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Diktatorische Vergangenheit Das schwere Erbe der Südeuropäer

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Spanien war voller guter Vorsätze

Gleichzeitig wuchs die Zahl der Staatsbediensteten und das Ausmaß der teuren Leistungen für die Beamten. Seit Einführung des Euro lag die Neuverschuldung in keinem Jahr unter der Schwelle von drei Prozent. Schulden und Zinsen stiegen – ein Teufelskreis, aus dem Portugal nur mithilfe von außen herauskam. 2011 beantragte das Land einen EU-Rettungskredit.

Spanien: Chaotische Finanzen

Das wichtigste Dokument der jungen spanischen Demokratie war der sogenannte Pakt von Moncloa. 1977 legten sich die wichtigen Parteien zusammen mit Unternehmern und die Gewerkschaften auf eine Reformagenda fest. Lohnsteigerungen sollten begrenzt werden, die Inflation bekämpft und die Steuerverwaltung modernisiert werden – alles gute Vorsätze.

In der Praxis aber ließen die Spanier die Chance zu wirksamen Reformen verstreichen. Unternehmer und Gewerkschaften sorgten dafür, dass Francos Institutionen überdauerten: ein ineffizientes Steuerwesen, ein Arbeitsrecht, das Kündigungen fast unmöglich machte, unzählige Vorschriften für die Energiewirtschaft, die Banken und die Industrie. All das hatte unter dem Diktator dazu gedient, die Untertanen gefügig und bei Laune zu halten. Jetzt verhinderte es die Modernisierung.

Die Lage Portugals

Und so sorgten die Spanier gleich in den ersten Jahren der Demokratie für die Verewigung von ökonomischen „Wundmalen, die zu späteren Krisen beitragen würden, speziell zur derzeitigen großen Rezession“, schreibt Francisco Comín, Wirtschaftshistoriker an der Universität von Alcalá. Die übelsten Wundmale brachen in der Finanzbranche auf, als die internationale Finanzkrise und die Euro-Krise mit der hausgemachten Krise des spanischen Immobilienmarktes zusammenfielen.

Viele Banken gingen nach der 1976 begonnenen Liberalisierung des spanischen Finanzsektors, wegen hoher Kreditausfälle und der Entwertung ihrer Industriebeteiligungen in den Konkurs. Die überlebenden Banken verkauften Industriebeteiligungen, konzentrierten sich auf das Privatkundengeschäft und auf Hypothekenkredite. Diese Spezialisierung auf die Bauwirtschaft bereitete den Boden für die spätere Bankenkrise.

So denkt Spanien über Europa
Im Internet waren die satirischen Landkarten des bulgarischen Designers Yanko Tsvetkov schon lange ein Renner. Er zeichnete jeweils den Blick verschiedener Gruppen oder Nationalitäten auf Europa und die Welt, in dem er die Namen der jeweiligen Länder durch Klischees ersetzte, die am häufigsten mit diesen Ländern assoziiert werden. Mittlerweile gibt es die Landkarten auch gebunden, als "Atlas der Vorurteile", erschienen im Knesebeck-Verlag. Auf 80 Seiten stellt der Designer dar, wie die verschiedenen Nationalitäten ihre Nachbarn wahrnehmen. Auch den Spaniern widmet Tsvetkov eine ganze Seite. Und die lassen kein Gutes Haar an ihren Nachbarn - nicht mal an den weiter entfernten. So stehen beispielsweise "verheiratete Priester" für Russland, Estland, Lettland und Litauen werden zum "Russischen Galizien" und Weißrussland zum "Russischen Franco". Ebenfalls wenig schmeichelhaft: Die Ukrainer sind aus Sicht der Spanier "Radioaktive Nannys". Quelle: Screenshot
Ähnlich charmant ist die spanische Sicht auf Rumänien: Wegen der vielen Alten- und Krankenpfleger, die von dort kommen und in anderen europäischen Ländern Arbeit suchen, ist Rumänien in der spanischen Europasicht schlicht das Land der Windelwechsler. Quelle: dpa
Sich selbst sehen die Spanier übrigens als "Café para todos" - also als Café oder beliebten Treffpunkt für alle anderen Europäer. Was ja auch nicht falsch ist. Quelle: dpa
Bei vielen Iren mag die spanische Einordnung als "Rotschöpfe" ja stimmen. Alle Briten unter "kotzende Touristen" zusammenzufassen, tut dagegen sicher sehr vielen Unrecht. Quelle: dpa
Die Türkei kommt mit "östliches Marokko" eigentlich noch recht gut weg. Quelle: Blumenbüro Holland/dpa/gms
Deutschland dagegen hat - Sparpolitik & Co. sei Dank - gar keinen guten Stand bei den Spaniern. Wegen der deutschen Rolle in der Euro-Krise wird Deutschland auf der Landkarte, die Spaniens Europasicht verdeutlichen soll, "Cruella de Merkel" genannt. Quelle: dpa
Schöne Strände, gute Küche und guten Wein haben die Spanier selbst. Was fällt ihnen darüber hinaus zu Italien ein? Auf der spanischen Seite im Atlas der Vorurteile steht statt Italien "Muttersöhnchen". Griechenland bekommt dagegen den Beinamen "schlechtes Olivenöl". Auch nicht nett. Quelle: AP

Höhepunkt der Euro-Krise in Spanien war dann der Zusammenbruch von Bankia im Mai 2012. Die Großbank war Ende 2010 aus der Fusion von sieben Sparkassen entstanden, die unter dem Einfluss von Regionalpolitikern unbekümmert Kredite an deren Freunde oder für unrentable Prestigeprojekte vergeben hatten. Der völlige Ruin konnte im Mai 2012 nur durch Verstaatlichung und einen EU-Rettungskredit für Spanien verhindert werden. „Der Zusammenbruch von Bankia“, schreibt der Wirtschaftshistoriker Jordi Maluquer, „verstärkte das schlechte Image der politischen Klasse aller ideologischen Richtungen.“

In Arbeit
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Die Bankia-Affäre ist ein Paradebeispiel für die ungesunde Vermischung von politischen und wirtschaftlichen Eliten, an der sich seit Francos Tod wenig geändert hat. Und diese Vermischung gehört in allen drei Ländern zum üblen Erbe der Diktaturen, zusammen mit einer altbackenen Links-rechts-Polarisierung der Parteien und entsprechender Konfrontation zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften. Da war es fast unmöglich, rechtzeitig Konsens über wichtige Reformen herzustellen.

Erst in der Krise, unter dem Druck der internationalen Geldgeber, begannen endlich jene Umwälzungen, die eigentlich schon vor 40 Jahren fällig waren. Die Regierungen in Athen, Madrid und Lissabon haben inzwischen protektionistische Wirtschaftsstrukturen aufgebrochen, Arbeitsmärkte liberalisiert, Finanzsysteme reformiert und Bürokratien entschlackt.

Überall ist die Krise auch zur Chance geworden, die vor einem Menschenalter versäumten Reformen nachzuholen.

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