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Entgrenzung ist Programm geworden Wir sollten lernen, Grenzen zu akzeptieren

Grenzen, nicht nur geographische, sondern auch ökologische, schienen in den vergangenen Jahrzehnten vor allem zum Überschreiten da. Doch so wird es nicht weitergehen können.

Quelle: imago images

An was denkt der Durchschnittsdeutsche beim Wort „Grenze“? Wenn er sich noch an den 9. November 1989 erinnern kann, dann wahrscheinlich an ebenjene wunderbare Nacht des Glücks, als die Berliner auf der Mauer tanzten und diese schändliche, tödliche Grenze sich auflöste. Es gibt wahrlich guten Grund dafür, dass man hierzulande mehr als anderswo glaubt, „eine Grenze sei nur dazu da, um sie zu überschreiten,“ wie Peter Sloterdijk neulich feststellte. Vermutlich ist es in Deutschland noch mehr als anderswo eine Reaktion auf die Geschichte des 20. Jahrhunderts, dass wir es laut Sloterdijk vorziehen, „in einem surrealen Modus von Grenzvergessenheit " zu existieren.

Man muss nur einmal „ohne Grenzen“ bei google eingeben, um zu sehen, wie grenzenlos der Anti-Grenzen-Topos mittlerweile bemüht wird. Es gibt nicht nur Ärzte und Reporter „ohne Grenzen“, sondern mittlerweile Ingenieure, Manager und sogar – kein Witz – „Homöopathen ohne Grenzen“. Linke wie Ianis Varoufakis warnen ebenso vor „Zäunen und Grenzen als Zeichen der Schwäche“ wie Wirtschaftsverbände.

Zehn hartnäckige Wirtschaftsmythen
Irrtum 1: Die Ära des Wachstums ist vorbeiDer Glaube an eine bessere Zukunft ist in Zeiten der Eurokrise geschwunden. Ökonomen wie der Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman und der französische Ökonom Thomas Piketty unken, das Wachstum sei vorbei. Nach Aussage von Buchautor Henrik Müller hat dieses Gefühl nach weltweiten Krisen Tradition: Doch egal ob es um die Kriege des 20. Jahrhunderts oder die große Depression der USA in den Dreißigerjahren geht: Nach jeder Wachstumsdelle folgte ein Aufschwung. Denn „die eigentliche Quelle aller Wohlstandszuwächse“ sei die Neugierde – und die sei weiterhin vorhanden. Müller rechnet mit einer „Explosion der Kreativität“. Der Grund: In wohlhabenden Gesellschaften, wo die Grundbedürfnisse abgedeckt und Bildung und Informationen für große Teile der Gesellschaft leicht zugänglich sind, steigt die Innovationsfähigkeit. Quelle: REUTERS
Irrrtum 2: Große Exportüberschüsse sind gutFakt ist: Bis 2008 war Deutschland fünf Jahre in Folge Exportweltmeister. Fakt ist auch: Kein anderes Land verdient so viel Geld im Welthandel wie Deutschland – nicht einmal China. Ob das so gut ist, wie immer suggeriert wird? Müller bezweifelt das. Ihm zufolge kosten die Exportüberschüsse Wohlstand – denn dafür sinkten erstens die Löhne in der Industrie. Zweitens mache Deutschland sich unnötig abhängig vom Rest der Welt – vor allem von den Schwellenländern, die einen Großteil der deutschen Industriewaren kaufen. Und drittens fehlt das Kapital, das exportiert wird, was die niedrigen Investitionsquoten belegten. Quelle: REUTERS
Irrtum 3: Uns steht das Ende der Arbeit bevorNoch vor zwei Jahrzehnten gab es kaum auf der Welt so viele Langzeitarbeitslose wie in Deutschland. Damals machte sich der „Beschäftigungspessimismus“ breit. Bis heute mache er die Deutschen anfällig für Prophezeiungen über das vermeintliche „Ende der Arbeit“. Belegen lässt sich diese These nicht, meint Müller. So arbeiten heute doppelt so viele Menschen wie noch 1950. Quelle: dpa
Irrtum 4: Die Hartz-Reformen sind die Ursache des BeschäftigungswundersDie Hartz-Reformen gelten hierzulande immer noch als das Musterbeispiel einer Arbeitsmarktreform. In der Tat: Ein Jahr nach dem Inkrafttreten der Reform ging die Arbeitslosigkeit zurück und die Zahl der Beschäftigten stieg an. Einen Kausalzusammenhang sieht Müller aber nicht. Stattdessen sieht er andere Ursachen: Seit dem Jahr 2000 stiegen beispielsweise die Löhne kaum noch. Zudem habe der Euro gegenüber dem Dollar abgewertet. All das trug zur höheren preislichen Wettbewerbsfähigkeit der Deutschen bei. Deutschland sei zudem der große Profiteur des Aufschwungs in China gewesen: Fabriken, Flughäfen, Autos – all das lieferte die deutsche Industrie. Quelle: dpa
Irrtum 5: Deutschland wird von Einwanderern überranntDie CSU und die AfD profilieren sich derzeit mit ihren Kampagnen gegen „Armutszuwanderung“. Auch Thilo Sarrazin lässt grüßen. In Müllers Augen ist das alles purer Populismus. Seit den Fünfzigerjahren kamen Zuwanderer immer in Wellen. Sobald es in ihrer Heimat wirtschaftlich wieder besser lief, kehrten sie zurück. Zudem kämen die Zuwanderer derzeit, um zu arbeiten. Sie zögen deshalb gezielt dahin, wo Arbeitskräfte dringend gesucht werden. Mehr noch: Der Anteil der Zuwanderer, die sozialversicherungspflichtig beschäftigt sind, ist Müller zufolge größer als der in Deutschland geborenen. Von den bulgarischen und rumänischen Zuwanderern habe außerdem ein Viertel einen Hochschulabschluss – der Anteil unter den Deutschen sei geringer. Quelle: dpa
Irrtum 6: China & Co. werden den Westen schon bald in den Schatten stellenBRIC war lange der Inbegriff für die Zukunft der industrialisierten Welt– Brasilien, Russland, Indien und China als Wachstumstreiber der Weltwirtschaft. Bis heute geht die Angst um, dass die westlichen Gesellschaften schon bald von den Schwellenländern überholt werden. Alibaba ist nur ein Beispiel für die expandierende chinesische Wirtschaft. Solche Trends werden oft überzogen dargestellt, findet Müller. Der Aufschwung der BRIC-Staaten sei durch die steigende Nachfrage nach Ressourcen weltweit geprägt. Russland konnte seine Gas- und Öl-Reichtümer zu Geld machen, Brasilien glänzte mit Kohle, Kupfer und Gold. Chinas neue Mittelschiecht erhöhte die Energienachfrage deutlich. Dazu trieben Spekulationen die Preise noch zusätzlich in die Höhe. Damit ist es mittlerweile vorbei – und das kommt auch bei den Schwellenländern an. Quelle: REUTERS
Irrtum 7: Die Industrie ist die Zukunft der WirtschaftNach all den Jahren, in denen der Übergang in die Dienstleistungsgesellschaft als Lösung aller wirtschaftlichen Probleme besungen wurde, gilt die Industrie wieder als Schlüssel zur wirtschaftlichen Stabilität. Das Paradebeispiel: Deutschland. Doch der Aufschwung der deutschen Industrie ging vor allem einher mit der steigenden Nachfrage der Schwellenländer. Sollte der Aufschwung nachlassen, bleibt offen, wen die deutsche Industrie künftig beliefern sollte. Quelle: dpa

