatorische Vergangenheit Das schwere Erbe der Südeuropäer

Spanien, Portugal und Griechenland sind die jüngsten Demokratien Westeuropas. Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet sie am anfälligsten für die Euro-Krise waren.

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Noch wurde gejubelt: Athen am Tag nach dem Zusammenbruch der Junta-Herrschaft im Juli 1974 Quelle: Laif

Vor 40 Jahren, in der Nacht zum 24. Juli 1974, kehrte der frühere griechische Ministerpräsident Konstantin Karamanlis aus dem französischen Exil zurück. Auf dem Athener Flughafen jubelten die Menschen: „Er kommt, er kommt!“ Nach sieben Jahren war die griechische Militärdiktatur zusammengebrochen. In Südeuropa begann eine neue Ära. Aus rückwärts gewandten rechten Diktaturen wurden in den Siebzigerjahren marktwirtschaftliche Demokratien nach westlichem Muster – jedenfalls im Prinzip.

Wenige Monate vor den Griechen hatte Portugal seine mehr als vier Jahrzehnte alte Diktatur abgeschüttelt. In Spanien wankte die Gewaltherrschaft, und als der Tyrann Francisco Franco 1975 starb, endete sein Regime friedlich, auch weil der junge König Juan Carlos sich überraschenderweise als Demokrat entpuppte.

