WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen
Engelmanns Eigenhandel

Sozialistische Träume

Die bevorstehende Präsidentschaftswahl der Grande Nation wirft auch an den Bondmärkten ihren Schatten voraus. Favorit Francois Hollande plädiert für eine noch aktivere Rolle der Europäischen Zentralbank (EZB) bei der Bewältigung der Staatsschuldenkrise und gilt als Freund von Euro-Bonds und einem noch größeren europäischen Rettungsmechanismus. Doch mit einigen seiner Forderungen wird er, meint unser Kolumnist, bei Angela Merkel auf Granit beißen. Auf Schulfranzösisch: Aus "Chere Angie" könnte sehr schnell wieder die "Madame Non" werden.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Präsidentschaftskandidat Francois Hollande Quelle: dapd

Noch heute steht es als stummer Zeuge eines gescheiterten Vorhabens im heimischen Bücherregal: das Französisch-Lehrbuch "Etudes Françaises Cours Intensif". Von der ersten Stunde des Französisch-Grundkurses an ahnte ich, dass ich zukünftig wohl nur wenig zum eigentlich doch so wichtigen Erhalt der deutsch-französischen Freundschaft würde beitragen können. Beide, die Sprache genauso wie die Art ihrer Vermittlung, stellten meine Geduld von Anfang an auf eine harte Probe.

Wenn ich allein an Monique zurückdenke: Ständig klingelte in den ersten Lektionen jenes Kurses das Telefon und stets war es die einem den letzten Nerv raubende Monique, die anrief. "Le telephone sonne. Qui est-ce? C'est Monique!" Na klar, wer auch sonst? Und was wollte Monique? Meist nur mal kurz "Bonjour" sagen und fragen, wie's so geht. "Ca va?" "Ja, ja, ca va bien! Und tschüs." Gewiss: Auch die ersten Lektionen des Lateinkurses gestalteten sich nicht unbedingt intelligenter - wankte dort doch ständig ein gewisser "Marcus" in den Garten, um auf irgendeiner Schindmähre zu reiten. Und trotzdem hatte nur Monique das Potential, mich zur Weißglut zu bringen. Ähnlich auf die Palme brachten mich nur noch die französische Rechtschreibung und Grammatik.

Vergeblicher Kampf

Wozu beispielsweise der "accent grave" gut sein soll, hat sich mir bis zum heutigen Tage ebenso wenig erschlossen wie die Verwendung des "accent aigu". Kritzelt man beide diakritischen Zeichen gleichzeitig über einen einzelnen Buchstaben, hat der nicht nur ein Dach über dem Kopf, sondern zugleich auch einen "accent circonflexe". Auch die Konjugation französischer Verben trieb mich schier in den Wahnsinn. Allein das Konditional 1 dürfte mich Jahre meines Lebens gekostet haben: J'attendrais, tu attendrais, il attendrait, nous attendrions, vous attendriez, ils attendraient. Aber bitte auch die Sonderformen nicht vergessen: Je serais, j'aurais, je voudrais, il faudrait, je ferais, je saurais, je pourrais und vaudrait. Und bei allem bitte immer schön auf Folgendes achten: "Nach Erlass des französischen Kultusministeriums aus dem Jahre 1977 kann dem lautsprachlichen 'e' sowohl ein 'e mit accent aigu' oder ein 'e mit accent grave' in der Schrift entsprechen." Aha! Das macht Sinn.

Von all den vielen Stunden des vergeblichen Kampfes, die französische Sprache zu erlernen, ist mir am Ende nur ein einziger Satz in Erinnerung geblieben. Den sprach die Lehrerin zu Beginn jeder Stunde und er steht noch heute symbolisch für die durchlittenen Qualen: "Laissez tous fermez, on veut repeter un peu le vocabulaire!"

