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Entgrenzung ist Programm geworden Wir sollten lernen, Grenzen zu akzeptieren

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"Grenzen des Wachstums"

Es gab eine Zeit, sie ist noch gar nicht so lange her, da wurden sich viele Menschen dieses unauflösbaren Widerspruchs zwischen unendlichem Wachstum und begrenzter Erde bewusst. Es war eine kurze Epoche intensiver Debatten, die mit dem Titel der berühmten Studie des „Club of Rome“ verbunden ist: „Die Grenzen des Wachstums“  (1972). An der Richtigkeit der wesentlichen Botschaft dieses Weltbestsellers kann es nie einen Zweifel geben: Die ökologischen Grenzen des Wirtschaftens sind ganz eindeutig real. Auch wenn sich der genaue Verlauf dieser Grenzen wohl nicht so eindeutig bestimmen lässt, wie es Dennis Meadows und seine Mitstreiter zu können glaubten.

Reaktionen zu möglichen Grenzschließungen

Es ist heute leider weitgehend vergessen, wie sehr diese Studie und andere Bücher mit ähnlichen Thesen das damals noch ziemlich junge Wachstumsparadigma der Nachkriegsjahrzehnte erschütterten. Nicht nur Intellektuelle, sondern auch Politiker und Manager großer Konzerne zeigten sich damals geläutert und bereit für eine grundlegend andere Ausrichtung der Wirtschaftspolitik. Der spätere SPD-Vorsitzende Hans-Jochen Vogel schrieb 1972 von der „Krise des über seine Grenzen hinauswuchernden ökonomischen Systems“. Es sei, so Vogel in einem Interview, Aufgabe der Politik, sich auf das Ende des Wachstums vorzubereiten – „bis 1980 oder 82“. Sicco Mansholt, heute vergessener Kommissionspräsident der Europäischen Gemeinschaft, erlitt durch die Lektüre der „Grenzen des Wachstums“ nach eigener Aussage einen Schock und forderte in einem Brief an die europäischen Regierungschefs eine generelle Abkehr von der forcierten Wachstumspolitik in Europa. Porsche kündigte 1972 unter Verweis auf die „Grenzen des Wachstums“ ein „Langzeit-Auto“ mit schlappen 75 PS an. BMW-Chef Bernhard von Kuenheim gab im Oktober 1973 zu Protokoll: „Wir kennen die Grenzen des Wachstums des Automobils.“  

Von all dem war aber bald nicht mehr die Rede. Vogel verzichtete als Verkehrsminister unter Helmut Schmidt, der die Grenzen des Wachstums für eine „Gespensterdebatte“ hielt, auf derlei Interviews, Mansholt und sein Brief wurden in Brüssel aktiv vergessen und Porsche hat seit Jahrzehnten keinen Wagen mit weniger als 200 PS im Angebot, Tendenz weiter steigend. 

Für das Problem mit den Grenzen des Wachstums in der realen Welt jenseits des Finanzsektors haben findige Ökonomen und Grüne Vordenker wie Ralf Fücks die argumentative Allzweckwaffe des „Wachstums der Grenzen“ oder des „grünen Wachstums“ gefunden, um Ökologie und Ökonomie scheinbar zu versöhnen: Bis der letzte Zentner fossilen Brennstoffs verglüht oder die Tragfähigkeitsgrenzen erreicht sind, wird uns schon noch irgendwas einfallen. Die Methoden der Ausbeutung werden einfach immer mehr verbessert – zum Beispiel durch Fracking – und die Nutzung der Ressourcen immer effizienter. Zur Aufmunterung erzählt man sich die Geschichte von der Steinzeit, die nicht aus Mangel an Steinen zu Ende gegangen sei. „Innovation“ dient dabei als Zauberwort und Hoffnungsanker. Der Begriff taucht in der Wirtschaftspresse vor 1970 so gut wie überhaupt nicht vor, doch nun ist er wie Michael Hutter 2010 feststellt, das „Schlagwort des Jahrzehnts“.  

Das Zeitalter der ökonomischen Entgrenzung ist deckungsgleich mit dem politischen Zeitalter der fallenden Grenzen. Es war dies, grob gesagt, die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts mit dem Höhepunkt der Epochenwende 1989/90, dem ein verlängertes Jahrzehnt des scheinbaren „Endes der Geschichte“ (und der Grenzen) folgte. Die ganze Welt und Schengen-Europa vorneweg schien auf dem Weg zu liberaler Demokratie und grenzüberschreitender Wohlstandsmaximierung. Zumindest redete man sich das gerne ein. Das Ende des Endes der Geschichte markierten dann symbolisch der 11. September 2001 und die Finanzkrise. Seither ist die "Entgrenzungskrise" (Kurt Biedenkopf) unübersehbar geworden.

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