Wer wettbewerbsfähig ist und wer nicht
Platz 57: BulgarienBulgarien wird zurecht als das Armenhaus Europas bezeichnet. Unter 60 Ländern, die die Schweizer Wirtschaftshochschule IMD (International Institute for Management Development) nach ihren wirtschaftlichen Stärken und Schwächen miteinander verglichen hat, landet Bulgarien auf Platz 57 (Platz 54 im Jahr 2012). Damit ist Bulgarien das wirtschaftlich schwächste Land der Europäischen Union. Noch schlechter stehen nur noch Kroatien (Platz 58), das am 1. Juli der EU beitreten wird, Argentinien (Platz 59) und Venezuela (Platz 60) da. Wirklich gut schneidet Bulgarien nur beim Preisniveau ab, da belegt es im internationalen Vergleich Platz vier. In Disziplinen wie Beschäftigungsrate, Arbeitsmarkt, Bildung, Infrastruktur, gesellschaftliche Rahmenbedingungen, Gesundheit und Investments schafft es das osteuropäische Land nicht einmal unter die Top 30. Quelle: dpa
Platz 55: RumänienIm gleichen Atemzug mit Bulgarien wird stets Rumänien genannt. Das Land liegt im internationalen Vergleich auf Rang 55, im Vorjahr schaffte es Rumänien noch auf Platz 53 von 60 im World Competitiveness-Ranking. Von 21,35 Millionen Einwohnern haben 10,15 Millionen einen Job, die Arbeitslosenquote beträgt 6,8 Prozent. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) Rumäniens liegt bei 169,4 Milliarden Euro - im internationalen Vergleich macht das Platz 48 von 60. Beim BIP pro Kopf schafft es das Land mit 16.062 Euro auf Rang 46. Wirklich glänzen kann auch Rumänien nur beim Preisniveau, da landet es auf Platz neun von 60. Die zweitbeste Wertung bekommt das osteuropäische Land für seine Beschäftigungsquote: Hier liegt es im internationalen Vergleich auf Rang 33. Fragt man Unternehmen, was sie am meisten am Wirtschaftsstandort Rumänien schätzen, nennen 78,7 Prozent die offene und freundliche Art der Menschen. Eine kompetente Regierung lobten dagegen nur 11,5 Prozent und ein wirksames Rechtssystem attestierte dem Land niemand. Dafür lobten immerhin 52,5 Prozent der Befragten die Dynamik der Wirtschaft. Quelle: dpa
Platz 54: GriechenlandAuch Griechenland gehört weiterhin zu den Sorgenkindern Europas, konnte sich aber binnen eines Jahres von Rang 58 auf 54 verbessern. Griechenland muss auch 2013 weiterhin daran arbeiten, seinen aufgeblasenen Verwaltungsapparat zu verkleinern und den Finanzsektor wieder auf die Beine zu bringen. Auch in puncto Korruptionsbekämpfung und Steuersystem hat das Land noch einiges an Arbeit vor sich. Dementsprechend rangiert Griechenland, gerade was die Gesamtsituation der heimischen Wirtschaft angeht, auf Platz 60 von 60 Staaten. Auch beim BIP-Wachstum und der Kreditwürdigkeit gibt es nur Platz 60. Allerdings hat sich in Griechenland seit dem letzten Ranking auch einiges verbessert: So konnte das Land sein Image, die Anpassungsfähigkeit der Regierungspolitik und die Staatfinanzen verbessern sowie die Bürokratie verringern. Unternehmen schätzen an Griechenland besonders die gut ausgebildeten Arbeitskräfte sowie das allgemein hohe Bildungsniveau. Quelle: dpa
Platz 46: PortugalBinnen eines Jahres ging es für Portugal im IMD-Ranking von Platz 41 runter auf 46. Jetzt soll die rezessionsgeplagte Konjunktur mit Steueranreizen aufgepeppelt werden. Bei Firmeninvestitionen von bis zu fünf Millionen Euro seien Steuererleichterungen von 20 Prozent möglich, sagte Finanzminister Vitor Gaspar. Die Investitionen in Portugal sind zwar binnen eines Jahres von 10,20 Milliarden Dollar auf 13,79 Milliarden gestiegen, das Bruttoinlandsprodukt schrumpft dennoch weiter. 2012 betrug der Rückgang noch 1,6 Prozent, 2013 waren es schon -3,2 Prozent. Dafür steht Portugal sowohl bei der technischen als auch der wissenschaftlichen Infrastruktur recht gut da. 71,9 Prozent der ausländischen Unternehmer nennen die portugiesische Infrastruktur den attraktivsten Grund, in das Land zu investieren. Weltspitze ist Portugal bei dem Verhältnis Schüler pro Lehrer und den Einwanderungsgesetzen. Auch bei den Ingenieuren belegt Portugal im Ranking Platz vier. Nur Arbeit gibt es für die Fachkräfte kaum, am wenigsten für junge Menschen (Platz 59 bei Jugendarbeitslosigkeit). Auch die Forschung und Förderung von Wissenschaft und Technik, Fortbildungen, Erwachsenenbildung, Börsengänge und der Export gehören zu Portugals Schwächen. Quelle: dpa
Platz 45: SpanienSpanien ist binnen eines Jahres von Platz 39 auf 45 abgestiegen. Im Jahr 2007 stand das Land noch auf Platz 26 der stärksten Volkswirtschaften. Ein deutsche Hilfsprogramm im Volumen von bis zu einer Milliarde Euro soll die angeschlagene spanische Wirtschaft wieder auf die Beine bringen. Derzeit kämpft Spanien besonders mit seiner hohen Arbeitslosenquote (Platz 60 von 60), den Staatsfinanzen (Platz 59) und seinen Verwaltungsverfahren (Platz 56). Auch bei der Langzeitarbeitslosigkeit, Kapitalkosten, Sprachkenntnissen, dem Bankensektor und der Förderung von jungen Unternehmen steht Spanien mehr als schlecht da. Allerdings ist auch auf der iberischen Halbinsel nicht alles schlecht. So ist beispielsweise der Warenexport Spaniens binnen eines Jahres um 1,7 Prozentpunkte gestiegen. Insgesamt schafft es Spanien in neun Wirtschaftsdisziplinen unter die weltweiten Top Ten: Bei den Zinssätzen belegt Spanien unter 60 Ländern Platz drei, bei der Wechselkursstabilität und den Unternehmenszusammenschlüssen und -übernahmen jeweils Platz sechs, beim Export von Dienstleistungen Platz acht. Sowohl bei den Direktinvestments in die Aktien heimischer Unternehmen als auch der durchschnittlichen Lebenserwartung und grünen Technologien schafft es Spanien auf Platz neun und bei der Bilanzsumme des Bankensektors sowie der Arbeitsproduktivität Platz zehn. Quelle: dapd
Platz 28: FrankreichFrankreich dagegen, das ebenfalls wirtschaftlich zu kämpfen hat, konnte sich um einen Platz verbessern. Von Rang 29 ging es hoch auf 28. Trotzdem muss Frankreich seinen Arbeitsmarkt reformieren, wenn es die Erwerbsquote steigern möchte. Weitere Probleme der Grande Nation sind der stetig zunehmende Brain Drain, also das Abwandern von Fachkräften, das stagnierende Wirtschaftswachstum, die geringe Zahl der Beschäftigten, Arbeitsbedingungen und Wochenarbeitsstunden sowie die Haltung gegenüber der Globalisierung. Zu Frankreichs wirtschaftlichen Stärken gehören dagegen die Vertriebsinfrastruktur (Platz eins von 60), die Energieinfrastruktur und die Gesundheitsausgaben (jeweils Platz zwei) sowie die Direktinvestments in Aktien heimischer Unternehmen, der Export von Dienstleistungen, Investments in ausländische Aktien, die Gesundheitsinfrastruktur und die Zahl der Breitbandnutzer (jeweils Platz vier von 60). Insgesamt schaffte es Frankreich in 40 Kategorien 20 mal unter die Top Ten der Welt. Quelle: dpa
Platz 17: IrlandIrland, dass sonst gerne in einem Atemzug mit Italien und Spanien genannt wird, überholt sogar Frankreich, was die wirtschaftliche stärke angeht. Binnen eines Jahres konnte sich die grüne Insel im IMD World Competitiveness-Ranking um drei Plätze verbessern. Das liegt besonders an den gestiegenen Investments, dem herrschenden Zinssatz, dem Wirtschaftswachstum und der Wechselkursstabilität. Auch bei grünen Technologien hat sich Irland laut der Studie seit 2012 verbessert. Zu den besonderen Stärken des rund 4,6 Millionen Einwohner starken Landes gehören Flexibilität und Anpassungsfähigkeit der Unternehmen sowie deren Haltung gegenüber der Globalisierung, die Telefontarife, Belohnungen und Anreize für Investoren, dementsprechend auch die Anzahl an ausländischen Investoren und die Vergabe öffentlicher Aufträge (jeweils Platz eins von 60.) Schlecht steht es allerdings auch in Irland um die Arbeitslosigkeit, insbesondere die Jugendarbeitslosigkeit, sowie das BIP pro Kopf bestellt. Quelle: dpa

