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Estlands CIO Siim Sikkut „Europa braucht einen digitalen Schengen-Raum“

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Ist Blockchain den Hype wert?

Schon jetzt haben Sie es geschafft, dass ein estnischer Bürger jede Information nur einmal eingeben muss und alle Behörden sie dann austauschen. Was soll da noch weitergehen?
Wir konzentrieren uns derzeit vor allem auf die internationalen Aspekte. Leute und Unternehmen ziehen um, so ist das Leben. Aber das ist derzeit ein Höllenjob. Nehmen Sie mal Ihre Daten als Unternehmen über eine Grenze innerhalb der EU mit. Wir brauchen koordinierte Infrastrukturen, die das ermöglichen. 

Also eine Frage von Standards.
Ja. Aber auch eine Frage des Willens. Wir haben in Estland unsere Infrastruktur so gebaut, dass sie sich mit anderen verbinden lässt. Mit Finnland arbeiten wir eng zusammen. Wir haben angefangen, dass Daten von Unternehmen und Bürgern zwischen beiden Ländern ausgetauscht werden können – etwa wenn jemand umzieht in das jeweils andere Land. 

Wie viele europäische Staaten sind wirklich darauf vorbereitet, das ebenfalls zu machen?
Ich würde sagen, die Hälfte. 

Vor allem föderale Staaten wie Deutschland oder Belgien tun sich damit schwer, allein innerhalb der Behörden ihres eigenen Landes Daten austauschbar zu machen.
Das mag sein. Aber selbst Deutschland hat Pläne. Auch wenn es etwas gedauert hat, bis sie vorlagen. Deswegen bemühen wir uns sehr, hier ständig deutsche Gäste über unseren Weg zu informieren.

Wir brauchen ein digitales Schengen?
Ja, im Prinzip geht es darum, einen digitale Schengen-Raum in Europa zu errichten. 

Lässt sich das sicher vor Cyber-Angriffen herstellen?
Wir brauchen Cyber-Sicherheit, ganz klar. 

Sie benutzen Blockchain dafür.
Unter anderem. Wir experimentieren damit seit zehn Jahren, da gab es das Wort noch gar nicht. Es ging aber immer um die Frage: Wie können die Daten, die vom Staat genutzt werden, unverfälscht bleiben.

Ist Blockchain den Hype wert?
Einen praktischen Nutzen hat sie derzeit nicht. Aber wir glauben, dass irgendwann jemand eine gute Idee für eine praktische Anwendung hat. 

Kann Blockchain die Demokratie verändern, weil viel mehr individuelle Entscheidungen verwaltet werden können?
Klar, technisch geht das. Die Frage ist, ob das jemand will und ob das für jemanden attraktiv ist. 

Wie wichtig ist Vertrauen insgesamt in Estland? Ihre Bürger vertrauen Ihnen ja alles an.
Naja, wir ermöglichen nur den Austausch von Daten. Es gibt aber keinen zentralen Ort, an dem sie liegen.

Trotzdem könnten sie irgendwann benutzt werden …
Estland ist auf der Grundlage eines Rechtsstaats und einer Demokratie gebaut. Insofern gibt es klare Regeln, wie Daten genutzt werden. Deswegen vertrauen die Leute uns. Natürlich können sich diese Regeln ändern, aber in einer Demokratie entscheiden das ja die Menschen. Insofern gibt es immer die Gefahr von Missbrauch – aber wir sollten da an den Rechtsstaat glauben. 

Was wollen Sie noch erreichen?
Drei Sachen: Wir müssen digitale Transaktionen noch deutlich einfacher machen. Wenn etwa ein Kind geboren wird, warum verlaufen die bürokratischen Erfordernisse dann nicht automatisch, sobald die Information der Geburt beim Staat ankommt? Dann müssen wir sicherstellen, dass das Innovationstempo höher wird. In Sachen Künstliche Intelligenz etwa sind wir deutlich zu langsam. Und wir wollen unsere E-Residency-Programm, bei dem alle Bürger weltweit digitale Staatsbürger von Estland werden können, ausbauen. Das funktioniert schon gut, aber wir müssen es stärker skalieren, zum Beispiel mehr Angebote schaffen, die einem digitalen Bürger zugutekommen. Die Leute wollen das. 

Es kommt also nicht auf Geld an, sondern auf politischen Willen.
Natürlich braucht man Geld, aber nicht so viel. Es ist eher eine Frage des Willens, Technologie so anzuwenden, dass es die Art, wie Du arbeitest, ändert.

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