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Diktatorische Vergangenheit Das schwere Erbe der Südeuropäer

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Reformen blieben in Griechenland von Anfang an stecken

Von wirklicher freier Marktwirtschaft hielt der alte Karamanlis nicht viel. 1975 ließ er die Commercial Bank of Greece, die dem Reeder Stratis Andreadis gehörte, ohne Entschädigung per Dekret verstaatlichen. Die Fluggesellschaft Olympic Airways übernahm der Staat 1975 von dem berühmten Tankerkönig Aristoteles Onassis. Die meisten in der Karamanlis-Ära enteigneten Firmen rutschten tief in die roten Zahlen und bescherten dem Staat Milliardenverluste. Schlimmer noch: Die Enteignungen schreckten lange Zeit ausländische Investoren ab, auf die Griechenland angewiesen war.

Ein knappes Jahr nach dem Sturz der Junta, im Juni 1975, stellte Griechenland einen Antrag auf Beitritt zur Europäischen Gemeinschaft. Die Brüsseler Kommission sprach sich zunächst dagegen aus, vor allem wegen der wirtschaftlichen Strukturschwächen. Politisch sah das aber anders aus: Der französische Staatspräsident Valéry Giscard d’Estaing und Bundeskanzler Helmut Schmidt setzten die Aufnahme der Griechen durch – mit dem Argument, es gelte, die junge griechische Demokratie durch die europäische Integration des Landes zu stabilisieren.

Griechenlands Schwächen

Nach dem Beitritt 1981 nahm die Gemeinschaft auf die griechischen Schwächen mit langen Übergangsfristen Rücksicht. Doch die meisten Reformen in der Wirtschaft und im Bankenwesen blieben schon im Ansatz stecken. Eine leistungsfähige Industrie entstand nie.

„Karamanlis gelang es nicht, Staat, Gesellschaft und politisches Leben zu modernisieren“, urteilt der griechisch-schweizerische Historiker Pavlos Tzermias. „Unkritische Selbstzufriedenheit“, wie er sie Karamanlis vorwirft, zeichnete seinen sozialistischen Gegenspieler Andreas Papandreou nicht minder aus, der als Regierungschef in den Achtziger- und Neunzigerjahren die Misere nur steigerte. Papandreou und sein Sohn Jorgos regierten insgesamt 13 Jahre das Land; heute droht ihrer Pasok-Partei ein Absturz nach dem Muster der deutschen FDP, während linksradikale und neonazistische Parteien scheinbar unaufhaltsam aufsteigen.

Die griechische Finanzkrise ist zur Staatskrise geworden.

Portugal: Schwache Realwirtschaft

Portugal leidet bis heute unter den 41 Jahren Diktatur unter den finsteren Herrschern Salazar und Caetano. Aber gleichzeitig leidet das Land auch an der Weise, wie diese Diktatur gestürzt wurde. Die sogenannte Nelkenrevolution brachte das Land damals hart an den Rand einer kommunistischen Machtübernahme. Zu der kam es zwar nach langen Wirren nicht, aber zum Aufbau eines vernünftigen marktwirtschaftlichen Ordnungsrahmens war Portugal nie in der Lage. Nur das ist von den linken Träumen der revolutionären Offiziere und Arbeiter von 1974 bis heute geblieben.

Weil das so ist, sind Portugals Unternehmen schwach und unproduktiv. Weil die Portugiesen nach wie vor arm sind, ist staatliche Reformpolitik nur schwer durchzusetzen.

Wissenswertes über Spanien

Die Diktatur hatte Portugal ruiniert, vor allem wegen der Kolonialkriege in Angola und Mosambik, die in manchen Jahren die Hälfte des Staatshaushaltes verschlangen. Jahrhundertelang hatte Portugal von seinen Kolonien in Afrika, Brasilien und Ostasien gelebt, vor Jahrhunderten glänzend und zuletzt immer schlechter. Industrie gab es kaum und darum auch kaum gut ausgebildete Industriearbeiter. Daran hat sich bis heute wenig geändert. Und auch wenn die Enteignungen in der radikalen Phase der Nelkenrevolution später rückgängig gemacht wurden, war Portugal in den ersten demokratischen Jahren ein weitgehend industriefreies Land.

Das schien sich in den Achtzigerjahren zu ändern, nicht zuletzt wegen des Beitritts zur Europäischen Gemeinschaft 1986. Als Billiglohnland schien Portugal für Textil- und Automobilhersteller ein idealer Standort zu sein. Doch damit war es 1989 vorbei, als die Mauer gefallen war. Internationale Konzerne zogen mit ihrer Produktion nach Osteuropa oder gleich nach Ostasien. Portugal mit seinen schlecht ausgebildeten und immer noch relativ teuren Arbeitskräften hatte das Nachsehen, eine eigene wettbewerbsfähige Industrie gab es nicht.

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