Vier Jahrzehnte später ist dieser Umbruch in Südeuropa viel mehr als ein Anlass für Jubiläumsfeiern. Denn die tiefe Wirtschaftskrise der Südländer, die seit 2009 ganz Europa umtreibt, findet hier ihre Wurzeln. Die wirtschaftlichen und politischen Probleme der südeuropäischen Länder sind weitgehend aus der Erblast der Diktaturen zu erklären. Dass Griechen, Spanier und Portugiesen wenige Jahre später trotz ökonomischer Bedenken in Brüssel offene Türen fanden, war eine Prämie für den politischen Wandel – wirtschaftlich gesehen war es der Auftakt erst zu stürmischem Wachstum, auf dass am Ende die Krise folgte. Milliardenschwere Rettungspakete wie seit 2009 konnte sich niemand vorstellen, als Griechenland 1981, Spanien und Portugal fünf Jahre später der damals sogenannten Europäischen Gemeinschaft beitraten. Und als Peseta, Escudo und Drachme schließlich im Euro aufgingen, wurden die ererbten Strukturprobleme der Südeuropäer zum gesamteuropäischen Problem.

Falsch wäre es, die drei Staaten über einen Kamm zu scheren. In Athen, Madrid und Lissabon hat die Krise ein unterschiedliches Gesicht: Aber diese Unterschiede haben auch jedes Mal mit der spezifischen Erblast zu tun.

Griechenland: Krise des Staates

Bis heute nennen die Griechen die Ereignisse von 1974 die „metapolitefsi“, also die „politische Wende“. Doch in vielem war es kein Neubeginn. Alte Unsitten wie Korruption, Nepotismus, Schattenwirtschaft, Steuerbetrug und staatlicher Dirigismus trotzten den politischen Veränderungen.

Die Euro-Krise war in Griechenland vor allem eine Krise des Staates. Die Wurzeln des Übels reichen tief: Die Offiziersjunta hatte den Regierungsapparat erstens als Instrument des Terrors gegen Andersdenkende verstanden und zweitens als Mittel zur wirtschaftlichen Versorgung ihrer Gefolgsleute. Unter Karamanlis, der von 1974 an sechs Jahre Regierungschef war und dann noch einmal zehn Jahre Staatspräsident, gab es keinen Terror mehr, aber umso mehr Günstlingswirtschaft. In der Karamanlis-Partei namens Nea Dimokratia (ND) wurde man in der Regel nicht aktiv, um die neue Demokratie zu sichern, sondern das ganz persönliche Fortkommen. So ging es bis an die politische Spitze: Von 2004 bis 2009 stand ein gleichnamiger Neffe des großen Karamanlis an der Spitze von Partei und Regierung. Und wenn die ND bei Wahlen von der sozialistischen Opposition abgelöst wurde, ging es mit der Vetternwirtschaft in der Regel noch schlimmer weiter.