Tradition der Freundschaft

Was die Franzosen mit Deutschland verbinden
Was die Franzosen mit Deutschland verbindenDie Deutsche Botschaft in Paris hat im vergangenen Jahr das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage vorgestellt. Die Frage lautete: Welches Bild haben die Franzosen von den Deutschen und umgekehrt? Fest steht: Es ist eine lange Geschichte der Anerkennung, aber auch der Anfeindung. Ein kurzer Überblick, über die Begriffe, mit denen die Franzosen uns Deutsche identifizieren. Quelle: dpa
Abgeschlagen auf den hinteren Plätzen landeten Begriffe wie „Hitler“, „Nazis“ und „Krieg“. Die Autoren der Studie schlussfolgern daraus: Germanophobie gibt es in Frankreich kaum noch. Gerade die jüngeren Franzosen denken mit Blick auf die vergangenen Jahrzehnte eher an den Fall der Mauer, als an Deutschlands Rolle unmittelbar vor und während des Zweiten Weltkrieges. Quelle: AP
Die Franzosen reden bei Deutschland von "Respekt" (33 Prozent); die Deutschen eher von "Sympathie" (65 Prozent). Die Frage, ob Deutschland ein Verbündeter oder gar ein Freund ist, haben die Franzosen in der Vergangenheit auch mal giftig beantwortet. Der französische Schriftsteller Francois Mauriac sagte einst: "Ich liebe so sehr Deutschland, dass ich mich freue, dass es gleich zwei davon gibt". Er meinte die Bundesrepublik und die DDR. Nun wählen die Franzosen den Begriff "Partnerschaft", um ihre Beziehung zu Deutschland zu beschreiben. Daran soll sich auch künftig nichts ändern - laut der Umfrage der Deutschen Botschaft in Paris schätzen 45 Prozent der Befragten Deutschland als privilegierten Partner. Anders sehen das die Deutschen: 72 Prozent wollen Frankreich als ein Land wie jeden anderen Partnerstaat sehen. Quelle: dpa
Die Würstchen oder das Sauerkraut nannten zwölf Prozent der Befragten als was typisch Deutsches. Man muss davon ausgehen, dass die deftige Küche als Beispiel deutscher Kochkünste herhalten muss. Quelle: dpa
Das deutsche Auto genießt bei den Franzosen ein hohes Ansehen. 18 Prozent der Befragten gaben das an erster Stelle an - genauso viele, die "Strenge" nannten. Gerade in Wirtschaftsangelegenheiten dient Deutschland aus französischer Sicht als Vorbild: 63 Prozent der Befragten gaben an, dass sich Frankreich stärker am deutschen Modell ausrichten sollte. Entsprechend hoch ist auch der Wille, dass die künftige Kooperation mit deutschen Unternehmen verstärkt werden sollte - 38 Prozent der Franzosen vertraten diese Meinung. Quelle: dpa
Die deutschen Rheinnachbarn werden auch stark mit ihrem Bier assoziiert: 23 Prozent der Befragten nannte als erst das deutsche Getränk par excellence. Quelle: AP
Gefragt nach einem spontanen Gedanken zu Deutschland, wurde der Nachname der deutschen Bundeskanzlerin bei der Umfrage der Deutschen Botschaft am meisten genannt. 29 Prozent der Befragten gaben " Merkel" an. Nicht nur für die Franzosen verkörpert die Bundeskanzlerin die Werte Fleiß, Disziplin und Rechtschaffenheit. Dass Merkel in Paris einen hohen Stellenwert genießt, zeigte sich schon im Sommer 2011. Eine breite Mehrheit der Franzosen hatte in einer Umfrage der französischen Zeitung "Le Parisien" erklärt, sie trauen der Deutschen eher als dem damaligen französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy zu, die Schuldenkrise zu lösen. Mit dem sozialistischen Präsidenten Francoise Hollande dürfte die Zahl nicht kleiner geworden sein. Quelle: REUTERS

