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EU-Frühjahrsgutachten Schock für Europas Wirtschaft

Die Corona-Pandemie hat die europäische Wirtschaft zur Vollbremsung gezwungen. Quelle: imago images

Die Aussichten im Frühjahrsgutachten der Europäischen Kommission sind wie erwartet niederschmetternd. Die EU rutscht in die Rezession. Erholung vor Ende 2021? Unwahrscheinlich.

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Eine Rezession historischen Ausmaßes, ein großer Schock für die EU-Wirtschaft, sehr schwerwiegende sozioökonomische Konsequenzen – in ihrem diesjährigen Frühjahrsgutachten geizt die Europäische Kommission nicht mit niederschmetternden Formulierungen. Das Gutachten steht ganz unter dem Eindruck der Corona-Pandemie.

„Europa erlebt einen wirtschaftliche Schock ohne Präzedenzfall seit der Weltwirtschaftskrise“, sagt EU-Wirtschaftskommissar Paolo Gentiloni. Mit diesen Warnungen ist er nicht allein. Schon seit Wochen schüren Ökonomen die Sorge vor den dramatischen Folgen für die Volkswirtschaften weltweit. So wie beispielsweise der amerikanische Ökonom Nouriel Roubini, der in einem Gastbeitrag für die WirtschaftsWoche sogar vor einer großen Depression in diesem Jahrzehnt warnte. Oder Ökonom Norbert Tofall, Analyst am Flossbach von Storch Research Institute, der Ende April bereits verkündete: „Ohne Entschuldung der Eurozone wird die EU nicht überleben“.

Das Frühjahrsgutachten der EU-Kommission, das am Mittwoch in Brüssel vorgestellt wurde, präsentiert damit keine gänzlich neue Perspektive, sondern bestätigt die Sorgen, die seit Wochen, ja Monaten überall diskutiert werden. Die Corona-Pandemie bedroht die Wirtschaftskraft Europas. Sie hat Verbraucherausgaben, Industrieproduktion und Investitionen abstürzen lassen. Handel, Kapitalflüsse und Lieferketten sind stark beeinträchtigt.

Die konkreten Zahlen: Die Wirtschaft der Eurozone könnte laut Prognose dieses Jahr um 7,7 Prozent schrumpfen. Im Einzelnen erwartet die Kommission nach dem drastischen Einbruch in den 19 Ländern der Eurozone dieses Jahr für 2021 neues Wachstum um 6,3 Prozent. Für die 27 Mitgliedsstaaten der Europäischen Union insgesamt sagt die Prognose für 2020 ein Minus von 7,4 Prozent beim Bruttoinlandsprodukt voraus und für 2021 ein Wachstum von etwa 6 Prozent.

Die Arbeitslosenquote im Euroraum wird 2020 laut EU-Kommission voraussichtlich auf 9,5 Prozent steigen – ein Zuwachs um 2 Prozentpunkte. In der gesamten EU rechnen die Experten mit einem Anstieg von 2,3 Prozentpunkten für 2020 auf 9 Prozent, 2021 könnte die Quote dann wieder leicht fallen auf 8 Prozent. Vor allem junge Europäer dürfte diese Entwicklung hart treffen. Nach Schätzungen der EU-Kommission könnte es gerade für sie schwieriger werden, ihren ersten Arbeitsplatz zu sichern.

Die Inflation wird dieser Prognose zufolge stark zurückgehen. Die Teuerungsrate in der Eurozone, die mit dem sogenannten Harmonisierten Index der Verbraucherpreise gemessen wird, wird für 2020 mit 0,2 Prozent angesetzt und für 2021 dann mit 1,1 Prozent. Für die EU insgesamt sind die entsprechenden Werte 0,6 Prozent in diesem und 1,3 Prozent im nächsten Jahr.

Weil die Mitgliedsstaaten zur Krisenbewältigung Milliarden ausgeben, werden die Defizite nach Erwartung der EU-Kommission stark steigen. Der aggregierte Wert für das Staatsdefizit aller Mitgliedsstaaten, das 2019 nur noch bei 0,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts lag, wird demnach 2020 auf 8,5 Prozent in die Höhe schnellen. Für 2021 wird dann ein Wert von 3,5 Prozent erwartet. Der Schuldenstand der Staaten der Eurozone insgesamt wird damit laut Prognose von 86 Prozent 2019 auf rund 103 Prozent des Bruttoinlandsprodukts steigen. Erlaubt sind in der EU eigentlich nur 60 Prozent des BIP, doch wurden die Regeln des Stabilitäts- und Wachstumspakts quasi außer Kraft gesetzt.

Zwar rechnet die EU-Kommission mit einer ersten Erholungsphase durch die schrittweisen Lockerungen der Eindämmungsmaßnahmen europaweit, eine vollständige Erholung der EU-Wirtschaft erwartet man in Brüssel jedoch vor Ende 2021 nicht. Die Investitionen dürften vorerst verhalten bleiben, der Arbeitsmarkt nur langsam wieder an Fahrt aufnehmen, so die Prognose.

Es sind Schätzungen, denn die Schwere und das Ausmaß, das die Krise für die Volkswirtschaften der EU-Länder haben wird, ist noch überhaupt nicht absehbar, ist sich die Europäische Kommission sicher. Wie tiefgreifend die Auswirkungen werden, hänge von der Entwicklung der Pandemie ab, sagt Vladis Dombrovskis, Geschäftsführender Vizepräsident für Wirtschaft und Finanzmärkte bei der EU-Kommission. Eines sei aber bereits sicher: „Die unmittelbaren Auswirkungen für die Weltwirtschaft werden weitaus schwerwiegender sein als die der Finanzkrise.“ Dombrovskis spricht von einem „symmetrischen Schock“, der alle EU-Länder gleichermaßen betreffe. „Alle werden voraussichtlich in diesem Jahr eine Rezession erleben.“

Sowohl die Tiefe der Rezession als auch deren Stärke dürften in den EU-Ländern jedoch unterschiedlich intensiv ausfallen, je nach Ausprägung der Krise und den finanziellen Ressourcen jedes Landes, sagt EU-Kommissar Gentiloni. So könnte das Minus bei der Wirtschaftsleistung in Polen bei rund 4 Prozent in Griechenland bis zu knapp 10 Prozent erreichen. Die Erholung 2021 werde ebenfalls verschieden ausfallen und die Verluste unterm Strich nicht wettmachen, erklärte Gentiloni. Eine solche Divergenz stelle eine Bedrohung für den Binnenmarkt und das Euro-Währungsgebiet dar – „dieses Risiko kann jedoch durch entschlossenes gemeinsames Handeln gemindert werden“, so Gentiloni.

Zwar hätten die EU und ihre Mitgliedstaaten bereits außerordentliche Maßnahmen zur Abschwächung der Auswirkungen ergriffen, aber die kollektive Genesung hänge vor allem davon ab, wie gut die EU-Länder in der Coronakrise kooperierten.

Die Botschaft an die Mitgliedsstaaten ist klar – und direkt: „Wir sind zusammen stärker“, so Dombrovksis.

Mehr zum Thema:

Der Konflikt zwischen Süd- und Nordeuropa um Vergemeinschaftung und Schuldenpolitik führe früher oder später ins Desaster, sagt der Ökonom Norbert Tofall. Um die EU zu retten, müsse die Eurozone entschuldet werden. Lesen Sie hier das Interview mit dem Analysten.

Mit Material von dpa

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