Konservative und Sozialisten, die das Land seit dem Ende der Militärdiktatur abwechselnd regierten, versorgten ihre Gefolgsleute mit Jobs in der öffentlichen Verwaltung und bei den Staatsbetrieben. Diese systematische Plünderung des Staates, verbunden mit immer höherer Schuldenlast, ist die eigentliche Ursache der heutigen griechischen Krise. Nach dem Ende der Diktatur wurden zwar rund 100.000 griechische Staatsdiener entlassen, denen man aktive Zusammenarbeit mit den Obristen nachweisen konnte. Doch die Chance, bei dieser Gelegenheit den aufgeblähten Staatsapparat zu verschlanken, blieb ungenutzt.

Reformen blieben in Griechenland von Anfang an stecken

Von wirklicher freier Marktwirtschaft hielt der alte Karamanlis nicht viel. 1975 ließ er die Commercial Bank of Greece, die dem Reeder Stratis Andreadis gehörte, ohne Entschädigung per Dekret verstaatlichen. Die Fluggesellschaft Olympic Airways übernahm der Staat 1975 von dem berühmten Tankerkönig Aristoteles Onassis. Die meisten in der Karamanlis-Ära enteigneten Firmen rutschten tief in die roten Zahlen und bescherten dem Staat Milliardenverluste. Schlimmer noch: Die Enteignungen schreckten lange Zeit ausländische Investoren ab, auf die Griechenland angewiesen war.

Ein knappes Jahr nach dem Sturz der Junta, im Juni 1975, stellte Griechenland einen Antrag auf Beitritt zur Europäischen Gemeinschaft. Die Brüsseler Kommission sprach sich zunächst dagegen aus, vor allem wegen der wirtschaftlichen Strukturschwächen. Politisch sah das aber anders aus: Der französische Staatspräsident Valéry Giscard d’Estaing und Bundeskanzler Helmut Schmidt setzten die Aufnahme der Griechen durch – mit dem Argument, es gelte, die junge griechische Demokratie durch die europäische Integration des Landes zu stabilisieren.

Griechenlands Schwächen

Nach dem Beitritt 1981 nahm die Gemeinschaft auf die griechischen Schwächen mit langen Übergangsfristen Rücksicht. Doch die meisten Reformen in der Wirtschaft und im Bankenwesen blieben schon im Ansatz stecken. Eine leistungsfähige Industrie entstand nie.

„Karamanlis gelang es nicht, Staat, Gesellschaft und politisches Leben zu modernisieren“, urteilt der griechisch-schweizerische Historiker Pavlos Tzermias. „Unkritische Selbstzufriedenheit“, wie er sie Karamanlis vorwirft, zeichnete seinen sozialistischen Gegenspieler Andreas Papandreou nicht minder aus, der als Regierungschef in den Achtziger- und Neunzigerjahren die Misere nur steigerte. Papandreou und sein Sohn Jorgos regierten insgesamt 13 Jahre das Land; heute droht ihrer Pasok-Partei ein Absturz nach dem Muster der deutschen FDP, während linksradikale und neonazistische Parteien scheinbar unaufhaltsam aufsteigen.

Die griechische Finanzkrise ist zur Staatskrise geworden.

Portugal: Schwache Realwirtschaft

Portugal leidet bis heute unter den 41 Jahren Diktatur unter den finsteren Herrschern Salazar und Caetano. Aber gleichzeitig leidet das Land auch an der Weise, wie diese Diktatur gestürzt wurde. Die sogenannte Nelkenrevolution brachte das Land damals hart an den Rand einer kommunistischen Machtübernahme. Zu der kam es zwar nach langen Wirren nicht, aber zum Aufbau eines vernünftigen marktwirtschaftlichen Ordnungsrahmens war Portugal nie in der Lage. Nur das ist von den linken Träumen der revolutionären Offiziere und Arbeiter von 1974 bis heute geblieben.

