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Entgrenzung ist Programm geworden Wir sollten lernen, Grenzen zu akzeptieren

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Ein Fall von kollektiver Hybris?

Die Grenzen des Machbaren weiter zu ignorieren wird zunehmend verantwortungslos: Keines der 43 „sehr hoch entwickelten“ Länder wirtschaftet nach Berechnung des „Denkwerk Zukunft“ innerhalb der Tragfähigkeitsgrenzen der Erde. Das heißt, diese Länder verbrauchen Ressourcen schneller, als die Erde diese regenerieren kann, und stoßen mehr Schadstoffe aus, als in der Luft, im Boden und im Wasser abgebaut werden können. Sie leben also über ihre Verhältnisse und beeinträchtigen damit nicht nur ihre eigenen Lebensgrundlagen, sondern auch die anderer Völker und künftiger Generationen. Dass das nicht einfach immer so weitergehen kann, wird bei jedem Spaziergang am Ortsrand sinnlich erfahrbar: 73 Hektar Land (also rund 100 Fußballfelder) werden in Deutschland täglich für Siedlungen oder Straßen freigegeben – in einem Land, dessen Bevölkerung selbst bei starker Zuwanderung kaum wächst.  

Unübersehbar ist aber auch die Rückkehr der politischen Grenzen und Begrenztheiten in jüngster Zeit geworden. Man kann bedauern, aber nicht ignorieren, dass der Traum eines Europas, in dem die Nationalstaaten ganz und gar aufgehen und Grenzen bedeutungslos werden, wohl bis auf weiteres ein Traum bleibt. Auch wenn der Euro mit großen Anstrengungen am Leben erhalten und keine neuen Schlagbäume an den Landesgrenzen aufgestellt werden, sind die Grenzen der Integrierbarkeit in Europa doch unübersehbar. Die Eurokrise hat nie verschwundene Unterschiede zwischen den verschiedenen Wirtschaftskulturen offenbart, die mit gemeinsamer Währung und Binnenmarkt nur übertüncht worden waren. Dass griechische Beamte und Steuerzahler durch EU-Verordnungen und Troika-Besuche nicht zu schwäbischen Hausfrauen werden, ist eine Realität, mit der sich europäische Politik abzufinden haben wird.

Der krasseste Fall der Ignoranz von Grenzen ist aber Merkels berühmter Satz, es gäbe „keine Obergrenze“ für die Aufnahme von Flüchtlingen. Auch hier gilt: Die Schwierigkeit, eine Grenze genau zu beziffern, bedeutet nicht, dass es sie nicht gibt. Tatsächlich ist die Aufnahmefähigkeit eines Landes für Einwanderung natürlich ebenso begrenzt wie die Fähigkeit der Natur, Ressourcen für Wirtschaftsprozesse zu liefern.

Der Wunsch völlig grenzenlos zu helfen ist – so edel der moralische Antrieb dahinter auch sein mag – ähnlich vermessen wie der Anspruch auf endlose Steigerung des Bruttoinlandsprodukts. Es gibt kein moralisches Recht, die Schätze der Erde über die Grenzen ihrer Tragfähigkeit hinaus auszubeuten. Es gibt aber auch keine moralische Pflicht zu unbegrenzter Hilfe bis zur Opferung der Funktionsfähigkeit des eigenen Gemeinwesens. Zur Verantwortung jeder Regierung gehört, die Überforderung der natürlichen und gesellschaftlichen Ressourcen zu verhindern. Das ist vermutlich die wichtigste Aufgabe der Politik im 21. Jahrhundert.

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Die alten Griechen hätten angesichts solcher Grenzvergessenheit auf mehreren Ebenen von einem akuten und kollektiven Fall der „Hybris“ gesprochen, also der Selbstüberschätzung von Menschen. In den griechischen Mythen oder auch in antiken Dramen werden Menschen, die die ihnen gesetzten Grenzen überschreiten, von der Göttin Nemesis stets bestraft. In der Bibel sind nach dem Turmbau zu Babel ähnliche Folgen für die Menschen kolportiert, die zu hoch hinaus wollten. Wer nach der Abschaffung der Götter die Hybris der Menschen bestraft, ist noch nicht ausgemacht. Wir sollten es lieber nicht darauf ankommen lassen.

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