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Erdogan-Brandrede Ein wütender Autokrat sieht sich in der Defensive

Der Ausraster des türkischen Staatspräsidenten ist wohl eher innenpolitisch motiviert – doch er treibt sein Land damit immer weiter in die außenpolitische Isolation.

Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan. Quelle: AP

Am Wochenende reist Papst Franziskus zu Besuch in die Türkei. Auf dem Programm steht – bislang noch – auch ein Höflichkeitsbesuch bei Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan. Ob es nach dessen verbalen Ausraster noch dazu kommt, ist genauso offen wie die Frage, ob sich der offenkundig zumindest kurzzeitig zum Hassprediger mutierte Staatschef bis dahin wieder beruhigt haben wird.

„Sie sehen wie Freunde aus, aber sie wollen uns tot sehen, sie mögen es, unsere Kinder sterben zu sehen", tönte Erdogan in einer Rede bei der Organisation für Islamische Zusammenarbeit in Istanbul gegen den „Westen“. Was steckt dahinter? Driftet die Türkei jetzt ins islamistisch-fundamentalistische Lager ab? Muss sich der Westen künftig auch vor Terrorakten aus der Türkei fürchten? Rückt der Konflikt mit islamistischen Fundamentalisten nun direkt an die südöstliche Außengrenze der Europäischen Union?

Übersicht der Kritik an Erdogan

Es ist wohl eher Erdogan selbst, der Angst verspürt. Schon vor zwei Jahren leitete er den Schwenk in Richtung einer mehr und mehr islamistischen Politik ein. Nun muss er sehen, dass es der gemäßigte Islam vor dem Hintergrund der Kriegs in Syrien und der unbeschreiblichen Schreckensherrschaft des „Islamischen Staats“ sehr gut mit dem Westen kann und sich mehr und mehr um Verständigung – selbst mit dem früheren Erzfeind USA – bemüht.

Mehr noch: In der Türkei hat Erdogan die Zustimmung der westlich orientierten, modernen und gebildeten Mittelschicht längst verloren. Und er reagiert darauf, wie Autokraten eben so reagieren, wenn sie sich in der Defensive sehen: Er baut einen Feind im Ausland auf, um sich im Inland als Schutzpatron des konservativen und rückständigen Teils der Bevölkerung zu profilieren. Ein Verhaltensmuster, das sich - wenn auch weniger radikal - derzeit auch bei Russlands Präsident Wladimir Putin beobachten lässt.

Erwächst daraus für den Westen eine Gefahr? Wohl eher nicht. Die türkische Wirtschaft läuft noch relativ gut. Als Scharnier zwischen Okzident und Orient ist sie in beide Himmelsrichtungen eng verflochten und auf künftig gute Beziehungen angewiesen. Erdogan wird dies nicht wirklich aufs Spiel setzen. Nur außenpolitisch hat der wütende Staatspräsident offenkundig das Gefühl, nichts mehr zu verlieren zu haben. Von dem Beitritt seines Landes zur EU ist schon lange nicht mehr die Rede. Umso mehr also richtet sich sein Blick nach innen. Der Kampf gegen den „IS“ und die Suche nach einem Frieden zwischen Israel und Palästina werden dadurch nicht einfacher.

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