Weil das so ist, sind Portugals Unternehmen schwach und unproduktiv. Weil die Portugiesen nach wie vor arm sind, ist staatliche Reformpolitik nur schwer durchzusetzen.

Wissenswertes über Spanien

Die Diktatur hatte Portugal ruiniert, vor allem wegen der Kolonialkriege in Angola und Mosambik, die in manchen Jahren die Hälfte des Staatshaushaltes verschlangen. Jahrhundertelang hatte Portugal von seinen Kolonien in Afrika, Brasilien und Ostasien gelebt, vor Jahrhunderten glänzend und zuletzt immer schlechter. Industrie gab es kaum und darum auch kaum gut ausgebildete Industriearbeiter. Daran hat sich bis heute wenig geändert. Und auch wenn die Enteignungen in der radikalen Phase der Nelkenrevolution später rückgängig gemacht wurden, war Portugal in den ersten demokratischen Jahren ein weitgehend industriefreies Land.

Das schien sich in den Achtzigerjahren zu ändern, nicht zuletzt wegen des Beitritts zur Europäischen Gemeinschaft 1986. Als Billiglohnland schien Portugal für Textil- und Automobilhersteller ein idealer Standort zu sein. Doch damit war es 1989 vorbei, als die Mauer gefallen war. Internationale Konzerne zogen mit ihrer Produktion nach Osteuropa oder gleich nach Ostasien. Portugal mit seinen schlecht ausgebildeten und immer noch relativ teuren Arbeitskräften hatte das Nachsehen, eine eigene wettbewerbsfähige Industrie gab es nicht.

Spanien war voller guter Vorsätze

Gleichzeitig wuchs die Zahl der Staatsbediensteten und das Ausmaß der teuren Leistungen für die Beamten. Seit Einführung des Euro lag die Neuverschuldung in keinem Jahr unter der Schwelle von drei Prozent. Schulden und Zinsen stiegen – ein Teufelskreis, aus dem Portugal nur mithilfe von außen herauskam. 2011 beantragte das Land einen EU-Rettungskredit.

Spanien: Chaotische Finanzen

Das wichtigste Dokument der jungen spanischen Demokratie war der sogenannte Pakt von Moncloa. 1977 legten sich die wichtigen Parteien zusammen mit Unternehmern und die Gewerkschaften auf eine Reformagenda fest. Lohnsteigerungen sollten begrenzt werden, die Inflation bekämpft und die Steuerverwaltung modernisiert werden – alles gute Vorsätze.

In der Praxis aber ließen die Spanier die Chance zu wirksamen Reformen verstreichen. Unternehmer und Gewerkschaften sorgten dafür, dass Francos Institutionen überdauerten: ein ineffizientes Steuerwesen, ein Arbeitsrecht, das Kündigungen fast unmöglich machte, unzählige Vorschriften für die Energiewirtschaft, die Banken und die Industrie. All das hatte unter dem Diktator dazu gedient, die Untertanen gefügig und bei Laune zu halten. Jetzt verhinderte es die Modernisierung.

Die Lage Portugals

Und so sorgten die Spanier gleich in den ersten Jahren der Demokratie für die Verewigung von ökonomischen „Wundmalen, die zu späteren Krisen beitragen würden, speziell zur derzeitigen großen Rezession“, schreibt Francisco Comín, Wirtschaftshistoriker an der Universität von Alcalá. Die übelsten Wundmale brachen in der Finanzbranche auf, als die internationale Finanzkrise und die Euro-Krise mit der hausgemachten Krise des spanischen Immobilienmarktes zusammenfielen.

Viele Banken gingen nach der 1976 begonnenen Liberalisierung des spanischen Finanzsektors, wegen hoher Kreditausfälle und der Entwertung ihrer Industriebeteiligungen in den Konkurs. Die überlebenden Banken verkauften Industriebeteiligungen, konzentrierten sich auf das Privatkundengeschäft und auf Hypothekenkredite. Diese Spezialisierung auf die Bauwirtschaft bereitete den Boden für die spätere Bankenkrise.

