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Duales System Darum gönnt sich nur Deutschland eine PKV

Private und Gesetzliche Krankenversicherungen: Warum fällt ausgerechnet Deutschland aus der Reihe? Quelle: imago images

In Europa leistet sich nur Deutschland das komplizierte Nebeneinander von gesetzlicher und privater Krankenversicherung. Die Niederlande hingegen haben ihr duales System abgeschafft – und ein Erfolgsmodell aufgebaut.

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Gesetzlich Versicherte könnten Milliarden Euro sparen, wenn die private Krankenversicherung abgeschafft würde – mit diesem Befund sorgte unlängst eine Studie im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung für Furore. Die Idee dahinter: Privatversicherte sind gesünder und verdienen besser als gesetzlich Versicherte. Würden sie mit in eine Gemeinschaftsversicherung einzahlen, käme das allen zugute.

Erwartungsgemäß protestierte der Interessenverband der PKV gegen die Ergebnisse. Die Rechnung hinke und überhaupt sei das hohe Niveau der Gesundheitsversorgung in Deutschland nur dank der PKV überhaupt möglich.

Zwar verdienen Ärzte, je nach Behandlung, tatsächlich mehr an Privatversicherten. Fakt ist jedoch auch: Kein anderes Land in Europa leistet sich ein duales System. Trotzdem ist die Gesundheitsversorgung im Rest Europas keineswegs rückständig, ganz im Gegenteil.

Die skandinavischen Länder etwa erhalten mit großer Regelmäßigkeit Top-Noten, wenn es um ihre Gesundheitssysteme geht. Diese folgen dem sogenannten Beveridge-Modell, werden also über Steuern finanziert. Doch auch beitragsfinanzierte Systeme wie das deutsche – „Bismarck-Modell“ genannt – schneiden sehr gut ab, etwa das österreichische oder das niederländische.

Warum aber fällt ausgerechnet Deutschland, das Geburtsland des Bismarck-Modells, aus der Reihe?

Als Bismarck 1884 die Krankenversicherung für Arbeiter einführte, ähnelte sie in Grundzügen schon dem, was wir heute darunter verstehen: Es gab Arbeitnehmer- und Arbeitgeberbeiträge, Krankengeld und die Übernahme von Behandlungskosten und Medikamenten.

Schon damals fanden sich jedoch einzelne Gruppen zusammen und gründeten eigene, private Krankenkassen, weil sie von der damaligen GKV, die ja für niedrigverdienende angestellte Arbeiter gedacht war, nicht abgedeckt wurden. Der erste Vorläufer der PKV wurde bereits 1848 von einer Gruppe gegründet, die auch heute einen bedeutenden Teil der PKV-Versicherten ausmachen: Beamte.

Auch in anderen europäischen Ländern deckte die Krankenversicherung zunächst nur einen Teil der Bevölkerung ab, bevor sie immer mehr ausgeweitet wurde. Am Ende schafften es die gesetzlichen Systeme aber, alle Gruppen zu integrieren, ohne dass sich Parallelstrukturen entwickelten – mit einer Ausnahme: Die Niederlande verfügten ebenfalls lange über ein duales System.

In groben Zügen erinnerte das damalige System an das deutsche, was auch daran liegt, dass seine Grundzüge aus der Besatzungszeit im Zweiten Weltkrieg stammen. Schon in den Sechzigerjahren entwickelte sich in den Niederlanden jedoch die Idee, alle Bürger gleichermaßen in eine Pflichtversicherung einzahlen zu lassen. Diese wurde 1967 eingeführt, jedoch nur für besondere Krankheitskosten wie die Pflege.

2006 folgte dann der komplette Systemwechsel: Die Niederlande führten eine allgemeine Versicherungspflicht für die gesamte Bevölkerung ein und vereinheitlichten gleichzeitig den Versicherungsmarkt. Zwar gibt es nach wie vor unterschiedlichste Anbieter. Die unterliegen jedoch alle denselben staatlichen Vorgaben. Sie sind für die Basisversicherung stark standardisiert, darüber hinaus können die Versicherungen jedoch zusätzliche Leistungen anbieten, die freilich zusätzlich kosten.

Das Interessante ist, dass in den Niederlanden nicht alle privaten Kassen vergemeinschaftet wurden, sondern ganz im Gegenteil alle Kassen auf privatwirtschaftlicher Basis miteinander konkurrieren. Das soll die Qualität sichern und die Kosten senken.

Tatsächlich liegen die Kosten für das niederländische Gesundheitssystem mit knapp zehn Prozent des Bruttoinlandsproduktes unter denen Deutschlands (11,5 Prozent). Dennoch haben die Niederlande seit der Reform fast jedes Jahr den Euro Health Consumer Index gewonnen, der die Zufriedenheit der Bevölkerung mit dem eigenen Gesundheitssystem misst.

Seit die erfolgreichen Nachbarn sich vom dualen System abgewandt haben, ist Deutschland also das einzige Land in Europa, das auf das Nebeneinander von privater und gesetzlicher Krankenversicherung baut.

Weltweit gibt es indes noch einen anderen großen Industriestaat mit dualem System. Mit dem sähen sich die meisten Deutschen indes wohl eher ungern verglichen, was das Gesundheitssystem angeht: Es handelt sich um die USA.

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