Wenn man selber also schon nicht zur Völkerverständigung beitragen kann, weil man unfähig ist, die sprachlichen Hürden zu überwinden, wie gut ist es da zu wissen, dass zumindest für die Politiker Frankreichs und Deutschlands die Sprachbarrieren aufgehoben sind. Dolmetscher sorgen seit jeher für Verständigung. Und Männern wie Charles de Gaulle und Konrad Adenauer ist es zu danken, dass aus beiden Ländern, die sich über lange Zeit feindlich gegenüberstanden und verheerende Kriege ausfochten, gute Nachbarn in Europa wurden. Mit ihrer persönlichen Freundschaft und ihrem Willen, die deutsch-französischen Beziehungen ein für allemal auf ein anderes, friedliches Gleis zu setzen, begründeten De Gaulle und Adenauer eine Tradition, der später weitere französische Staatspräsidenten und deutsche Kanzler folgen sollten. Ob Valery Giscard d'Estaing und Helmut Schmidt, ob Francois Mitterand und Helmut Kohl: Sie alle legten - obwohl sogar aus politisch unterschiedlichen Lagern - größten Wert auf ein enges Verhältnis zwischen beiden Ländern. Und Angela Merkel und Nicolas Sarkozy scheinen über der Lösung der europäischen Staatsschuldenkrise gar so eng zusammengewachsen zu sein, dass ein sprachtalentierter Journalist zur Beschreibung jener Symbiose bereits den Begriff 'Merkozy' prägte.

Absolute Mehrheit für Hollande

Doch schon bald dürfte die deutsche Kanzlerin auf die Gesellschaft ihres charmanten französischen Kollegen verzichten müssen. Am 22. April sind die Franzosen aufgerufen, einen neuen Staatspräsidenten zu wählen. Glaubt man aktuellen Umfragen, so scheinen die Chancen von Präsident Sarkozy, weiterhin im Elysee Hof halten zu können, nicht besonders groß zu sein. Sarkozys größter Konkurrent im Kampf um das höchste Amt im Staate ist der Sozialist Francois Hollande, ein Mann, der überhaupt erst durch merkwürdige Vorkommnisse in einer New Yorker Hotelsuite zum Kandidaten seiner Partei wurde und der in seiner ganzen politischen Laufbahn noch kein wichtiges Regierungsamt bekleidet hat. Dass Hollande seine Führungsqualitäten bislang einzig als Bürgermeister von Tulle, einer 15.396 Einwohner zählenden Stadt im zentralfranzösischen Departements Correze, unter Beweis stellen konnte, stört die Franzosen indes wenig. Neuesten Umfragen zu Folge äußern sich 52 Prozent aller Befragten positiv über Hollande - Sarkozy erreicht nur 34 Prozent Zustimmung.

Sozialistischer Programmeintopf

Wer ist nun also dieser Francois Hollande? Für welche Politik steht er? Auf der Agenda des Sozialisten Hollande stehen vier Punkte oben an: Bildung, Jugend, Steuergerechtigkeit und Verbesserung des Wachstums durch Investitionen. Aber auch eine Verringerung des Staatsdefizits, die Wiedereinführung der "Rente mit 60" für einige Berufsgruppen, das Schließen von Steuerschlupflöchern für Reiche, die Einführung einer Finanztransaktionssteuer für Geschäfte in Aktien, Renten und Derivaten sowie der schrittweise Rückzug aus der Kernenergie gehören zu den Zielen, die Hollande und seine Sozialisten in ihrem Wahlkampf-Manifest zu Papier gebracht haben. Gewürzt wird der sozialistische Programmeintopf durch ein paar Spritzer Globalisierungskritik - das kann nie schaden. Hollandes populistische Forderung, alle Einkommen oberhalb einer Million Euro im Falle einer Regierungsübernahme mit 75 Prozent besteuern zu wollen, hat sicher schon einigen französischen Spitzenverdiener das Blut in den Adern gefrieren lassen. Doch auch, wer im Jahr deutlich weniger verdient als eine Million Euro - und das dürften 99,99 Prozent aller Franzosen sein -, kann sich auf höhere Steuern unter einer Regierung Holland einstellen.