So denkt Spanien über Europa
Im Internet waren die satirischen Landkarten des bulgarischen Designers Yanko Tsvetkov schon lange ein Renner. Er zeichnete jeweils den Blick verschiedener Gruppen oder Nationalitäten auf Europa und die Welt, in dem er die Namen der jeweiligen Länder durch Klischees ersetzte, die am häufigsten mit diesen Ländern assoziiert werden. Mittlerweile gibt es die Landkarten auch gebunden, als "Atlas der Vorurteile", erschienen im Knesebeck-Verlag. Auf 80 Seiten stellt der Designer dar, wie die verschiedenen Nationalitäten ihre Nachbarn wahrnehmen. Auch den Spaniern widmet Tsvetkov eine ganze Seite. Und die lassen kein Gutes Haar an ihren Nachbarn - nicht mal an den weiter entfernten. So stehen beispielsweise "verheiratete Priester" für Russland, Estland, Lettland und Litauen werden zum "Russischen Galizien" und Weißrussland zum "Russischen Franco". Ebenfalls wenig schmeichelhaft: Die Ukrainer sind aus Sicht der Spanier "Radioaktive Nannys". Quelle: Screenshot
Ähnlich charmant ist die spanische Sicht auf Rumänien: Wegen der vielen Alten- und Krankenpfleger, die von dort kommen und in anderen europäischen Ländern Arbeit suchen, ist Rumänien in der spanischen Europasicht schlicht das Land der Windelwechsler. Quelle: dpa
Sich selbst sehen die Spanier übrigens als "Café para todos" - also als Café oder beliebten Treffpunkt für alle anderen Europäer. Was ja auch nicht falsch ist. Quelle: dpa
Bei vielen Iren mag die spanische Einordnung als "Rotschöpfe" ja stimmen. Alle Briten unter "kotzende Touristen" zusammenzufassen, tut dagegen sicher sehr vielen Unrecht. Quelle: dpa
Die Türkei kommt mit "östliches Marokko" eigentlich noch recht gut weg. Quelle: Blumenbüro Holland/dpa/gms
Deutschland dagegen hat - Sparpolitik & Co. sei Dank - gar keinen guten Stand bei den Spaniern. Wegen der deutschen Rolle in der Euro-Krise wird Deutschland auf der Landkarte, die Spaniens Europasicht verdeutlichen soll, "Cruella de Merkel" genannt. Quelle: dpa
Schöne Strände, gute Küche und guten Wein haben die Spanier selbst. Was fällt ihnen darüber hinaus zu Italien ein? Auf der spanischen Seite im Atlas der Vorurteile steht statt Italien "Muttersöhnchen". Griechenland bekommt dagegen den Beinamen "schlechtes Olivenöl". Auch nicht nett. Quelle: AP

Höhepunkt der Euro-Krise in Spanien war dann der Zusammenbruch von Bankia im Mai 2012. Die Großbank war Ende 2010 aus der Fusion von sieben Sparkassen entstanden, die unter dem Einfluss von Regionalpolitikern unbekümmert Kredite an deren Freunde oder für unrentable Prestigeprojekte vergeben hatten. Der völlige Ruin konnte im Mai 2012 nur durch Verstaatlichung und einen EU-Rettungskredit für Spanien verhindert werden. „Der Zusammenbruch von Bankia“, schreibt der Wirtschaftshistoriker Jordi Maluquer, „verstärkte das schlechte Image der politischen Klasse aller ideologischen Richtungen.“

In Arbeit
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Die Bankia-Affäre ist ein Paradebeispiel für die ungesunde Vermischung von politischen und wirtschaftlichen Eliten, an der sich seit Francos Tod wenig geändert hat. Und diese Vermischung gehört in allen drei Ländern zum üblen Erbe der Diktaturen, zusammen mit einer altbackenen Links-rechts-Polarisierung der Parteien und entsprechender Konfrontation zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften. Da war es fast unmöglich, rechtzeitig Konsens über wichtige Reformen herzustellen.

Erst in der Krise, unter dem Druck der internationalen Geldgeber, begannen endlich jene Umwälzungen, die eigentlich schon vor 40 Jahren fällig waren. Die Regierungen in Athen, Madrid und Lissabon haben inzwischen protektionistische Wirtschaftsstrukturen aufgebrochen, Arbeitsmärkte liberalisiert, Finanzsysteme reformiert und Bürokratien entschlackt.

Überall ist die Krise auch zur Chance geworden, die vor einem Menschenalter versäumten Reformen nachzuholen.

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