Überschritten oder am besten ganz abgeschafft werden sollen aber nicht nur politische Grenzen. Entgrenzung war und ist noch immer die Essenz des Zeitgeistes über alle wesentlichen Lebensbereiche hinweg. Keine Grenzen oder Begrenzungen mehr zu akzeptieren ist das Normal-Programm in Politik, Wirtschaft, Privatleben. Ein Vorbild dafür ist zum Beispiel die Triathlon-Weltmeisterin Chrissie Wellington. „Leben ohne Grenzen“ heißt die Autobiographie der gerade einmal 39-Jährigen. Begleitet hat sie in diesem grenzenlosen Leben, laut Klappentext, „der ständige Drang, sich selbst zu verbessern, ein unstillbarer Hunger auf neue Abenteuer …  und das Mantra der Offenheit gegenüber allen Herausforderungen, die das Leben ihr stellt.“ Politische Karriere will sie übrigens auch noch machen. Wer ohne Grenzen lebt, will eben einfach alles, und zwar nicht wie unsere gläubigen Vorfahren im nächsten Leben, sondern in diesem.

Der wohl stärkste Motor der Grenzvergessenheit aber ist die moderne Wirtschaft. Man kann die vom Finanzsektor dominierte Wachstumswirtschaft mit ihrem aus dem reinen Nichts geschaffenen Geld als den institutionalisierten Versuch verstehen, die Grenzenlosigkeit des Himmelsreiches auf die Erde zu verlegen. Der Kapitalismus wäre demnach nicht nur vom religiösen Glauben der Akteure geprägt, wie Max Weber behauptet („Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“, 1904/05). Er wäre selbst eine Art Religion. Das ist zumindest die Theorie des Soziologen Christoph Deutschmann. Dass Geld die Funktion von Gott eingenommen hat, ist schon die These Georg Simmels in seiner „Philosophie des Geldes“ (1900). Es sei schließlich das Medium, das unbegrenzte Autonomie zulässt und bewirkt.


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Seit der Abschaffung des Gold-Standards des Dollars ist das Geld nun selbst völlig losgelöst von materiellen, irdischen Bindungen. Da erwerbswirtschaftliche Aktivitäten in Geld gemessen werden, ist die Versuchung unwiderstehlich geworden, jegliche Schranken der Dynamik und Expansion zu ignorieren. Für eine vom Finanzsektor dominierte Wirtschaft ist Wachstum etwas nicht nur unendlich mögliches, sondern auch notwendiges. Die totale Entgrenzung ist normal geworden.

Doch Grenzen zu vergessen, heißt nicht, dass man sie tatsächlich verschwinden lassen kann. Geld mag transzendent und unendlich sein. Doch die Dinge, die eine Volkswirtschaft produziert, sind es nicht. Die Menge der für Wirtschaftsprozesse zur Verfügung stehen Rohstoffe ist ebenso begrenzt wie die Tragfähigkeit der Natur für die Schäden, die ihr dadurch zugefügt werden.

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