Grande Nation ohne Spitzenrating

Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy Quelle: dapd

Denn selbst wenn Hollande als Sozialist gerne das Füllhorn staatlicher Leistungen und Wohltaten über den Bürgern ausschütten würde, kann auch er die wirtschaftliche Realität nicht ignorieren: Frankreich muss sparen und seinen Haushalt ebenso konsolidieren wie viele andere Staaten der Euro-Zone. Dass die Ratingagentur Standard & Poors der Grande Nation kürzlich das Spitzenrating AAA aberkannte, muss auch Hollande als Warnung begreifen. Weicht er nach einem Wahlsieg vom Pfad der Haushaltskonsolidierung ab, drohen weitere Herabstufungen der Kreditwürdigkeit und damit erhöhte Finanzierungskosten für das staatliche Defizit. Der Spielraum, sozialistische Träume zu verwirklichen, ist eng und so wird Hollande im Falle eines Wahlsieges den ein oder anderen Punkt des sozialistischen Programms streichen oder auf später verschieben müssen. Vor weiteren Einschränkungen staatlicher Leistungen dürfte er allerdings zurückschrecken - solche sind gerade unter Linken stets unpopulär. So werden Steuererhöhungen auf breiter Front die einzige Lösung bleiben, den Staatshaushalt im Lot zu halten.

Freund von Euro-Bonds

Ob Francois Hollande und Angela Merkel genau so dicke Freunde werden, wie Nicolas Sarkozy und die Bundeskanzlerin, dürfte sich im Falle einer Wahl des Sozialisten relativ schnell entscheiden. Schon jetzt hat Hollande angekündigt, den von Frau Merkel für so überaus wichtig erachteten Fiskalpakt überarbeiten zu wollen. Gerne möchte Hollande Klauseln in den Pakt aufnehmen lassen, die den Regierungen größeren Spielraum für Konjunkturprogramme lassen. Auch kann er sich eine (noch) aktivere Rolle der Europäischen Zentralbank (EZB) bei der Bewältigung der Staatsschuldenkrise vorstellen. Hollande ist auch ein Freund von Euro-Bonds und einem noch größeren europäischen Rettungsmechanismus. Könnte sich die Kanzlerin mit erweiterten Finanzspielräumen zur Förderung der Wirtschaft vielleicht noch anfreunden, dürfte der Franzose mit seinen anderen Forderungen bei ihr auf Granit beißen. Aus der "Chere Angie" könnte so sehr schnell wieder die "Madame Non" werden. Wenn man der Bundeskanzlerin eines bescheinigen kann, dann ein untrügliches Gespür für Stimmungen. Und die Stimmung hierzulande scheint mehr und mehr gegen immer größere Rettungsschirme und eine Vergemeinschaftung aller Staatsschulden in Europa gerichtet zu sein.

In Arbeit
Bitte entschuldigen Sie. Dieses Element gibt es nicht mehr.

Ungeliebte „Dicke Bertha“

Auch dass Mario Draghi bereits zum zweiten Mal die "Dicke Bertha" abgefeuert hat, erschreckt die Deutschen mehr als dass es zu ihrer Beruhigung beiträgt. Die Kritik an der überaus großzügigen Geldpolitik der EZB, die auch von der Deutschen Bundesbank in Person ihres Präsidenten Jens Weidmann wiederholt geäußert wurde, verstärkt sich. Dass aus "Merkozy" also schnell ein "Hollerkel" wird, scheint mehr als fraglich. Man darf gespannt sein, inwieweit sich solche Meinungsunterschiede auf das gemeinsame Ziel, die Staatsschuldenkrise in den Griff zu bekommen und das Experiment Euro zum Erfolg zu führen, auswirken werden. Vielleicht schafft Nicolas Sarkozy im Endspurt des Wahlkampfs ja noch einen Turnaround und er und Angela Merkel können - mindestens bis zur Bundestagswahl im kommenden Jahr - weiterhin als Traumpaar der Politik die Geschicke Europas lenken. Das ist allerdings ungefähr so wahrscheinlich wie dass sich Monique nicht mehr länger nach dem Befinden deutscher Gymnasiasten erkundigt. Le telephone sonne! Qui est-ce? C'est Monique! "Ca va?" "Ca va bien!"

Hinweis: Herr Engelmann ist Mitarbeiter der Citigroup in Deutschland. Der von ihm verfasste Text gibt allein seine persönliche Meinung wieder und ist keine Analyse, Beratung oder Empfehlung der Citigroup.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%